Mit Schmäh, Charme und Melodien: Joe Zawinul wird 70 (2002)

Aktueller Nachtrag: In der Nacht auf den 11. September 2007 ist Joe Zawinul in Wien im Alter von 75 Jahren an Krebs gestorben.

Joe Zawinul hat in 70 Lebensjahren einen weiten Weg zurückgelegt. Er wuchs in Wien als Arbeiterkind auf. Heute lebt er mit seiner Frau Maxine in einer Villa mit Meerblick in Malibu. Dazwischen hat er an der Seite von Cannonball Adderley und Miles Davis sowie als Co-Leader von Weather Report Jazzgeschichte geschrieben.

Tom Gsteiger

Eigentlich hätte aus Joe Zawinul ein zweiter Friedrich Gulda werden sollen. Doch kurz vor einem wichtigen Klavierwettbewerb in Genf sagte er der Klassik adieu und heuerte als Akkordeonist bei einer Hillbilly-Band an. Das war vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Band absolvierte eine Tournee durch amerikanische Militärcamps. Zawinul im Rückblick: «Damals hat mein professionelles Leben wirklich begonnen. Und in einem amerikanischen Club habe ich zum ersten Mal ein wirkliches Super-Frühstück gegessen.»

Ein Jahrzehnt später, also 1959: Das Schiff «Liberté» bringt Zawinul von Le Havre nach New York. Zawinul reist mit einem Koffer, 800 Dollar und einem durchlöcherten Hut, er hat ein Stipendium für ein viermonatiges Studium an der Jazzschule in Berklee erhalten. Nach zwei Wochen bricht er die Schule aber ab: Ein Engagement in der Bigband des Stratosphären-Trompeters Maynard Ferguson ist für ihn verlockender.

Zawinul ist sich sicher: Die USA sind der richtige Ort für ihn. Und tatsächlich: Er ist der erste Europäer, dem es gelingt, in der amerikanischen Jazzszene dauerhaft Fuss zu fassen. Einen Grund hierfür zieht Zawinul in seiner Herkunft: Seine proletarischen Wurzeln und der berühmt-berüchtigte Wiener Schmäh hätten ihn mit einem Sensorium ausgestattete, das dem der Schwarzen ähnlich sei, und der Wiener Dialekt swinge fast auf die gleiche Art wie der afro-amerikanische Slang. Kommt hinzu: Zawinul ist ein enorm talentierter Pianist, er besitzt das absolute Gehör und eine blitzschnelle Auffassungsgabe. Diese kann er von Ende 1959 bis Anfang 1961 als Begleiter der Sängerin Dinah Washington unter Beweis stellen, die ihn mit den Worten «Ladies and Gentlemen: Joe Zawinul ... the touch of George Shearing and the soul of Ray Charles» anzukündigen pflegt. Daraus wird auch ersichtlich, dass es damals mit Zawinuls Originalität noch nicht weit her war. Der Durchbruch zu einem eigenen, unverwechselbaren Vokabular (und zwar als Improvisator und Komponist) gelang ihm während seiner von 1961 bis 1970 dauerenden Mitarbeit in der Band des Altsaxofonisten Cannonball Adderley.

«Mercy, Mercy, Mercy»

Die Adderley-Band spielt einen zugleich schnörkellosen und raffinierten Hardbop, der sich Einflüssen aus Rhythm‘n‘Blues, Soul und Funk nicht verschliesst. In diesem Umfeld gelingt es Zawinul, sein Spiel von virtuosen Bop-Schlenkern und rhapsodischen Ornamenten zu reinigen und zu einem essenziellen, rhythmisch ungemein prägnanten Stil vorzudringen. Der joviale Bonvivant Adderley greift auch gerne auf das kompositorische Potenzial des einzigen weissen Mitglieds seiner Band zurück, das Resultat sind einige der «schwärzesten» Nummern im Repertoire, darunter der mit einem Grammy ausgezeichnete Hit «Mercy, Mercy, Mercy». Für die Interpretation dieses Stücks wechselt Zawinul erstmals vom Klavier zu elektrischen Keyboards wie Wurlitzer oder später Fender Rhodes. Damit beginnt für ihn die Suche nach immer neuen Klängen, die ihn in den 70er-Jahren zum herausragenden Synthesizer-Pionier werden lässt. Zawinuls Stücke entstehen nicht am Reissbrett: «Für mich bedeutet Komponieren immer, mich niederzusetzen und zu spielen. Alles entsteht durch pure Improvisation.» An diesem intuitiven Ansatz liegt es wohl auch, dass Zawinuls Stücke fast nie in sattsam bekannten Bahnen verlaufen. Da gibt es zum Beispiel impressionistische Klangbilder, die wie Schimären am Horizont auftauchen und wieder verschwinden. Oder elliptische Groove-Schlaufen ohne klar definiertes Ende.

