Rausch ohne Kontrollverlust
Der phänomenale Altsaxofonist Nat Su hat in der Esse-Musicbar das aus lauter interessanten Eigenkompositionen bestehende Programm seiner nigelnagelneuen Quartett-CD vorgestellt.
Spiralartige Kaskaden, sich immer höher hinaufschraubend, darauf eine kurze Pause, die der Altsaxofonist - die Augen geschlossen, den Körper zu äusserster Konzentration angepannt - nutzt, um neuen Atem zu schöpfen und dann jäh ins tiefe Register zu springen, wo die Keimzelle eines neuen Melodiebogens entsteht, der zuerst über das furiose Zischen und Donnern des Schlagzeugs, die pulsierenden Vibrationen des Kontrabasses und die irisierend-mysteriösen Harmonien des Klaviers hinwegzuschweben scheint, um schliesslich zu einem Teil eines klanglich-kinetischen Geschehens zu werden, das einen einhüllt und mitreisst und umwogt und in eine magische Welt katapultiert, in der die Gesetze der Gravitation ausser Kraft gesetzt sind.
Der Einleitungssatz ist zwar recht lang und gewunden, doch im Vergleich zu den beflügelten, zuweilen schier endlosen, nicht nur in rhythmischer Hinsicht enorm variablen, mit einem wunderbar kantablen, expressiven Sound unterfütterten Phrasen, die Nat Su auf dem Altsax improvisiert, also fortlaufend spontan kreiert im Wechselspiel zwischen poetischer Verflüssigung der Technik und konziser Konkretisierung einer blühenden Phantasie, wirkt er geradezu unbeholfen. Also versuchen wir es mit einem kurzen Satz: Nat Su ist Weltklasse! Weil er aber nicht Tennis, sondern Modern Jazz spielt, gehört er weder zur echten noch zur Cervelat-Prominenz der Schweiz (wer es aufs Titelblatt der «Schweizer Illustrierten» schaffen möchte, sollte also besser die Finger vom Jazz lassen).
Zurück aus New York
Nach einem längeren Aufenthalt in New York, den er u.a. für Privatlektionen bei der Koryphäe David Liebman (Liebmans «chromatic approach» ist ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung des Jazz nach John Coltrane) nutzte, hat Su sein Trio mit dem Kontrabassisten Stephan Kurmann und dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter um den glänzenden Pianisten Roberto Tarenzi aus Mailand zum Quartett erweitert.
Mit dieser Gruppe machte er im Radiostudio Zürich vor ziemlich genau einem Jahr eine Aufnahme mit acht sehr unterschiedliche Eigenkompositionen - darunter die wunderbare Ballade «Hagodi» mit Strayhorn-Touch, ein «Blues for Beppo» und eine gewitzte Hommage an Ahamd Jamal -, die nun als CD vorliegt und auf einer Tournee durch Insider-Lokale zu neuem Leben erweckt wird: Im Gegensatz zu Pop und Klassik geht es ja im Jazz nicht um die möglichst perfekte Reproduktion eines Ideals, sondern um ein «work in progress».
Beim Konzert in der Esse-Musicbar wurde schnell klar, dass es sich beim Nat Su Quartet um eine der nicht allzu zahlreichen Formationen handelt, der das seltene Kunststück gelingt, sich in einen veritablen Spielrausch hineinzusteigern, ohne die Kontrolle zu verlieren - selbst halsbrecherische schnelle Tempi wurden nicht nur ohne jegliche Hektik, sondern auch mit einer Eloquenz, die nie ins Geschwätzige kippte, gemeistert. Ihre stupenden improvisatorischen Höhenflüge auf einem von Kurmann und Pfammatter geknüpften Rhythmusteppich der Qualitätsklasse 1A begannen Su und Tarenzi dort, wo andere bereits am Ende ihres Lateins angelangt wären.
CD-Tipp
Nat Sus neuester Silberling trägt den Titel «Volatile» und ist auf dem Label TCB erschienen.
