Tausendsassa

Der Posaunist Nils Wogram ist auf der Überholspur unterwegs.

Tom Gsteiger

2001 hat es Nils Wogram aus amourösen Gründen von Köln nach Zürich verschlagen. War mit diesem Ortswechsel für den 1972 geborenen Posaunisten auch in künstlerischer Hinsicht ein Neuanfang verbunden? Wogram verneint: Die kontinuierliche, langfristige Arbeit mit einem festen Pool von Musikern liege ihm sehr am Herzen und da er seine Tourneen langfristig plane, sei es nicht so wichtig, wo er wohne. Durch einen Kompositionsauftrag der Pro Helvetia wurde er allerdings darauf verpflichtet, ein Projekt mit Vertretern der hiesigen Szene zu erarbeiten: Weil er fünf Jahre Zeit dafür hat, bereitet ihm diese Aufgabe keine schlaflosen Nächte (dafür dürfte manchmal seine kleine Tochter Nellie sorgen).

Die neueste Kreation des wohl kreativsten europäischen Posaunisten seit Albert Mangelsdorff ist ein Septett mit zwei Blech- und vier Holzbläsern sowie einem Schlagzeuger. Für diese ungewöhnliche Formation, die durch den Verzicht auf Bass und Harmonieinstrument eine neue Verteilung der Funktionen erfordert, hat Wogram «alte Bekannte» verpflichtet, die zur Kölner oder Berliner Szene gehören. «Die Stücke habe ich speziell für diese Musiker geschrieben. Sie sollen ihren Sound und ihre Ideen auf der Grundlage meiner Schreibweise verwirklichen können», hält Wogram fest. Er empfindet das neue Programm als stilistisch einheitlicher als bisherige Arbeiten, es gebe viele ruhige Passagen. Auf Jazz-Akrobatik habe er bewusst verzichtet: «Ich wollte meine musikalische Sprache lyrisch und schlicht halten.» So schlicht ist die Sache dann doch nicht herausgekommen, wie man sich dank der CD «Swing Moral» (Enja) selbst überzeugen kann.

Von 1992 bis 1994 studierte Wogram in New York. Anfänglich befasste er sich sehr stark mit der Tradition (Posaunisten wie J.J. Johnson oder Jimmy Knepper können Wograms Bewunderung nach wie vor sicher sein). Der Kompositionsunterricht beim Pianisten Kenny Werner legte neue Perspektiven frei, mit denen sich Wogram allerdings erst in Köln richtig intensiv auseinanderzusetzen begann. «Köln ist eine der besten Städte für Neue Musik und Jazz. Es gibt eine grosse Szene mit vielen eigenwilligen Leuten», sagt Wogram. Als herausragendes Charakteristikum des «Kölner Jazz» (der natürlich kein einheitlicher Stil, sondern ein Sammelsurium sehr persönlicher Idiome ist) nennt Wogram die Kombination anspruchsvoller, avancierter Kompositionstechniken mit unterschiedlichen Improvisationsstrategien.

Abschliessend sei auf zwei weitere Alben Wograms hingewiesen. «Construction Field» (Altri Suoni) dokumentiert ein inzwischen aufgelöstes Quartett mit dem Pianisten Simon Nabatov, dem Bassisten Henning Sieverts und dem Schlagzeuger Jochen Rückert. Letzterer ist auch in Wograms «working band» Root 70 aktiv, die durch Hayden Chisholm (Altsax, Bassklarinette) und Matt Penman (Bass) komplettiert wird und der mit «Getting Rooted» (Enja) eine fabulöse CD geglückt ist, auf der sich Risikofreude und abgebrühte Coolness wunderbar ergänzen. Wogram vergleicht: «Beim Quartett mit Nabatov ist die stilistische Bandbreite enorm, das reicht von einem Stück à la Ellington bis zu Sachen, die auf Zwölftonreihen basieren. Bei Root 70 geht es eher darum, die Dinge durch die Blume zu sagen.»

Da dieser Text nicht mehr ganz taufrisch ist, müsste er eigentlich in einigen Punkten noch stärker überarbietet werden - vorerst soll allerdings der Hinweis genügen, dass es von Root 70 eine aktuellere Aufnahme als «Getting Rooted» gibt, nämlich «Fahrvergnügen» (Intuition).