Ein wahres Wintermärchen
Toots Thielemans und Freunde in der Zürcher Tonhalle, 2003.
An kalten Wintertagen ist es eine Freude, in einer warmen Stube Platz nehmen zu dürfen und Geschichten erzählt zu bekommen. Nun denn, hört her, ich habe eine Geschichte für euch: keine sehr spannende, aber eine hübsche.
Kürzlich begab ich mich kurz nach einem bescheidenen Abendmahle auf eine kurze Reise. Mein Ziel war der prächtigste Konzertsaal in der Hauptstadt unseres geliebten Kantons. Dort dürfen seit einiger Zeit nicht nur befrackte Symphoniker, sondern auch Vertreter einer Musik, die in ihren Anfängen auch in Spielhöllen und Bordellen erklang – ich spreche hier natürlich vom Jazz – um Applaus buhlen. Das Konzert, von dem hier die Rede sein soll, begann mit einer klitzekleinen Verspätung, also kurz nach acht. Zuerst betraten drei Männer die Bühne, zwei schwarze Amerikaner und ein bärtiger Däne, alle in feines Tuch gehüllt. Nachdem sich Alvin Queen hinters Schlagzeug und Mulgrew Miller ans Klavier gesetzt und Niels-Henning Ørsted-Pedersen seinen Kontrabass gepackt hatte, ging es auch schon los. Das wohl gelaunte Trio entführte das gebannt lauschende Publikum in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, in die Zeit glamouröser Broadway-Musicals und Hollywood-Filme also – schliesslich sprang es auch noch auf Billy Strayhorns «A-Train» und Herr Queen kam dermassen in Fahrt, dass ihm ein Solo gelang, dass in seiner fröhlich polternden Art die Zuhörerinnen und Zuhörer zum verzückten Klatschen animierte.
Fürst Blaubär
Die Uhr ging gegen neun, als ein weiterer Mann aus den Kulissen geschritten kam. Viele hielten den Atem an, denn eine «lebende Legende» bekommt man nicht jeden Tag zu Gesicht. Um eine solche handelt es sich im Falle des Belgiers Toots Thielemans, der letztes Jahr seinen 80. Geburtstag hat feiern dürfen, ganz gewiss. Er hat die Mundharmonika im Alleingang «nobilitiert», indem er zeigte, dass in diesem oft belächelten «Arme-Leute-Instrumentchen» eine Vielfalt von Emotionen steckt. Thielemans sieht aus wie eine Mischung aus Käpt‘n Blaubär und einem Edelmann, der Schalk sitzt ihm gewaltig im Nacken, der Charme dringt aus allen Poren. So wie er aussieht, spielt er auch: ohne falsche Hemmungen, mal elegant und raffiniert, mal bodenständig oder gar den höheren Blödsinn streifend.
Von seinem Drehstuhl aus manövrierte Thielemans die kleine Combo ohne grössere Schwierigkeiten durch einen Reigen mehrheitlich sehr bekannter Stücke. Dazwischen liess er in kurzweiligen Ansagen einen Teil seines bewegten Lebens Revue passieren, er erzählte von seiner Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Künstlern wie Paul Simon, Bill Evans und Louis Armstrong. Vor letzterem, mit dem er einen 28-sekündigen Chrysler-Werbespot aufgenommen hatte, verbeugte er sich mit einer Version eines nicht unumstrittenen Liedes: «What A Wonderful World». In seiner zuckrig-naiven Art ist dieses Stück ziemlich verlogen – doch uns kann dies egal sein: Wenn es von optimistischen Heilsverkündern wie Armstrong oder Thielemans intoniert wird, sind die Schrecken – die des Eises und die der Finsternis und alle anderen – gebannt und die Welt erstrahlt für einen Moment im Glanze der Unschuld.
Und die Moral der Geschicht‘? Auch ein harmloses Jazzkonzert kann einem an einem kalten Winterabend den Kopf verdrehen, das Herz erwärmen und die Seele auftun.
