Durch die Schallmauer
McCoy Tyner ist der unerreichte Gipfelstürmer unter den Pianisten des Jazz. Berühmt geworden ist er in den 60er-Jahren als kongenialer Weggefährte des Saxofon-Ekstatikers John Coltrane.
Für viele ist McCoy Tyner «der Pianist von John Coltrane» und damit basta. Diese Sicht der Dinge gilt es zu korrigieren. Tyner war von 1960 bis 1965 eine zentrale Figur in den Gruppen des kultisch verehrten Saxofonisten: An erster Stelle ist hier natürlich das «klassische» Coltrane-Quartett zu nennen, das durch Jimmy Garrison (Bass) und Elvin Jones (Schlagzeug) vervollständigt wurde und dem wir u.a. das Kultalbum «A Love Supreme» von 1964 verdanken. Als sich Tyner danach selbständig machte, weil ihm Coltranes Musik zu abstrakt geworden war, gelang es ihm, ein eigenständiges ästhetisches Programm zu formulieren und sich als einfallsreicher, origineller Komponist zu profilieren.
In seinen Stücken nimmt Tyner nicht nur Bezug zur Jazztradition (Ellington ist eine besonders wichtige Inspirationsquelle), sondern er verarbeitet auch Einflüsse aus Afrika und Lateinamerika. Tyner hielt zu einem grossen Teil an der spirituellen Eskstatik Coltranes fest, doch er zelebrierte sie nicht mehr in modalen Endlosschlaufen, sondern brachte griffige Song-Strukturen zum Explodieren. Nicht wenige von Tyners Kompositionen haben geradezu Ohrwurmcharakter, ohne banal zu wirken.
Besonders eindrücklich (und zuweilen auch erdrückend) ist Tyners Stilistik auf einer Reihe von Alben aus den 70er-Jahren zu erleben, wovon die meisten für das Label Milestones entstanden; darunter sind aufwändige Studio-Einspielungen (z.B. «Fly with the Wind» mit einem Streichorchester) ebenso zu finden wie packende Live-Mitschnitte. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen verzichtete Tyner in dieser Epoche auf die Elektrifizierung seiner Bands. Ruhig und besinnlich ging es deswegen mitnichten zu und her. Von Schlagzeugern wie Alphonse Mouzon, Billy Hart oder Tony Williams liess sich Tyner an die Schallmauer heranführen, um diese in den wildesten Momenten seiner Soli zu durchbrechen.
Magischer Resonanzkörper
Der 1938 in Philadelphia geborene Tyner zählt zu der raren Spezies von Musikern, die ihre stilistische Meisterschaft derart verinnerlicht haben, dass sich diese wie eine durch nichts aufzuhaltende Naturgewalt zu entfalten scheint. «The Real McCoy» (so der Titel eines seiner besten Alben) ist im Handumdrehen dazu imstande, einen Flügel in einen magischen Resonanzkörper zu verwandeln, der mit der Kraft des Donners jubiliert. Ein Markenzeichen von Tyners Klavierspiel ist die Kombination von wuchtigen Prankenhieben mit turbulenten, intensiv flimmernden Tonkaskaden. Dazu kommt eine Harmonik, die Weite und Erhabenheit ausstrahlt. Dieses Faible für eine offene Harmonik trug sehr viel zum Gelingen der epochalen Zusammenarbeit mit Coltrane bei: Tyner rollte die Klangteppiche aus, auf denen der Saxofonist zu seinen Höhenflügen startete.
Tyner ist kein erzählender Pianist. In seinen Improvisationen durchschreitet er nicht einen Parcours von A nach Z, dem man mittels Erinnern und Antizipieren folgen kann. Seine mächtig aufgetürmten Akkorde stürmen wie Wellen auf die Zuhörer ein: ein Entrinnen gibt es nicht. In diesem Spiel steckt sehr viel Kraft. Dass daraus kein dumpfbackiges Powerplay wird, liegt nicht zuletzt an Tyners gezieltem Pedaleinsatz und seiner souverän-eleganten Anschlagtechnick: Die Energie wird fokussiert und nicht verschleudert.
2005
CD-Tipps
mit John Coltrane: «A Love Supreme» (Impulse) 1964
«The Real McCoy» (Blue Note) 1967
«Fly with the Wind» (Milestone) 1976
«The Greeting» (Milestone) 1978
