Katz und Maus im Benimm-Kurs

Das italienische Duo Trovesi & Coscia traf im Zürcher Jazzclub Moods auf das Aargauer Kammerorchester. Das wäre nicht nötig gewesen.

Tom Gsteiger

In Italien scheint sich nicht herumgesprochen zu haben, dass Selbstlob stinkt. So kündigte der Klarinettist Gianluigi Trovesi in seinen ausufernden Ansagen gar manches der Stücke, das er für das um eine Jazzrhythmusgruppe (Rätus Flisch am Bass, Tony Renold am Schlagzeug) erweiterte Aargauer Kammerorchester, seinen langjährigen Weggefährten Gianni Coscia am Akkordeon und natürlich sich selbst geschrieben hatte, als «capolavoro» (Meisterwerk) an. Trovesi tat dies natürlich nicht mit ernster Miene, sondern mit ironischem Augenzwinkern, als wollte er sagen: Wer mich beim Wort nimmt, ist selber schuld!

Ach! hätte der sympathische Strubbelkopf aus der norditalienischen Stadt Bergamo, der sich auf das Stil-Surfing zwischen Folkore, Jazz und Klassik spezialisiert hat, doch nur recht gehabt mit der PR in eigener Sache. Dann hätten sich seine Kompositionen und Arrangements nicht als zwar hübsch gedrechselte, aber letztlich enorm brave Pasticcio-Fingerübungen, die zumeist im „Weder-Fisch-noch-Vogel-Stadium“ stecken bleiben, entpuppt.

Trovesis Querfeldeinmusik krankt an einer Anhäufung von Defiziten: Man vermisst die Direktheit und den musikantischen Übermut ursprünglicher Folkore, von der nonkonformen Experimentierfreude des Jazz sind nur homöopathische Dosen übrig geblieben, der klangliche Reichtum, der in einem Kammerorchester steckt, wird nicht ausgeschöpft. In den schlimmsten Momenten, kann man da erleben, was passiert, wenn man eine an und für sich einfache, herzergreifende Melodie in einen tremolierenden Streicherteppich einpackt. Dann entsteht aufgeplusterter, sentimentaler Kitsch, der bestens zu einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung passen würde. Während Trovesi und Cosica bei ihren Duo-Auftritten Katz und Maus miteinander zu spielen pflegen (wobei die Rollen sehr schnell wechseln können!), hielten sie sich nun bei der Zusammenarbeit mit einem hierarchisch gegliederten Klangkörper an Benimm-Regeln, die der Spielfreude nicht förderlich waren.

Moods, 18. 10. 06