Swingender Hypnotiseur

Als Mal Waldron im Dezember 2002 im Alter von 77 Jahren starb, verlor die Jazzwelt einen ihrer eigenwilligsten Piano-Stilisten. Seine Affinität fürs Sperrige teilte er mit Steve Lacy. Ihre frühesten Duo-Aufnahmen sind nun auf einer 4-CD-Box greifbar.

Tom Gsteiger

Der Jazz ist eine Kunstform, die sich oft dem verschwenderischen Überschwang, ja gar dem dionysischen Rausch hingibt. Es gibt aber auch immer wieder Jazzmusiker, die sich dem Hang zu virtuoser Selbstverausgabung bewusst widersetzen – unter ihnen kurioserweise nicht wenige Pianisten, denen ja eigentlich ein Instrument mit schier unbegrenzten orchestralen Möglichkeiten zur Verfügung steht. Zu denken wäre hier etwa an Count Basies augenzwinkernden Swing-Minimalismus. Oder an Thelonious Monks unorthodoxen Sound-Kubismus. Oder an John Lewis‘ wohltemperierte Contenance. Der Titel des grössten Minimalisten unter den Jazzpianisten gebührt allerdings Mal Waldron (1925–2002).

Auf geradezu obsessive Weise konzentriert sich Waldrons Spiel auf motivische und rhythmische Wiederholungen, die nur sparsam variiert werden. Aus den Kreiselbewegungen seiner Improvisationen resultiert nicht selten eine Art Trance: Waldron ist kein Ekstatiker, sondern ein Hypnotiseur. Es kann daher nicht verwundern, dass einige Kommentatoren Parallelen zwischen seiner Musik und der Minimal Music eines Terry Riley oder Steve Reich konstatieren. Einen gehörigen Unterschied gibt es allerdings: Waldron swingt (manchmal rockt er sogar)! Weitere wichtige Charakteristika von Waldrons Stilistik sind: ein enorm perkussiver, kantiger Anschlag; dissonante Reibungen; ein Faible für tiefe Töne; scharfe Kontraste. Zu seiner «power of repetition» befragt, gab Waldron zu Protokoll: «Das hat mit meiner Kindheit zu tun. Wir waren nicht reich und warfen nie irgendwas weg. Wenn ich also eine Note habe, dann mache ich vollen Gebrauch von ihr, hole alles aus ihr heraus.»

Waldrons Karriere lässt sich grob in zwei Perioden einteilen, eine amerikanische und – ab Mitte der 60er-Jahre – eine europäische. Zu einer folgenreichen Zäsur kam es im Jahre 1963: Waldron erlitt einen Nervenzusammenbruch, worauf er das Klavierspielen neu erlernen musste. Dadurch (und durch die Simplifizierung seines Spiels im harmonischen Bereich) erhielt seine Eigenwilligkeit noch schärfere Konturen; auf den Aufnahmen vor dem Nervenzusammenbruch ist der Anschlag weicher, die Rhythmik runder und es tauchen öfter am Bop orientierte Single-Note-Linien in seinen Soli auf (Waldrons Spiel in dieser Phase ähnelt ein bisschen demjenigen von Horace Silver). Abgestossen vom darwinistisch angehauchten «survival of the fastest» auf der New Yorker Jazzszene, packte Waldron seine Siebensachen und suchte sein Glück in Europa. Dort kam es – zuerst in diversen Combos, schliesslich im Duo – zu einer zwar sporadischen, nichtsdestotrotz enorm fruchtbaren Zusammenarbeit mit einem anderen «expatriate», dem Sopransaxofonisten Steve Lacy, der letztes Jahr in seine alte Heimat zurückkehrte, wo er nun am progressiven New England Conservatory in Boston unterrichtet. Kennen gelernt hatten sich diese in vielerlei Hinsicht seelenverwandten Musiker bereits in den USA: 1958 wirkte Waldron auf Lacys «Reflections» (New Jazz) mit, dem ersten Album in der Jazzgeschichte, das sich vollumfänglich der (damals noch heftig umstrittenen) Musik Thelonious Monks widmete.

Das Ausmessen von Monks schiefen Winkeln war auch ein zentraler Bestandteil der Duo-Kunst von Waldron und Lacy, deren Anfänge auf der kürzlich erschienenen, von Art Lange kenntnisreich kommentierten 4-CD-Box «Live At Dreher Paris 1981» (hatOLOGY 4-596) bestens dokumentiert sind: Sieben der total fünfzehn Kompositionen (6 von Lacy, 5 von Waldron, 4 von Monk) sind in zwei oder in einem Fall (Monks «Round Midnight») sogar in drei Versionen zu hören, wodurch die Wandelbarkeit der unklischierten Variationsprinzipien dieser sehr strukturbewussten Musiker besonders evident wird. Ihre so gut wie ornamentfreien, anti-akrobatischen Improvisationen leben von der Spannung zwischen Intuition und Logik. Das Abstrakte und das Konkrete existieren in dieser nicht selten schroffen Musik nebeneinander; besonders schön ist diese Koexistenz in der Waldron-Nummer «The Seagulls Of Kristiansund» ausgeprägt, wo Lacy am Schluss das Gekreisch der Möwen nachahmt.

