Sehnsucht ohne Sentimentalität

Norma Winstone besitzt eine der schönsten und anrührendsten Stimmen des zeitgenössischen Jazz. Auf dem Album «Distances» präsentiert die Britin ein neues Trio.

Tom Gsteiger

Wenn sie singt, klingt das Schwierige plötzlich einfach und verschlungene Melodien werden beinahe zu Ohrwürmern. Bereits als kleines Kind habe sie sich zu seltsamen Liedern hingezogen gefühlt, erinnert sich Norma Winstone. Längst zählt die 1941 in London geborene Sängerin zu den grossen Persönlichkeiten des europäischen Jazz. Mit dem Pianisten John Taylor und dem Trompeter Kenny Wheeler bildete Winstone die Formation Azimuth, die in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre für das Label ECM drei bahnbrechende Alben aufnahm, denen 1995 mit «How it was then ... never again» ein nachdenkliches Postskriptum folgte.

«Das Trio Azimuth war seiner Zeit voraus. Es war nicht einfach, die richtige Musik für diese drei sehr speziellen Stimmen zu finden. Man warf uns vor, wir würden keinen richtigen Jazz spielen», erzählt Winstone. Die Distanzierung vom amerikanischen Standards-Repertoire (zu dem sie selbstverständlich gelegentlich zurückkehrt) begann für Winstone allerdings nicht erst mit Azimuth. So ersetzte sie in der Band von Michael Garrick nicht etwa eine Sängerin, sondern einen Saxofonisten. Damals ging es auf der Londoner Jazzszene drunter und drüber. Winstone nahm auch an wilden Free-Sessions teil (frei improvisierte Zwischenspiele sind nach wie vor ein fester Bestandteil ihrer Konzerte). Ihr melodisches Flair ging dabei zum Glück nicht verloren.

Um sich von fremden Einflüssen frei zu machen, begann Winstone ihr Repertoire um Stücke zu erweitern, um die Sängerinnen zuvor einen weiten Bogen gemacht hatten - aus Instrumentalnummern formte sie Songs. «Es gibt Stücke, bei denen ich sofort fühle, dass Worte in ihnen verborgen sind. Wenn ich einen Text zu einem Stück schreibe, darf dieser die Musik nicht stören. Ein Songtext ist nicht dasselbe wie ein Gedicht», sagt Winstone. Die Musik ist also immer zuerst da, sie ist sozusagen die Quelle der Worte. Tatsächlich schmiegen sich Winstones Texte in fliessenden Konturen an die Melodiemäander an. Winstone ist keine Sängerin, die mit affektierter Inbrunst grosse Gefühle herausbrüllt. Abgebrühte Coolness ist allerdings ebenso wenig ihr Ding. Winstone ist eine Spezialistin für Zwischentöne und subtile Gefühlsverschiebungen. Ihre Musik ist sehnsuchtsvoll, aber nicht sentimental, melancholisch, aber nicht hoffnungslos traurig: Sie wird von einer anrührenden Stimme getragen, die zwischen ätherischer Schwerelosigkeit und warmer Sinnlichkeit oszilliert.

Distanzen überwinden


Auf dem Album «Distances» (ECM) werden in mehrfacher Hinsicht Distanzen überwunden. Mit dem deutschen Holzbläser Klaus Gesing und dem italienischen Pianisten Glauco Venier verbindet Winstone nicht nur den Pop von gestern (Cole Porter) mit dem Pop von heute (Peter Gabriel), sondern schlägt auch einen Bogen von Erik Satie zu John Coltrane. Dazu kommen u.a. Kompositionen von Gesing und Vernier mit Texten von Winstone. Das daraus kein vor Beliebigkeit strotzendes Potpourri wird, zeugt von der hohen Empathie aller Beteiligten. Winstone sagt denn auch: «Meine Mitmusiker sind sehr frei, aber wenn es sein muss, stellen sie sich voll und ganz in den Dienst der Musik.» Und sie fügt hinzu: «Sobald wir einen Plan für ein Stück gefunden haben, wird nicht mehr geprobt. Alles soll frisch bleiben, manche Stücke verändern sich im Laufe der Zeit enorm. Bei Azimuth war das auch so.»

Für Winstone gibt es einen ganz wichtigen Unterschied zwischen einer CD und einem Konzert: «Eine CD soll man sich immer wieder anhören können. Ein Konzert ist ein einmaliges Erlebnis, da können im Moment spannende Dinge passieren, die aber auf einer CD keinen Sinn machen würden.» In diesem Zusammenhang spricht Winstone dem Spiritus Rector der «Edition of Contemporary Music» (ECM), Manfred Eicher, ein grosses Lob aus: «Es gibt viele Leute, die sich Produzenten nennen, aber gar nichts zur Musik beitragen. Dagegen nimmt Eicher wirklich am schöpferischen Prozess teil. Als wir «Distances» aufnahmen, war er krank und deshalb nicht im Studio. Was er aber danach mit dem Material gemacht hat - durch Weglassen und die Wahl der Stückreihenfolge -, ist phantastisch.»

Touchstones


Die Serie Touchstones versammelt vierzig Alben aus dem über 1000 Titel umfassenden ECM-Katalog: in schlanker Kartonverpackung und zu günstigen Preisen. «Somewhere Called Home» von Norma Winstone darf da natürlich nicht fehlen. Begleitet vom lyrischen Pianisten John Taylor und vom knorrigen Tony Coe an Tenorsax und Klarinette, gelingt der Sängerin auf dieser 1986 entstandenen Aufnahme das Kunststück, eine Schnittmenge aus kammermusikalischer Sensibilität à la Azimuth und traditioneller Songkunst zu ziehen. Stücke von Bill Evans, Kenny Wheeler, Egberto Gismonti und Ralph Towner beginnen durch die Texte von Winstone in ungeahnten (v.a. herbstlichen) Farben zu schillern; dazu kommen ein paar Standards und am Schluss wird ein herber, bittersüsser «Tea for Two» serviert.

2008