Ein Bassist als Bandleader

Ab 1999 lebte Nicolas Thys sieben Jahre in New York. Dort lernte der belgische Jazzbassist die Musiker kennen, mit denen er das Album «Virgo» eingespielt hat, von dem er sagt: «Es ist ein Destillat meiner musikalischen Vorlieben, die alle irgendwie im Blues wurzeln.»

Tom Gsteiger

In gewisser Weise ist Nicolas Thys ein konservativer Kontrabassist: Der 1968 geborene Belgier ergötzt sich nicht an exaltierter Interplay-Virtuosität, sondern liebt es, eine Band mit federnder Tiefton-Wucht in Schwung zu bringen und dann diesen Schwung stufenweise zu intensivieren. Er tut dies allerdings zumeist in einem durchaus zeitgenössischen Jazzkontext.

Als Thys 1999 nach New York zog, hatte er dort bereits ein gutes Beziehungsnetz aufgebaut. «Ich war 1996 mit einem Stipendium drei Monate in New York und nahm Unterricht bei Marc Johnson und Mark Helias. In New York gibt es extrem viele extrem gute Jazzmusiker, ein Freund machte mich mit vielen von ihnen bekannt, es gab sogar einen Jam mit John Scofield. So fand ich schnell Anschluss. Das war eine tolle Zeit», erinnert sich Thys. In New York fand Thys nicht nur musikalische Erfüllung, sondern auch das private Glück; als seine Frau allerdings mit dem zweiten Kind schwanger war, fiel der Entschied, nach Belgien zurückzukehren. Thys erklärt pragmatisch: «In Europa sind die Verhältnisse für eine Familie einfach sicherer.» Dass der Kontakt zur New Yorker Jazzszene nichtsdestotrotz intakt blieb, beweist nun die CD «Virgo» (Pirouet) auf eindrückliche Weise.

Band mit Joker

Um sein persönliches Dream-Team zusammenzustellen, musste Thys nicht lange überlegen. «Ein Schlagzeuger muss dafür sorgen, dass ich mich wohl fühle. Genau dies tut Dan Rieser und zwar auf kreative und geschmackvolle Weise», hält Thys fest und fährt fort: «Den Pianisten Jon Cowherd lernte ich bei einer privaten Jam-Session kennen. Zwischen uns funkte es sofort.» Den Tenorsaxofonisten Chris Cheek vergleicht Thys mit Sängern wie Sam Cooke und Johnny Hartman: «Obwohl er ein Wahnsinnstechniker ist, spielt er sehr lyrisch. Sein Sound hat einen nostalgischen Touch.» Der Junior der Band ist der Gitarrist Ryan Scott und er ist zugleich auch eine Art Joker, Thys bezeichnet ihn als «wild kid» und führt aus: «Im Gegensatz zu den andern Musikern ist er kein Alleskönner. Dafür kann er richtig abrocken, wenn es sein muss. Ich liebe seinen Klangfarbenreichtum und sein Rhythmusgefühl.»

Für diese hochkarätige Band hat Thys eine Reihe attraktiver Eigenkompositionen geschrieben, denen man den entspannten Entstehungsprozess anmerkt. Fürs Komponieren wechselte der Bassist zum Klavier und liess die Musik aus sich herausfliessen, ohne allzu gross darüber nachzudenken: «Ich liess mein inneres Ohr entscheiden. Ich bin wirklich zufrieden mit dem Album. Es ist ein Destillat meiner musikalischen Vorlieben, die alle irgendwie im Blues wurzeln.»

Bluesgefühl

Mit dem Begriff Blues verbindet Thys ein spezifisches Gefühl, das er nicht genau in Worte zu fassen vermag: «Alles, was vom Blues herkommt, berührt mich ganz tief. John Coltrane und Stevie Wonder: Für mich ist das eine Sache. Man hört es in der Phrasierung, in der Rhythmik.» Auf «Virgo» sind keine abgedroschenen Bluesklischees zu hören, es geht vielmehr um eine Transzendierung des Bluesgefühls. Tatsächlich hat Thys ein Faible für Melodien, die sich kapriziös winden und doch mitten ins Herz treffen. Man hört dem Album an, das es von einem Musiker stammt, der sich in erster Linie dem zeitgenössischen Jazz verbunden fühlt, aber deswegen nicht hochnäsig auf populäre musikalische Genres herabschaut, so spielte Thys in New York auch mit der Popband Brazilian Girls und als einziger Weisser mit einer Rhythm-and-Blues-Combo.

Nun wünscht sich Thys sehnlichst, mit der Virgo-Band auf Tour gehen zu können. So schnell wird ihm auch sonst nicht langweilig: Neben einer Dozentenstelle am Konservatorium in Antwerpen spielt er in den Bands der aus Südafrika stammenden Sängerin Tutu Puoane und des Saxofonisten Robin Verheyen. Die Zusammenarbeit mit dem eigenwilligen amerikanischen Pianisten Bill Carrothers beschränkt sich zwar auf ein paar sporadische Gigs, macht aber unheimlich Spass (Carrothers’ phantastisches Trio mit den Belgiern Thys und Dré Pallemaerts ist u.a. auf dem Pirouet-Album «I Love Paris» zu hören). Und schliesslich hat Thys auch noch ein Soloprogramm für Elektrobass in der Pipeline.  

2009