Charme und Schalk

Über einen Mangel an guten Klaviertrios kann sich das Jazzpublikum wahrlich nicht beklagen. Doch gut ist nicht gut genug! Das um 1960 von Bill Evans, Scott LaFaro und Paul Motian entwickelte Interplay-Konzept, dessen Ziel das gleichberechtigte, simultane Improvisieren aller Beteiligten ist, bildet heutzutage für den überwiegenden Teil der Formationen mit Klavier, Bass und Schlagzeug eine zentrale Inspirationsquelle. Als leuchtende Beispiele für spannendes, originelles Interplay dürfen die Trios von Keith Jarrett und Brad Mehldau gelten – ihnen stehen allerdings viele Gruppen gegenüber, die sich allzu sklavisch am Evans-Modell orientieren. Das 1994 ins Leben gerufene Trio des Pianisten Jacky Terrasson mit Ugonna Okegwo am Kontrabass und Leon Parker am Schlagzeug zählt zweifellos nicht dazu.

Tom Gsteiger

Terrassons optimistische Truppe bildet eine willkommene Alternative zur omnipräsenten Evans-Orthodoxie – zuweilen entfaltet dieser flotte Dreier gar die Wucht einer Bigband. Bei Terrasson & Co. steht nicht die spontane Interaktion im Zentrum, sondern das kreative Jonglieren mit wirkungsvollen Effekten (über lange Zeiträume angelegte Crescendi und Decrescendi, abrupte Pausen etc.) und die präzise, aber dennoch lockere Umsetzung klarer Arrangementvorgaben, so wird etwa Cole Porters «Love For Sale» die Basslinie von Herbie Hancocks «Chameleon» unterlegt (zu hören gibt es diese durchaus gelungene Kombination von Broadway-Eleganz und Funk-Power auf der CD «Alive»). Terrasson gelingt das Kunststück, die Exuberanz Oscar Petersons mit der formalen Durchtriebenheit Ahmad Jamals zu verbinden. Mit anderen Worten: Wir haben es hier mit einem charmanten Schlaumeier, dem der Schalk ganz gehörig im Nacken sitzt, zu tun.

Kosmopolit

Terrasson kam 1966 in Berlin auf die Welt und wuchs in Paris auf – sein Vater ist Franzose, seine Mutter Afro-Amerikanerin. Ihrer Plattensammlung verdankte der Teenager Terrasson, der vom fünften Lebenjahr an klassischen Klavierunterricht erhalten hatte, den ersten Kontakt mit dem Jazz. Nach einem kurzen Abstecher an die renommierte Jazzschule in Berklee gings zuerst einmal zurück nach Paris, wo Terrasson u.a. als Begleiter der Sängerin Dee Dee Bridgewater in Erscheinung trat. 1990 folgte der Umzug nach New York. Drei Jahre später gewann Terrasson die prestigeträchtige Thelonious Monk Comeptition, worauf ihn das legendäre Label Blue Note unter Vertrag nahm. Terrassons aktuelles Album ist eine etwas gar schaumschlägerisch geratene Auseinandersetzung mit französischen Chansons; dem echten Jazz-Aficionado dürften die Trio-Scheiben mit dem erdigen Okegwo und dem hinterlistigen Parker wesentlich mehr Freude bereiten. Terrasson hat sich übrigens inzwischen von seinen langjährigen Weggefährten getrennt: Sein aktuelles Trio wird durch Sean Smith (Bass) und Ali Jackson bzw. Al Foster (Schlagzeug) komplettiert.

2002