Seltsame Tiere und kühner Kitsch
Ausgerechnet im Zürcher Seefeld, diesem Quartier bürgerlich domestizierter Langeweile, lebt Stephan Wittwer und arbeitet obsessiv an der Fabrikation von Klängen, die die Welt noch nie gehört hat. Vor einigen Jahren wurde Wittwer mit folgender Frage konfrontiert: «Heiner Goebbels schreibt, dass heute alles denkbare musikalische Material entdeckt ist und keine materialimmanenten Fortschritte mehr möglich sind. Bedeutet diese Situation für einen Musiker einen Gewinn oder einen Verlust an Freiheit?» Wittwer antwortete lakonisch: «Ich weiss nicht, was Freiheit heisst. Und die Aussage von Heiner Goebbels bezweifle ich.»
Inzwischen hat sich gezeigt, dass Wittwers Zweifel berechtigt sind. Nicht zuletzt auf dem Gebiet elektronischer Klangerzeugung gibt es durchaus noch «terra incognita» zu erforschen. In den letzten Jahren hat dieser Aspekt im Schaffen des 1953 geborenen Zürcher Künstlers, der früher als wild entschlossener Elektrogitarrist für Furore sorgte, eine gewaltige Brisanz erlangt – nicht unwesentlich dazu beigetragen haben die Verbilligung der Maschinen, die Miniaturisierung der Computer und das Internet. So entstand die Doppel-CD «sicht 04 etc.» (Domizil ) in Wittwers Heimstudio, das er sich in seinem Wohnzimmer eingerichtet hat. In einigen Stücken bearbeitet Wittwer Gitarrenaufnahmen aus früheren Jahren – ein Beispiel hierfür ist die 15-minütige Studie «In A», deren Basismaterial die leere, sehr laut gespielte A-Saite liefert. Aber es gibt auch Stücke, die ausschliesslich am Computer entstanden sind, zum Beispiel drei Miniaturen, die Wittwer «Strange Animals» nennt.
Weil er sich nicht bevormunden lassen will, arbeitet Wittwer nicht mit handelsüblicher Software, sondern ist selber als Programmierer tätig, wobei seine Phantasie zum Bizarren und Spröden tendiert. Das knapp 12-minütige LSRM, das 2003 am Taktlos Bern in einem speziell eingerichteten Hörraum zur Uraufführung gelangte, beschreibt er folgendermassen: «Man könnte es als hässlich bezeichnen, unattraktiv, monochrom (grau und braun), eher langweilig, aber keineswegs zur Meditation einladend, sondern eher eine Art «Anti-Lounge-Musik», ohne gegen (oder für) etwas zu sein. Es steht einfach so etwas ungeschickt im Raum.» Nichtsdestotrotz besitzt LSRM eine innere Dramaturgie: «Es gibt vier Teile mit vier hervortretenden «Protagonisten», die ein wenig an Tiere erinnern, allerdings nicht an existierende und schon gar nicht an besonders menschenfreundliche. Diese Gestalten erinnern überhaupt zum Teil auch mehr an Motoren als an Lebewesen.»
Die zweite CD ist ganz dem Stück «sicht 04» gewidmet, das über 50 Minuten dauert und über weite Strecken eine karge, seltsame Ruhe ausstrahlt, die sich aus der Übereinanderschichtung von akustischen und synthetischen Tönen ergibt. Es handelt sich hierbei um eine Weiterentwicklung eines Werks, das Wittwer für eine mit dem Kitsch liebäugelnde Dia-Installation von Fischli und Weiss geschaffen hat, die nun in die Gestaltung der CD-Hülle eingeflossen ist. Im Gegensatz zu anderen Gitarristen seiner Generation – zu nennen wären etwa Christy Doran und Giancarlo Nicolai – scheint sich Wittwer radikal von Jazz- oder Rock-Bezügen losgesagt zu haben: Mit «sicht 04 etc.» stellt er sich in eine Reihe mit unerschrockenen Klangerfindern wie Edgar Varèse oder Karlheinz Stockhausen. Bleibt zu hoffen, dass ihm die erstickende Umarmung durch das akademische Avantgarde-Establishment erspart bleiben wird.