Zum letzten Mal kreuzten sich die Wege von Lacy und Waldron im Januar 2002. Damals nahm der Pianist mit «One More Time» (Sketch) ein wunderbar abgeklärtes, in sich ruhendes Album auf, das zu seinem Vermächtnis werden sollte und auf dem er mehrheitlich vom Bassisten Jean-Jacques Avenel begleitet wird. Auf zwei Nummern ist Lacy als Gast mit von der Partie. Zum Schluss des Albums erklingt mit der Ballade «Soul Eyes» Waldrons wohl berühmteste Komposition: Die Ersteinspielung erfolgte 1957 für das Label Prestige, für das Waldron häufig als Leader und noch häufiger als Sideman tätig war; aus späteren Jahren gibt es ergreifende Versionen von so unterschiedlichen Tenorsaxofonisten wie John Coltrane, für den das Stück ursprünglich geschrieben wurde, und Stan Getz. Weitere bekannte Waldron-Balladen entstanden in Kooperation mit den Sängerinnen Billie Holiday («Left Alone») und Abbey Lincoln («Straight Ahead»). Von 1957 bis 1959 war Waldron der letzte, kongeniale Begleiter der tragischen Heroine Holiday; mit der selbstbewussten Rebellin Lincoln kam Waldron durch die Zusammenarbeit mit deren damaligem Ehemann, dem Schlagzeuger Max Roach, in Kontakt.

Ein besonders wichtiger Weggefährte Waldrons war zu Beginn der 60er-Jahre der explosive, auf aberwitzige Intervallsprünge spezialisierte Altsaxofonist Eric Dolphy: Mit ihm, dem Trompeter Booker Little, dem Bassisten Richard Davis und dem Schlagzeuger Ed Blackwell trat er im Sommer 1961 im New Yorker Jazzclub Five Spot auf, der bereits zuvor Ikonoklasten wie Cecil Taylor, Ornette Coleman oder George Russell als Wirkungsstätte gedient hatte. Glücklicherweise liefen an einem Abend die Bandmaschinen des Labels New Jazz, und so können wir noch heute über die visionäre Weitsicht dieser Musiker staunen (an das arg verstimmte Klavier muss man sich allerdings zuerst einmal gewöhnen). Mit dem «Fire Waltz» ertönt auf diesen Aufnahmen eine weiteres bekanntes Stück Waldrons. Als Komponist war Waldron nach eigenen Angaben von Monk und Charles Mingus, an dessen Seite er 1956 das bahnbrechende Album «Pithecanthropus Erectus» (Atlantic) aufnahm, beeinflusst; aber er fügte hinzu: «Wenn man die Sache genau betrachtet, dann war eigentlich Duke Ellington die Quelle für Monk und Mingus, und also auch für mich.»

Andy Scherrer spielt Mal Waldron

Nachdem er am letztjährigen BeJazzWinterFestival in Bern mit einer jungen Rhythmusgruppe (Jean-Paul Brodbeck, Fabian Gisler, Dominic Egli) eine packende Hommage an Joe Henderson gestaltete, wird der magistrale Tenorsaxofon-Stilist Andy Scherrer nun mit seinem regulären Quartett (William Evans, Isla Eckinger, Dré Pallemaerts) die Musik Mal Waldrons zur Aufführung bringen. Bei der Auswahl der Stücke, die aus den Jahren 1961 bis 1986 stammen, erwies sich das Album «The Quest» (New Jazz) von 1961, auf dem Ron Carter am Cello für spezielle Akzente und Eric Dolphy und Booker Little für saxofonistische Höhenflüge sorgen, als besonders ergiebige Quelle; von ihm hat Scherrer die Nummern «Status Seeking», «Duquility», «We Diddit» und «Fire Waltz» übernommen. Nach den Eigenheiten von Waldrons Stücken befragt, macht Scherrer einen interessanten Vergleich: «Die Kompositionen von Monk sind komplexer, aber in der Abfolge der Harmonien logischer. Bei Waldron gibt es eckige, kantige Stellen, die eine grosse Herausforderung darstellen. Man muss da nicht alles für bare Münze nehmen, sondern darüber fliegen. Dolphy macht das sehr beeindruckend.»

Zum Teil konnte Scherrer auf Originalmanuskripte zurückgreifen, die sich im Besitz von Eckinger befinden, der ab 1969 einige Jahre lang häufig mit Waldron spielte, den er als humorvollen und kauzigen Typ beschreibt. Wie alles anfing, daran kann sich Eckinger noch deutlich erinnern: «Ich wohnte damals in München oberhalb des Jazzclubs Domicile, wo ich als Hausbassist tätig war und auch Mal oft auftrat. Eines Tages fragte er mich, ob ich Zeit hätte, eine Platte mit ihm aufzunehmen, obwohl wir vorher noch nie miteinander gespielt hatten. Also sassen wir am nächsten Tag in einem Bus ohne Bänke und Heizung – es war saukalt – und fuhren ins Studio nach Ludwigsburg. Auf dem Weg las Mal einen Krimi. Seine Stücke, eher knappe Skizzen, verteilte er erst im Studio.» Aus diesem Abenteuertrip resultierte mit «Free At Last» das allererste Album des deutschen Labels ECM (von diesem Album übernahm Scherrer die Nummer «Rock My Soul»). Später tourte Eckinger mit Waldron ausgiebig durch Japan, der dort wie eine Art Nationalheld verehrt worden sei. Ein weiterer Schweizer Musiker, der damals mit Waldron spielte, ist der Schlagzeuger Pierre Favre: Er ist auf «Mal Waldron Plays The Blues» (Enja) zu hören, einem mitreissenden Live-Mitschnitt, der 1971 im Domicile entstand.

2003

Scherrers Waldron-Hommage liegt unter dem Titel «Remember Mal Waldron» (TCB) als CD vor; die Henderson-Hommage ist ebenfalls auf CD erschienen: «Serenity: A Tribute to Joe Henderson» (Unit Records).