«The Lady Who Swings The Band»

Mary Lou Williams (1910-1981) war die erste bedeutende Instrumentalistin und Komponistin des Jazz: Linda Dahls «Morning Glory» schildert das turbulente Leben dieser mutigen Pionierin.

Tom Gsteiger

In unseren feministisch sensibilisierten Zeiten kann ein Musikkritiker kaum in ein grösseres Fettnäpfchen treten, als über eine Musikerin zu schreiben, sie spiele wie ein Mann. Doch genau auf dieses Kompliment war die Pianistin Mary Lou Williams stets besonders stolz. Sie sagte: «Ich habe nie viel darüber nachgedacht, dass ich eine Frau bin, ich habe immer nur an Musik gedacht. Ich bin sehr feminin, aber ich denke wie ein Mann. Ich kann besser mit Männern als mit Frauen umgehen, und von Männern habe ich nie abschätzige Bemerkungen gehört über mich als Musikerin.»

Mehrmals gabs Zoff zwischen Williams und dem Kritiker und Produzenten Leonard Feather, weil sie sich von diesem auf ihr Geschlecht reduziert sah. 1946 organisierte Feather eine Aufnahmesitzung mit einer rein weiblichen Band, für die Williams die Arrangements beisteuerte. Im letzten Moment erkrankte die Bassistin und wurde durch Billy Taylor ersetzt, der von Feather auf der Plattenhülle kurzerhand in Bea Taylor umbenannt wurde, was Williams gar nicht lustig fand. Sowieso spielte die Pianistin lieber mit Männern zusammen, die ihr das Wasser reichen konnten. Und das war gar nicht so leicht! Ihren ersten Aufnahmen, die sie im Alter von 16 Jahren machte, attestiert der grosse Jazzgelehrte Gunther Schuller eine Virtuosität, die es um ein Haar mit derjenigen eines Earl Hines oder James P. Johnson aufnehmen könne. Später wurde Williams berühmt-berüchtigt für die hohen Anforderungen, die sie an ihre Mitmusiker stellte: Bei einem einjährigen Engagement 1964 im Hickory House soll sie 18 Bassisten das Leben verleidet haben! Mit Linda Dahls «Morning Glory: A Biography of Mary Lou Williams» (Pantheon Books, New York 1999) liegt ein packender, schön illustrierter und um biblio- und diskografische Angaben ergänzter Lebensbericht vor.

Dahl schildert eine von zahlreichen Höhenflügen und Abstürzen geprägte Karriere, leuchtet akribisch, aber nie voyeuristisch private Hintergründe aus. In einem wichtigen Aspekt vermag Dahls Buch allerdings nicht vollauf zu überzeugen: Die Bewertung und historische Einordnung von Williams' musikalischen Leistungen gerät zu oberflächlich, zu kritiklos-affirmativ. Nichtsdestoweniger gelingt es Dahl, einen Eindruck von Williams' enorm breiter Schaffenskraft zu vermitteln und damit die Neugier auf ihre Musik zu wecken. Ein hervorragender Einstieg in den Williams'schen Musikkosmos, der von Stride-Soli über knackige Bigband-Arrangements bis zu Jazzmessen - nach einer schweren Lebenskrise konvertierte sie 1957 zum Katholizismus - und einer Begegnung mit dem titanischen Free-Pianisten Cecil Taylor reicht, ist die 1945 mit Al Lucas (Bass) und Jack Parker (Drums) eingespielte «Zodiac Suite» (Smithsonian/Folkways Recordings), in der die zwölf Tierkreiszeichen Musikerinnen und Musikern zugeordnet werden, mit denen Williams befreundet oder sonstwie liiert war - um nur einige wenige zu nennen: Duke Ellington, Ben Webster, Billie Holiday, Benny Goodman, Thelonious Monk, Bud Powell und Dizzy Gillespie. Es war übrigens die «Zodiac Suite», die vor fünf Jahren Dave Douglas' Interesse an Williams weckte (siehe unten). Am Schluss von Dahls Buch blickt Williams auf ihr Leben zurück und hält lakonisch fest: «I did it, didn't? Through muck and mud.» (Ich habs geschafft, nicht? Durch Dreck und Schlamm.)

