Vom Whisky zum Parfüm und zurück

Mit dem 72-jährigen Pianisten und Komponisten Cedar Walton gastierte im Oktober 2006 eine bedeutende Persönlichkeit des afro-amerikanischen Jazz in Bern.

Tom Gsteiger

Cedar Walton zählt nicht zur Spezies der tollkühnen Neuerer, die von einem inneren Furor getrieben werden. Der bodenständige Gentleman hat sich die Konsolidierung der Errungenschaften des Modern Jazz zur Aufgabe gemacht und es darin zu seltener Meisterschaft gebracht. Aus den Ideen, die charismatische Überflieger wie Charlie Parker oder John Coltrane in einem eruptiven Schaffensprozess herausschleuderten, und traditionelleren Elementen schuf Walton einen Stil, der zu den Hauptpfeilern des Mainstream-Jazz der Postbop-Epoche gehört.

Dass der Pianist, dem man seine 72 Jahre nicht anmerkt, zum Auftakt seines Berner Gastspiels den «Newest Blues» aus seiner äusserst produktiven Feder aufs originelle, einerseits aus Eigenkompositionen, andererseits aus überraschenden Bearbeitungen von Standards bestehende Programm setzte, kam beinahe einem programmatischen Statement gleich. Der Bezug zum Blues, einer Ur-Essenz des Jazz, ist aus Waltons Musik nicht wegzudenken ? ihm verdankt er ein Faible für die Wirkungskraft schnörkelloser Ungeschminktheit. Als Kontrast zu direkt, knackig und sparsam formulierten Phrasen kann Walton auch ein gehöriges Mass an ornamentaler Pracht entfalten. Mit anderen Worten: Mal schmeckt sein Spiel scharf wie Whisky, mal duftet es wie ein verführerisches Parfüm.

Ein starkes Team

Begleitet wird Walton in Bern vom seinem Landsmann Alvin Queen am Schlagzeug und vom aus Griechenland stammenden Bassisten Giorgos Antoniou. Letzterer, ein Zögling der Berner Swiss Jazz School, liess sich vom horrenden Erfahrungsvorsprung der zwei mit allen Wassern gewaschenen Cracks nicht etwa einschüchtern, sondern geradezu beflügeln. Da fragt man sich natürlich, warum solche Begegnugen zwischen amerikanischen und europäischen Jazzern, wie sie früher in Clubs wie dem Domicile in München oder dem Montmartre in Kopenhagen gang und gäbe waren, nicht häufiger stattfinden in Marians? Jazzroom, obwohl beste Voraussetzungen dafür bestehen würden. Im Laufe seiner Karriere hat Walton mit drei Schlagzeugern besonders eng zusammengearbeitet. Zu Beginn der 60er-Jahre gehörte der Pianist zur wohl besten Ausgabe von Art Blakeys Jazz Messengers (zwei fulminante Alben aus dieser Zeit tragen Titel von Walton-Stücken: «Mosaic» und «Ugetsu»).

Poltergeist

Später sorgte Walton mit eigenen Formationen, in denen zuerst der unverwüstliche Louis Hayes und dann der unvergleichliche Billy Higgins die Trommeln rührte, dafür, dass der Sound des akustischen Jazz nicht gänzlich im Feedback jaulender Gitarren unterging. Der manchmal etwas gar laut polternde Queen verfügt zwar nicht ganz über das Format dieser ehemaligen Walton-Kompagnons, doch mit seiner ungestümen Art mischt er das Geschehen auf erfrischende Weise auf.