Zur Geschichte des Jazz an Amerikas Traumküste
Kein anderer hat die Musiker der goldenen Ära des West Coast Jazz so verführerisch und wirkungsvoll ins Bild gerückt wie William Claxton. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff West Coast Jazz? Ist er mehr als eine geografische Chiffre? Spurensuche in einem Gelände, wo es noch viele Entdeckungen zu machen gibt.
Die Jazzgeschichte ist voller Legenden. So hört man oft, dass Dizzy Gillespie und Charlie Parker im Dezember 1945 den modernen Jazz nach Kalifornien gebracht hätten. In der Rolle des Botschafters einer neuen, harmonisch wie rhythmisch äusserst verzwickten Musik ist ihnen aber der Trompeter Howard McGhee zuvorgekommen.
McGhee kam Anfang 1945 an der Seite des Tenorsaxofonisten Coleman Hawkins nach Kalifor-nien und gründete nach dessen Abreise mit lokalen Musikern - unter ihnen der Saxofonist Teddy Edwards und der Pianist Dodo Marmarosa - eine lupenreine Bebop-Band. Womit wir bei einer zweiten Legende angelangt wären, die den an Amerikas Westküste kreierten Jazz mit vornehmlich von weissen Musikern gespieltem Cool Jazz gleichsetzt. In seiner brillanten Studie «West Coast Jazz: Modern Jazz in California 1945-1960» (Oxford University Press) weist Ted Gioia mit Nachdruck auf die hochstehende, von Musikern wie Sonny Criss, Frank Morgan, Harold Land, Carl Perkins, Hampton Hawes, Curtis Counce, Dupree Bolton, Wardell Gray oder Dexter Gordon geprägte Bop-Szene von Los Angeles hin, und er ruft in Erinnerung, dass die afroamerikanischen Jazzgiganten Charles Mingus, Eric Dolphy und Ornette Coleman am Anfang ihrer Karriere stark profitieren konnten vom toleranten Klima der kalifornischen Jazzszene, die recht offen war für Experimente abseits des Mainstream.
Pluralismus der Stile
Überhaupt legt Gioias Buch Zeugnis ab von einem enormen, beinahe postmodern anmutenden Pluralismus der Stile und Idiome. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Tragfähigkeit des Begriffs West Coast Jazz, der übrigens von New Yorker Kritikern geprägt wurde und mit dem nicht wenige «Westküstenmusiker» ihre liebe Mühe hatten (die wenigstens von ihnen wuchsen übrigens in Kalifornien auf, sondern zogen vom Mittleren Westen oder vom Osten an den Pazifik, unter ihnen auch der Saxofonist Bud Shank: «I decided that I would rather be poor in a warm climate than in a cold one»). Gioia plädiert mit guten Argumenten dafür, dass sich trotz allen Unterschieden so etwas wie ein spezifischer West Coast Sound ausmachen lasse, der seine Blütezeit in den Fünfzigerjahren erlebte und der für die Nachwelt zuvörderst auf Alben der Labels Pacific, Contemporary und Fantasy festgehalten ist.
Als hervorstechende Merkmale des West Coast Sound nennt Gioia eine starke Betonung kompositorischer Elemente und damit verbunden ein Vergnügen an kontrapunktischen Verschlingungen, einen Hang zu coolem Understatement und zu klar artikulierten, polierten Linien sowie ein sehr relaxtes Swing-Verständnis. Wichtige Ensembles des West Coast Jazz waren das Dave Brubeck Quartet mit Paul Desmond, das Gerry Mulligan Quartet mit Chet Baker, die diversen Trios Jimmy Giuffres sowie die Gruppen der Schlagzeuger Chico Hamilton und Shelly Manne, weiterhin sind Interpreten wie Bob Cooper, Bill Perkins, Shorty Rogers, Jack Sheldon, Jack Montrose, Buddy Collette oder Jack Montrose zu nennen.
Abschliessend bleibt der Wunsch nach einer ebenso gründlichen Aufarbeitung der Geschichte nach 1960. Denn wer kennt schon den genauen Werdegang des Pianisten Horace Tapscott oder der San Franciscoer Jazzrockpioniere der Sechzigerjahre (z. B. Mike Nock)? Und wie steht es mit den Verästelungen der intellektuellen «Bay-Area»-Szene?
29.04.2000
Das Label Crytogramophone präsentiert aktuellen Jazz aus Los Angeles.
