Eine kleine Revolution
Früher schwamm er im Mainstream, jetzt schwimmt er gegen den Strom: Der Pianist Chris Wiesendanger passt in keine Schublade mehr.
Zuweilen kurvt Chris Wiesendanger zwar immer noch elegant und rasant durch die Harmonien richtiger Jazzstücke, doch immer häufiger begibt er sich in Situationen, die es ihm erlauben, lustvoll und mit Nachdruck an Konventionen zu kratzen. Von aussen betrachtet erscheint die Entwicklung des Zürcher Pianisten, der das Licht der Welt vor 40 Jahren erblickte, wie eine Kehrtwende um beinahe 180 Grad. Wiesendanger präzisiert: «Ich fühlte mich eigentlich nie hundertprozentig wohl als Jazzpianist – ausser bei Balladen. Oft stelle ich mir die Frage: Wo gehöre ich hin? Je mehr man kennt, desto gleichgültiger werden stilistische Kategorien.»
Der vorläufige Kulminationspunkt von Wiesendangers Suche nach einer Tonsprache, die Grenzen sprengt, sind die Stücke, die er für sein Nonett konzipiert. Als er diese Gruppe vor einem Jahr ins Leben rief, hat Wiesendanger ganz bewusst nicht nur Jazz-Cracks engagiert. So sorgt zum Beispiel der Cellist Daniel Pezzotti für ein intimes, kammermusikalisches Flair, während der Plattenspielerspieler Joke Lanz mit aberwitzigen Interventionen irritiert. Und der progressive Groove-Aspekt kommt dank der fabulös flexiblen Rhythmusgruppe mit Wolfgang Zwiauer (Bass) und Dominik Burkhalter (Schlagzeug) nicht zu kurz. Wiesendanger versteht sein Nonett nicht als Plattform zur Entfaltung von möglichst viel individueller solistischer Brillanz: «Was mich interessiert, ist die Gruppe als Gesamtorganismus.»
In Wiesendangers Stücken für das Nonett kommt es nicht selten zu einer komplexen Vermischung von komponierten und improvisierten Elementen, wobei manchmal auch der Zufall eine gewisse Rolle spielt. In «Where‘s this World‘s Peace?» können etwa durch Zeichen mehrere von insgesamt 50 verschiedene Spielsituationen abgerufen und miteinander kombiniert werden. Es gibt aber auch Passagen, die von A bis Z durchkomponiert sind; dies gilt bspw. für den Anfang von «Palenque», das durch den Besuch einer berühmten Maya-Stadt inspiriert worden ist. Zu hören gibt es diese und sieben weitere Stücke, darunter eine Hommage an den Free-Titanen Cecil Taylor, auf dem Album «Undersong». Wiesendanger wird dieses Album rechtzeitig zu seinem Auftritt am Schaffhauser Jazzfestival veröffentlichen – und zwar auf einem eigenen Label, das er Knockknock nennt und auf dem er inskünftig auch Produktionen von anderen Musikern herausbringen möchte: «Es gibt so viele spannende Sachen, die nirgends Unterschlupf finden, weil sie in keine Schublade passen.»
Die Ideen für seine Stücke fliegen Wiesendanger selten zu, meistens ist das Komponieren lange Arbeit, in deren Verlauf viel verworfen wird. Wiesendanger führt ein Kompositionstagebuch: So kann er das Auf und Ab seiner Inspiration nachvollziehen und manchmal findet er in alten Ideen den Kern für ein neues Stück. Fragt man ihn nach den Inspirationsquellen für seine Nonett-Musik, die sich auch dort, wo mit Absicht ganz unterschiedliche Ästhetiken einander gegenübegestellt werden, nicht in eklektizistischer Beliebigkeit verliert, bekommt man eine wenig überraschende Antwort: «Extrem viele.» Schon überraschender ist da folgendes Statement: «Die Beschäftigung mit politischen Texten, etwa von Edward Said oder Arundhati Roy, ist sehr wichtig geworden für mich. In gewisser Weise hat dies auch auf die Musik abgefärbt, sie hat manchmal etwas Anprangerndes, Forderndes. Musik kann auch eine Form von Protest sein.» Stücktitel wie «Resistance» oder «Distorted Realities» sind also nicht zufällig gewählt: Mit plakativer Agitprop-Kunst hat Wiesendanger trotzdem nichts am Hut, dafür ist seine Sensibilität zu ausgeprägt und seine Neugierde zu gross.
Lange Zeit war der lyrische, auf anspruchsvollen Harmonieprogressionen basierende Interplay-Jazz eine wichtige Domäne für Wiesendanger: das schönste Beispiel hierfür ist die CD «Bardo» (Altri Suoni), die er mit Dominique Girod (Bass) und Elmar Frey (Schlagzeug) aufgenommen hat. Dass sich sein Fokus auch innerhalb des traditionellen Piano-Trio-Formats deutlich verschoben hat, davon zeugt Wiesendangers Zusammenarbeit mit dem Bassisten Christian Weber und dem Schlagzeuger Dieter Ulrich. Er spiele seit rund einem Jahrzehnt mit Musikern zusammen, die stärker als er in der freien Improvisation verwurzelt seien, doch trete dieser Aspekt seines Schaffens erst jetzt stärker an die Öffentlichkeit, gibt der Pianist zu bedenken. Und er fügt hinzu: «Es ist mir stets ein Anliegen, mich von eigenen Routineabläufen zu lösen.» Den Ansatz den Trios bezeichnet Wiesendanger als dekonstruktiv: «Wir spielen nur selten vollkommen frei, zumeist gehen wir von Formen aus, die wir neu zusammensetzen. Dabei kann es vorkommen, dass wir in unerwarteten Momenten auf Jazz-Klischees zurückgreifen: Das klingt dann vertraut und doch neuartig. So entsteht eine Art Collage.» Auf vorgängige Absprachen wird verzichtet, jedes Mitglied des Trios nimmt gleichberechtigt an der Gestaltung des Materials teil. Das Repertoire des Trios fällt ebenfalls aus dem Rahmen: Einen Schwerpunkt bilden die Haiku-artigen Stücken, die Carla Bley zu Beginn der 60er-Jahre für die Trios von Paul Bley und Jimmy Giuffre erfand. Der freie Geist, der damals im Jazz wehte, weht heute in der Musik von Chris Wiesendanger.
2005