Tatsächlich standen die Chancen für sie denkbar schlecht. Dahl schreibt: «Fast alles sprach gegen sie - der Ort und die Zeit, ihre Klasse, ihre Rasse, ihr Geschlecht.» Williams' Mutter war Alkoholikerin, hatte acht Kinder von verschiedenen Männern und gehörte zum afro-amerikanischen Subproletariat, das durch den Industrieboom nach dem Ersten Weltkrieg vom Süden in den Norden der USA geschwemmt wurde. Mary Lou kam am 8. Mai 1910 in Atlanta auf die Welt, wuchs aber in Pittsburgh auf, wo die Schornsteine Tag und Nacht rauchten. Früh entdeckt man ihre ausserordentliche musikalische Begabung. Mit vier Jahren bringt sie sich das Klavierspiel nach Gehör bei, zwei Jahre später folgen erste Auftritte im privaten Rahmen. Die Musik wird zu ihrem Schutzschild. Mit 13, 14 Jahren tritt sie in Vaudeville-Shows auf, die Schule bricht sie ab. 1926 heiratet sie den Saxofonisten John Williams. Durch ihn kommt sie in Kontakt mit Andy Kirk & his Clouds of Joy. Zuerst arbeitet sie für diese Bigband als Fahrerin, dann entdeckt und fördert Kirk ihre Fähigkeiten als Komponistin und Arrangeurin, die sie im autodidaktischen «Trial-&Error»-Verfahren erlernt. 1931 wird Williams zur offiziellen Bandpianistin und sorgt zusammen mit dem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Tenoristen Dick Wilson für die improvisatorischen Glanzpunkte. Nun ist sie «The Lady Who Swings The Band», so der Titel eines ihr gewidmeten Songs, den die Gruppe 1936 aufnimmt. Sie schreibt auch für andere Bands, zum Beispiel «Roll'Em» für Goodman oder «Trumpets No End» für Ellington. 1942 verlässt sie die Clouds, weil ihr deren Repertoire zu kommerziell geworden ist. Das Aufkommen des Modern Jazz beachtet sie mit Wohlwollen, sie bleibt offen für neue Einflüsse, die sie in ihr Vokabular einbaut. Später wird Williams ihre eigene Sicht der Jazzgeschichte entwickeln. Die Wurzeln des Jazz sind für sie die Leiden der afro-amerikanischen Bevölkerung und deren Transzendierung in den Spirituals und Blues, als wichtigste Stile nennt sie Ragtime, Kansas-City-Swing und Bop. Williams' künstlerische Position wird wohl am besten durch Schullers Begriff der «fortschrittlichen Konservativen» umrissen: Sie war fest in der Tradition verwurzelt, aber deswegen hatte sie noch lange kein Brett vor dem Kopf. Mary Lou Williams starb am 28. Mai 1981.

Dave Douglas spielt Musik von und für Mary Lou Williams

«Was meine Kreativität am Leben erhält, ist nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der Jazztradition. Ich bin interessiert an Musikern, die Risiken eingingen, die sich entwickeln und verändern und der Musik eine ganz spezifische menschliche Note geben.» Also sprach der 1963 geborene Dave Douglas. Douglas' Sextett-CD «Soul On Soul» (BMG) präsentiert Musik von und für Mary Lou Williams. Es ist nach Alben, die dem Trompeter Booker Little und dem Saxofonisten Wayne Shorter gewidmet sind, das dritte Projekt dieser Art, das wir dem umtriebigen New Yorker Trompeter verdanken. 1987 wurde Douglas zum ersten Mal auf Williams aufmerksam gemacht: «Ich spielte damals in der Band Horace Silvers. Er erwähnte sie als wichtigen Einfluss, nicht nur auf ihn, sondern auch auf Monk, Powell und Herbie Nichols.» Die dem relaxten und transparenten Kansas-City-Idiom verpflichteten Werke Williams' aus der Swingepoche brachten damals allerdings keine Saiten zum Schwingen im Gemüt des Jazznovizen Douglas. Das grosse Aha-Erlebnis folgte acht Jahre später, als die vorbildlich editierte CD mit der «Zodiac Suite» aus dem Jahre 1945 erschien: «Das hat mich umgehauen. Diese Musik passt in keine der gängigen Kategorien, sie ist absolut einzigartig. Es gibt radikale harmonische Ideen und schnelle rhythmische Wechsel, aber auch sehr viel Humor. Von da an habe ich Williams' Diskografie vor- und rückwärts durchforstet.» Neun der dreizehn Nummern auf «Soul On Soul» - der Titel geht auf Ellingtons Charakterisierung der Pianistin zurück - stammen von Douglas, der Rest sind Neubearbeitungen von Williams-Stücken aus verschiedenen Schaffensperioden. «Mary's Idea» stammt aus der Swingära, das Ben Webster und Billie Holiday zugeeignete «Aries» aus der Zodiac-Suite. Der «Waltz Boogie» entstand 1946: In dieser Zeit war Williams eine der Hauptattraktionen im Café Society in New York und eine wichtige Mentorin für unangepasste Pianisten wie Monk, Powell und Erroll Garner. Die Bluesnummer «Play It Momma» entstand in den Siebzigerjahren, in denen sich Williams intensiv mit der Jazzgeschichte auseinander setzte, ab 1977 auch als Professorin an der Duke University in Durham, wodurch sie wenigstens in ihren letzten Lebensjahren von finanziellen Nöten befreit wurde. In seinen eigenen Kompositionen bezieht sich Douglas auf sehr subjektive Weise auf diverse Aspekte in Williams' Schaffen, so gibt es zum Beispiel in der Titelnummer ein von Uri Caine gespieltes Klaviersolo, das die Jazzgeschichte von Stride bis Free abschreitet - Williams selbst nahm gegenüber der Avantgarde der Sechziger- und Siebzigerjahre eine äusserst ambivalente Haltung ein: Sie lehnte sie verbal zwar scharf ab, und trotzdem übernahm sie einige Elemente in ihr Vokabular. «Kyrie» und «Canticle» verweisen auf die Spiritualität, die in Williams' Leben einen grossen Stellenwert eingenommen hat. Bereits in jungen Jahren wurde sie von Visionen und Vorahnungen heimgesucht und sah Geister. In den Fünfzigerjahren durchlebte sie in Europa ihre «dark night of the soul»: Sie suchte Hilfe in der Zwiesprache mit Gott, bat Priester um Rat und nahm 1957 den katholischen Glauben an. Pater Peter O'Brien wurde ihr letzter Manager, heute leitet er die Mary Lou Williams Foundation. Neben Douglas sind auf «Soul On Soul» Joey Baron (Drums), James Genus (Bass), Uri Caine (Piano), Joshua Roseman (Posaune) und abwechslungsweise die Klarinettisten/Tenorsaxofonisten Chris Speed und Greg Tardy zu hören.