Schnelle Finger und schnelle Ohren
Als der Gitarrist Attila Zoller 1998 Jahren starb, verlor die Jazzwelt einen ihrer guten Geister: Nicht nur sein Spiel, sondern auch sein Wesen war von Warmherzigkeit und Neugierde geprägt.
Mit Gabor Szabo (1936-82) und Attila Zoller (1927-98) brachte Ungarn zwei herausragende Jazzgitarristen des 20. Jahrhunderts hervor. Beide verliessen ihre Heimat im Zuge der Nachkriegswirren und liessen sich schliesslich in den USA nieder. Während Szabo mit diversen Crossover-Projekten (u.a. «Jazz Raga») aufhorchen liess, integrierte Zoller als einer der ersten Bop-Gitarristen Elemente des Free Jazz in sein Spiel. Daneben betätigte er sich als unermüdlicher Förderer junger Talente. Zu diesen gehörte auch ein gewisser Pat Metheny: «Als ich 15 war, lud mich Attila für eine Woche nach New York ein. Tagsüber spielten wir miteinander, später schleppte er mich zu Auftritten von Jim Hall, Bill Evans und Freddie Hubbard. Nach dieser Woche war für mich klar, dass ich Jazzmusiker werden wollte.»
Zoller entstammt einer Musikerfamilie, früh erhielt er von seinem Vater Geigenunterricht. Nach dem Krieg lernte er Gitarre und entdeckte den Jazz für sich. Um dem vergifteten politischen Klima in Ungarn zu entkommen, marschierte er 1948 von Budapest nach Wien. Bis ins hohe Alter hinein achtete Zoller nicht nur auf psychische, sondern auch auf physische Fitness, zu seinen grossen Leidenschaften neben der Musik zählten Schwimmen und Skifahren. Ab 1954 lebte Zoller ein halbes Jahrzehnt in Deutschland, wo eine lebendige Szene aus einheimischen Musikern und amerikanischen Exilanten wie Oscar Pettiford oder Kenny Clarke im Entstehen begriffen war. Besonders enge Kontakte knüpfte Zoller zu dem Posaunisten Albert Mangelsdorff und dem aus Österreich stammenden Saxofonisten Hans Koller; diese Kontakte liess Zoller auch nach seiner Übersiedlung in die USA nicht abbrechen.
Mangelsdorff war insbesondere von Zollers enorm schneller Auffassungsgabe beeindruckt: «Er hat Dinge, die ich spontan spielte, mit seinem unheimlichen Ohr und seinem unheimlichen Einfühlungsvermögen harmonisch sinnvoll gemacht.» Zoller war in der Tat ein Gitarrist, der nicht nur über eine beeindruckende Technik, sondern auch über ein hoch entwickeltes Gehör verfügte. Dieses befähigte ihn auch dazu, vielgestaltige und überraschende Melodielinien zu improvisieren (weil der Aufbau des Griffbretts nicht nur der Intuition, sondern zum Teil auch der Logik zuwiderläuft, neigen viele Gitarristen dazu, einstudierte Licks abzuspulen statt unklischierte Phrasen zu entwickeln). Neben Jimmy Raney, der das Bop-Vokabular Charlie Parkers auf mustergültige Weise auf die Gitarre übertrug, zählten der schnörkellose Melodiker Charlie Christian und der auf dichte Akkorde spezialisierte Tal Farlow zu Zollers Inspirationsquellen.
In den USA verlief Zollers Karriere alles andere als geradlinig. Als Sideman absolvierte er einen stilistischen Zickzack-Kurs, der in sowohl mit gemässigten Modernisten wie Chico Hamilton und Herbie Mann als auch mit Swing-Helden wie Benny Goodman und Red Norvo in Berührung brachte. Besonders aufregende Ergebnisse zeitigte die leider viel zu wenig beachtete Zusammenarbeit mit dem Pianisten Don Friedman, der mit Zoller nicht nur eine fundierte Kenntnis der Jazztradition, sondern auch eine unstillbare Experimentierfreude teilte. Im März 1965 nahm Zoller mit seinem Quartett, zu dem neben Friedman der Bassist Barre Phillips und der Schlagzeuger Daniel Humair gehörten, in Berlin das Album «The Horizon Beyond» auf, dessen Mischung aus abstraktem Expressionismus und struktureller Komplexität immer noch äusserst brisant und mitreissend wirkt.
Der grosse Durchbruch blieb Zoller verwehrt. In Musikerkreisen jedoch genoss er höchstes Ansehen: Man bewunderte nicht nur seine zugleich sinnliche und raffinierte Musikalität, sondern schätzte auch seine Warmherzigkeit im persönlichen Umgang. In Gitarristenkreisen wurde Zoller als eine Art Kultfigur zum Anfassen verehrt. Dies geht auch aus den Worten von John Scofield deutlich hervor: «Attila war ein wichtiges Glied in der Jazzgitarrenkette. Als Musiker war er hip, als Mensch sehr nett und umgänglich. Er hat uns junge Musiker immer unterstützt.»
2004
CD-Tipps
Attila Zoller Quartet, The Horizon Beyond (ACT Jazz Classics/MV)
Attila Zoller (mit Ron Carter, Joe Chambers), Common Cause (Enja/MV)
Lee Konitz / Don Friedman / Attila Zoller, Thingin‘ (Hat Hut/Musicora)
