Geisterbeschwörung im Souterrain

Seit 1957 werden im legendären New Yorker Jazzclub Village Vanguard Aufnahmen gemacht.

Tom Gsteiger

Die berühmteste Filiale des Jazzparadieses im Diesseits hat folgende Adresse: 178 Seventh Avenue South, Greenwich Village, Manhattan, New York City. Dort, in labyrinthischen Kellerräumlichkeiten, wo während der Prohibitionszeit illegal Alkohol ausgeschenkt worden war, eröffnete Max Gordon 1935 das Village Vanguard (Gordon war 1908 im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern von Litauen in die USA ausgewandert). Nach Gordons Tod übernahm 1989 dessen Frau Lorraine das Zepter. Sie schmeisst den Laden immer noch.

Wenn der Pianist Jason Moran das Village Vanguard als «the place where Moses and Mohammed and Jesus walked» bezeichnet und der Tenorsaxofonist Joe Lovano einen Auftritt in diesem Lokal mit einer Geisterbeschwörung vergleicht, wird klar, dass wir es mit einem Ort zu tun haben, der über einen ganz speziellen genius loci verfügen muss. Tatsächlich liest sich die Liste der Musiker, die dort auftraten, wie ein «Who‘s Who» des modernen Jazz. Lange Zeit war das Village Vanguard allerdings ein Nachtclub mit einem gemischten Unterhaltungsprogramm, so traten dort u.a. auch Folksänger wie Woody Guthrie und Pete Seeger, Komiker wie Lenny Bruce und Woody Allen und sogar Harry Belafonte und Barbra Streisand auf.

Coltrane & Co.

In erster Linie beruht der Nimbus des Village Vanguard auf einer Reihe epochaler Live-Mitschnitte, die ab 1957 entstanden. Den Auftakt machte Sonny Rollins mit «A Night at the Village Vanguard». Es war dies nach dem Studioalbum «Way Out West» die zweite Platte, auf der sich der launische Tenorsax-Titan nur von einem Kontrabassisten (Wilbur Ware) und einem Schlagzeuger (Elvin Jones) begleiten liess.

Der furiose Elvin Jones, dessen polyrhythmisch verzweigtes Spiel nicht selten einer unaufhaltsamen Naturgewalt gleicht, machte 1961 erneut Aufnahmen im Village Vanguard, dieses Mal an der Seite von John Coltrane. Der Saxofon-Ekstatiker hatte sich gut ein Jahr zuvor endgültig aus der Band von Miles Davis zurückgezogen, das Village-Vanguard-Gastspiel nutzte er, um diverse Besetzungen - vom Trio bis zum Oktett - auszuprobieren; mit von der Partie waren u.a. der Pianist McCoy Tyner und der Holzbläser Eric Dolphy (Max Gordon über Coltrane: «I loved his music, but I never said four words to him»).

Ebenfalls 1961 präsentierte der Pianist Bill Evans sein Trio mit Scott LaFaro (Bass) und Paul Motian (Schlagzeug) im Village Vanguard. Der Produzent Orrin Keepnews konnte den Zauderer Evans glücklicherweise überreden, die Gigs aufzuzeichnen (kurze Zeit danach starb LaFaro bei einem Autounfall). Die Live-Aufnahmen des Bill Evans Trio sind ein unverzichtbarer Refrenzpunkt für ein gleichermassen lyrisch-exploratives, hochgradig interaktives Musizieren geblieben.

Der riesige Rest

Damit sind drei extrem einflussreiche Einspielungen mit dem Gütesiegel «live at the Village Vanguard» genannt, die in keiner gut sortierten Jazzsammlung fehlen dürfen. Den Weg in die Gegenwart säumen weit über hundert weitere Village-Vanguard-Tonträger, darunter fesselnde Dokumente von so innovativen Formationen wie dem amerikanischen und dem europäischen Quartett von Keith Jarrett, dem Paul Motian Trio mit Joe Lovano und Bill Frisell und dem Brad Mehldau Trio. Worin aber liegt nun genau das Geheimnis dieses unglamourösen Clubs, der über bloss 123 Sitzplätze verfügt? Der Sax-Überflieger Chris Potter bietet folgende Erklärung an: «Das Village Vanguard ist ein bisschen wie ein Wohnzimmer, man fühlt sich sofort wohl. Man spürt die Geschichte dieses Raums. Man wird von ihr aber nicht eingeschüchtert, sondern willkommen geheissen.»

2007

Max‘ Memoiren
Unter dem Titel «Live at the Village Vanguard» hat Max Gordon 1980 seine launischen, vornehmlich in Dialogform abgefassten Memoiren veröffentlicht. Ein preiswerter Re-Print ist als Da Capo Paperback erschienen.