«In A Silent Way»

Gegen Schluss seines Adderley-Engagements wird Zawinul zu einem Art Ehrengast bei den experimentellen Studio-Sessions des Trompeters Miles Davis, lehnt es aber ab, ein offizielles Mitglied der Davis-Gruppe zu werden: Er hat andere Pläne. Doch bevor sich diese zu konkretisieren beginnen, entstehen 1969 Meilensteine des «Electric Jazz» wie «In A Silent Way» und «Bitches Brew». An beiden ist Zawinul massgeblich mitbeteiligt, sei es als Komponist («In A Silent Way» und «Pharaoh‘s Dance» stammen von ihm), sei es als einer von bis zu drei Keyboardern, die insbesondere für koloristische Effekte verantwortlich sind, oder als Lieferant infektiöser Basslinien. Davis revanchiert sich, indem er für das Album «Zawinul» (Atlantic, 1971) einen zwar kurzen, aber höchst schmeichelhaften Covertext beisteuert. Jetzt ist die Zeit endgültig reif für eine eigene Band. Mit dem ein Jahr jüngeren Saxofonisten und Komponisten Wayne Shorter ruft Zawinul die Formation Weather Report ins Leben, die bis 1985 Bestand haben wird.

«Birdland»

Weather Report war die langlebigste, produktivste und kreativste Band der Fusion-Ära, in der der Jazz vorübergehend die Popularität zurückerlangte, die ihm nach der Swing-Epoche abhanden gekommen war. Der introvertierte Sci-Fi-Fan Shorter und der umgängliche Slibowitz-Macho Zawinul waren ein seltsames, aber symbiotisches Paar. Das Œuvre von Weather Report lässt sich cum grano salis in drei Phasen einteilen. In der Frühphase war die Musik sehr offen strukturiert, es gab viele fliessende Übergänge zwischen komponierten Teilen und improvisierten Teilen, es galt Zawinuls Devise: «We always solo, we never solo.» In der mittleren Phasen waren Zawinuls orchestraler Umgang mit den Synthesizern und das fulminante Elektrobassspiel des manisch-depressiven Genies Jaco Pastorius die dominierenden Faktoren: Für viele ist das 1977 eingespielte Album «Heavy Weather» (Columbia) mit der Hitnummer «Birdland» das opus magnum von Weather Report. In den letzten Jahren schwankte die Gruppe zwischen resignativen Tendenzen und Geistesblitzen. Man kann Zawinul nur beistimmen, wenn er bilanziert: «Die erste Band, deren Musik einen total eigenständigen Charakter hatte und die zugleich Einflüsse aus allen möglichen Kulturen verarbeitete, war Weather Report.» Die nicht kopierbare Originalität von Weather Report wurde vor zwei Jahren durch die gut gemeinte, aber schrecklich missglückte CD «Celebrating The Music Of Weather Report» (Telarc) unter Beweis gestellt, auf der tolle Musiker ungeniessbare Coverversionen spielen.

«Faces & Places»

Zawinuls aktuelles Album, «Faces & Places» (ESC/RecRec), ist ein gutes Beispiel für das, was man imaginäre Weltmusik nennen könnte: Der Keyboarder, der 21 Musiker und Musikerinnen aus beinahe allen Ecken der Welt ins Studio geholt hat, spielt nicht mit Zitaten und Versatzstücken, sondern mit Stimmungen und Eindrücken, die er auf seinen Reisen auf sich hat einwirken lassen. Die Musik kommt mehrheitlich locker und fröhlich daher und groovt ungemein, zuweilen vermisst man allerdings zündende kompositorische Ideen.

Biografien

Brian Glassers «In A Silent Way: A Portrait Of Joe Zawinul» (Sanctuary Publishing 2001) bringt viel O-Ton von Zawinul und anderen Musikern, lässt aber analytischen Tiefgang vermissen. Gunther Baumanns «Zawinul: Ein Leben aus Jazz» (Residenz-Verlag 2002) ist ein grosszügig illustrierter Interviewband.