Melancholisches Chaos

Mister Understatement: Eine Begegnung mit dem Trompeter und Komponisten Kenny Wheeler.

Tom Gsteiger

Kenny Wheeler pflegt einen Understatment-Extremismus, der nicht selten an Selbstsabotage grenzt, so meint er etwa: «Ich mag ein paar Songs, die ich geschrieben habe, aber meine Trompetensoli mag ich nicht.» Auf ungläubiges Kopfschütteln meinerseits folgt eine Präzisierung, auf dem Album «Around Six» spiele er ein unbegleitetes Solo, das ihm wirklich gefalle. Wheeler mag die Ausstrahlung einer grauen Maus haben, aber er ist längst eine graue Eminenz.

Als Komponist verfügt Wheeler über eine unverkennbare Handschrift, die sich durch eine Affinität für dunkel-romantische Klangfarben und die kunstvolle Verflechtung mehrerer Melodielinien auszeichnet. Wheeler, der bei klassischen Komponisten Kontrapunkt studierte, gibt sich als Liebhaber von «sad pretty songs» zu erkennen: «Sie machen mich glücklich. Miles Davis hat für mich einen traurigen Sound, Billie Holiday einen tragisch traurigen Sound, aber wenn ich sie höre, fühle ich mich gut.» Wheelers Kompositionen entstehen beim Improvisieren am Klavier: «Es können viele Stunden vergehen, bevor etwas passiert. Plötzlich spielt man eine kleine Phrase, die einem überrascht und die unter Umständen als Basis für ein Stück taugt.»

Spätzünder und Tiefstapler

Auf der Trompete und dem weicheren Flügelhorn hat Wheeler einen unverkennbaren Personalstil entwickelt, der sich nicht zuletzt an den Ausdrucksmöglichkeiten von Saxofonisten orientiert. Auf ingeniöse Weise verbindet er lyrische «Gesänge» mit eruptiven Ausbrüchen. Er selbst spricht von «melancholischem Chaos» und führt diese Spielweise auf die Zeit zurück, als er sich sowohl in Mainstream- als auch Avantgarde-Zirkeln bewegte: «Durch das freie Spiel wurde mein konventionelles Spiel besser und umgekehrt. Leider findet man diese Flexibilität heute nicht mehr allzu oft.» Doch wie kam der schüchterne Wheeler überhaupt dazu, sich für das «Machoinstrument» Trompete zu entscheiden? «Als ich zwölf oder dreizehn war, kaufte mir mein Vater ein Kornett. Ich schaute mir das Instrument ein paar Wochen lang an, aber dann dachte ich mir, dass es wohl besser ist, wenn ich versuche, etwas damit anzufangen», antwortet er und für einen kurzen Moment huscht ein diskretes Lächeln über sein Antlitz.

Es ist sicherlich nicht falsch, den 1930 in Kanada, seit Mitte der 50er-Jahre in England residierenden Wheeler als Spätzünder zu bezeichnen: Den Jahrgang teilt er mit Jazzlegenden wie Clifford Brown oder Ornette Coleman, doch seine Meisterwerke schuf er wesentlich später als diese. Als Clifford Brown im Jahre 1956 bei einem Autounfall ums Leben kam, war Wheeler noch ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. Vier Jahre zuvor war er von Kanada nach England gezogen, weil es dort Arbeit in Tanzorchestern und Bigbands gab. Widerwillig avancierte er in den Sechzigerjahren zum Hauptsolisten der Johnny Dankworth Band, für die er 1967 die Suite «Windmill Tilter» schrieb.

Ungewöhnliche Bestzung

Der lyrische Expressionist Wheeler absolvierte einen stilistisch extrem diversifizierten Parcours, in dessen Verlauf er den Sound von wichtigen Gruppen wie dem Anthony Braxton Quartet (komplexe Strukturen und freie Impros), dem Trio Azimuth (fein ziselierte Klangbilder) oder dem ersten Dave Holland Quintet (Mingus-Power und ungerade Metren) nachhaltig mitprägte. Wheelers Œuvre unter eigenem Namen ist überschaubar geblieben - an erster Stelle sind sicherlich seine Alben für das berühmte deutsche Label ECM zu nennen, angefangen bei «Gnu High» aus dem Jahre 1975 (am Klavier: Keith Jarrett) über «Music for Large & Small Ensembles» (1990) bis zum kammermusikalischen «Angel Song» (1996), auf dem Wheeler erstmals aufs Schlagzeug verzichtete. Ohne Schlagzeug kommt Wheeler auch auf «It Takes Two» (Cam) aus, einem Album, auf dem er von zwei Gitarristen - dem magistralen John Abercrombie und John Parricelli - sowie dem Kontrabassisten Anders Jormin begleitet wird. Das erste Stück auf dem reifen Alterswerk trägt zwar den Titel «My New Hat», doch in musikalischer Hinsicht hat sich Wheeler ganz klar keinen neuen Hut aufgesetzt. Warum sollte er auch? Ausser sich selbst braucht er niemanden mehr davon zu überzeugen, dass er zu den ganz grossen Figuren des Jazz gehört.