Kunterbunte Klänge statt Radetzky-Marsch: Ein Streifzug durch die Jazzstadt Wien
Wien verfügt über eine ausserordentlich produktive und innovative Jazzszene. 2004 hat sogar der Groove-Guru Joe Zawinul einen Club in seiner Geburtsstadt eröffnet.
Bisher gab es in Wien nur im Obergeschoss des Naturhistorischen Museums eine Art «Birdland», nämlich eine riesige Sammlung ausgestopfter Vögel: gefangen auf der ganzen Welt, präsentiert in antiquitierten Vitrinen. Wesentlich lebendiger soll es in dem Ende Mai mit viel Trara eröffneten «Zawinul‘s Birdland» zu und her gehen. Der je nach Blickwinkel gediegene bzw. sterile Club im Hotel Hilton verfügt über 200 Plätze, eine angenehme Akustik und muss ohne Subventionen auskommen; für den Bau gabs von der Stadt Wien über eine Million Franken.
Der temporäre Heimweh-Wiener Joe Zawinul, der in den USA an der Seite von Cannonball Adderley und Miles Davis sowie als «spiritus rector» der Gruppe Weather Report Jazzgeschichte geschrieben hat, will nicht nur ein paar Mal pro Jahr aus Malibu einfliegen, um in «seinem» Club zu gastieren, er drückt auch dem im Wochenrhythmus wechselnden Programm seinen Stempel auf: Crossover ist angesagt. Bleibt zu hoffen, dass «Zawinul‘s Birdland» inskünftig nicht nur von Touristen und den berühmt-berüchtigten Adabeis heimgesucht wird. Alles in allem dürfte der für Wiener Verhältnisse recht teure Club kaum zu einer Konkurrenz werden für das vornehmlich auf Feelgood-Jazz abonnierte Jazzland, das Axel Melhardt seit über drei Jahrzehnten in einem Katakomben-Keller betreibt, und das weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Porgy & Bess.
Vom Porno zum Jazz
Initiiert wurde das Porgy & Bess 1993 vom Wahlwiener Mathias Rüegg, der damals bereits über anderhalb Jahrzente als Leiter des Vienna Art Orchestra auf dem Buckel hatte. Als das Lokal vor vier Jahren umzog und expandierte (über 500 statt 150 Plätze), staunte die Jazzwelt nicht schlecht: In den Räumlichkeiten eines Pornokinos entstand eine vorbildliche Synthese aus Jazzclub und Konzertsaal. In programmatischer Hinsicht setzt das Porgy & Bess weltweit ebenfalls Massstäbe mit einem zugleich progressiven und attraktiven Programm, das der österreichischen Szene den Platz einräumt, den sie verdient. Christoph Huber, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer in Personalunion, arbeitet mit einem sehr offenen Jazz-Begriff.
Etablierte Austria-Stars wie Wolfgang Muthspiel oder Wolfgang Puschnig treten im Porgy & Bess ebenso auf wie die Electronica-Avantgarde (Fennesz, Trapist etc.). Nicht wegzudenken aus der österreichischen Szene, sind Gruppen, die sich mehr oder weniger ironisch mit der Tradition auseinandersetzten – stellvertretend genannt seien hier Mnozil Brass, die Extremschrammeln und das Jasbar Consort. Ein spannender Sonderfall ist der Saxofonist und Komponist Max Nagl, der seine erste CD zwischen 1989 und 1992 in seiner damaligen Einzimmer-Wohnung aufnahm und der zur Zeit eine Operette nach einem Libretto von Franzobel fertigstellt. Nagl ist ein Spezialist in der Aneignung und Verwandlung unterschiedlichster Stile. Ein typischer Meister aus Wien? Drei von Nagls Alben sind auf dem Basler Label Hat Hut erschienen, das mit Franz Koglmann bereits einen anderen Wiener Sonderfall bekannt gemacht hat. Der kühle Intellektuelle Koglmann, der sich für die abendländische Kunstmusik ebenso intensiv interessiert wie für die «white line» des Jazz, ist die Antithese zu dem aus dem Proletarier-Milieu stammenden Zawinul, der im originalen Birdland seine «black soul» entdeckte.
2004
