Anmut auch in Extremlagen


Eine Begegnung mit dem amerikanischen Saxophonisten Mark Turner, der mit seinem neuen Album 1999 «In This World» im Gepäck in der Schweiz aufgetreten ist. Er gehört zu einer neuen Generation amerikanischer Musiker, die den Jazz mit Respekt vor der Tradition, aber ohne Scheuklappen weiterentwickeln.

Tom Gsteiger

Am Anfang lief alles ganz normal. Das erste Idol des 1965 in Ohio geborenen und in Kalifornien aufgewachsenen Mark Turner war John Coltrane. Eine Art Säulenheiliger des modernen Jazz war Coltrane bereits vor seinem frühen Tod im Jahre 1967 geworden. Unzählige Saxophonisten haben sich seither an seine Fersen geheftet, haben seinen Sound imitiert und seine Läufe kopiert. Vielleicht wäre auch aus Mark Turner einer dieser mehr oder weniger bedeutenden «Coltraneisten» geworden, hätte er im Laufe seiner musikalischen Entwicklung nicht Warne Marsh entdeckt.

Marsh lebte von 1927 bis 1987, gehörte zum Zirkel des blinden Pianisten Lennie Tristano und war einer der aufregendsten Improvisatoren überhaupt. Leider wissen das nur ein paar Eingeweihte. Einer von ihnen ist Mark Turner: «Ich wollte freier improvisieren, mich weniger stark an einem vorgegebenen Vokabular orientieren. In dieser Hinsicht war die gesamte Tristano-Schule, insbesondere Warne Marsh, sehr inspirierend: Hier stiess ich auf Linien, die man auf dem Saxophon nicht oft hört.» Coltrane und Marsh sind im Spiel des heutigen Turner nach wie vor präsent, aber nicht in Form plumper Zitate, sondern einer Art geistigen Verwandtschaft.

Turner gibt zu bedenken: «Sowohl Coltrane als auch Marsh kamen sehr stark von Lester Young her - und entwickelten sich in ganz verschiedene Richtungen!» Wer mit Turner spricht, dem bleibt nicht lange verborgen, dass dieser über eine profunde Kenntnis der Jazzgeschichte verfügt. Und wer ihn auf CD oder - noch besser - im Konzert hört, der merkt schnell, dass Turner trotzdem kein musealer Traditionalist im Marsalis-Fahrwasser ist. Vielmehr gehört der 33jährige Tenorsaxophonist zu einer neuen Generation amerikanischer Musiker, die dem Jazz jenseits vorgestriger Ideologiedebatten neue Impulse verleihen.

Die Beatles und Messiaen

Als letztes ertönt auf Turners aktuellem Album, «In This World» (Warner), der Beatles-Song «She Said, She Said». Dies ist nichts Aussergewöhnliches: Die Beatles sind beliebt bei den jungen Jazzern, und die Pop-Songs früherer Jahre, also die Lieder aus dem «Great American Songbook», wurden von Keith Jarrett auch schon als «Stammessprache des Jazz» bezeichnet. Auch Turner verschliesst sich dieser Sprache keineswegs, wie er mit Henry Mancinis «Days of Wine and Roses» auf der neuen CD oder mit Cole Porters «At Long Last Love» beim einzigen Schweizer Konzert im Luzerner Casino beweist.

Darüber hinaus schreibt Turner aber auch noch originelle Kompositionen, die zugleich einen ausgeprägten Formwillen und eine grosse Experimentierfreude verraten. So legt er in «Lennie Groove» eine dieser typisch «tristanoesken», sich elegant über mehrere Taktlinien hinwegschlängelnden Linien über eine nicht standardisierte Harmoniefolge und ein ungerades Metrum; die Basis für das turbulente «Bo Brussels» ist eine Skala aus dem Werk Olivier Messiaens. Und genau das ist das Aussergewöhnliche an Turner: wie souverän und unverkrampft er Messiaen und die Beatles, Coltrane und Marsh unter einen Hut zu bringen versteht. Dazu kommt eine stupende instrumentale Meisterschaft; besonders eindrücklich ist Turners flüssiges und intonationssicheres Spiel in den extrem hohen Lagen des Saxophons.

Profil einer neuen Generation

Immer wieder kommt Turner darauf zu sprechen, wie wichtig für ihn der Ideenaustausch mit gleichgesinnten Musikern seiner Generation sei, er nennt sie «my peers». Ein wichtiger Treffpunkt für diese Musiker ist der New Yorker Club Smalls. Ein typischer Vertreter der neuen Generation ist zirka dreissig Jahre alt, foutiert sich um den Streit zwischen Traditionalisten und Avantgardisten, besitzt eine kaum stillbare musikalische Neugier, setzt sich äusserst gewissenhaft mit seinem Instrument auseinander, ist eher introvertiert und schreckt vor allzu grosser Banalität zurück wie der Teufel vorm Weihwasser.

Auf Turners gegenwärtiger Europa-Tournee heissen seine «peers» Kurt Rosenwinkel (Gitarre), Doug Weiss (Bass) und Jorge Rossy (Drums) - Rossy und Rosenwinkel spielen auch auf Turners Album «In This World», auf dem noch Brad Mehldau (Piano), Larry Grenadier (Bass) und Brian Blade (Drums) mitwirken. Zu Brüdern im Geiste erklärt Turner des weiteren die Saxophonisten Seamus Blake, Chris Cheek, Chris Potter und Nat Su, die Pianisten Reid Anderson, Ethan Iverson und Mike Kanan, den Trompeter Dave Douglas und den Gitarristen Ben Monder. Um die Zukunft des Jazz braucht man sich wahrlich keine Sorgen zu machen.

22.02.1999