Atemberaubende Ü-Musik
Der in St. Gallen geborene Komponist Martin Streule hat grosse Ambitionen und einen langen Atem: Mit seinem Jazz Orchestra arbeitet er seit 2003 am Konzertzyklus «The Four Elements». Während nun mit «Earth» der zweite Teil zur Aufführung gelangt, liegt das Auftaktwerk «Water» auf CD vor.
Tom Gsteiger
Obwohl er seine Arbeitsweise als langsam und chaotisch bezeichnet, hat Martin Streule einen Plan geschmiedet, der in seiner Kühnheit und in seinen Dimensionen alles in den Schatten stellt, was der orchestrale Jazz bisher hervorgebracht hat. Streule hat sich zum Ziel gesetzt, jedes der vier Elemente in einem abendfüllenden Programm zu vertonen.
Seit 2003 arbeitet Streule an seinem ambitionierten Konzertzyklus – den Auftakt bildete «Water», nun folgt «Earth». Dabei lässt er sich nicht einfach von seinen Launen lenken. Dem Kompositionsprozess liegt ein ausgeklügeltes Konzept zugrunde. Der Idee folgend, dass alle Elemente einer gemeinsamen Urmaterie entstammen, hat er für jedes Element ein aus drei Tönen bestehendes Motiv geschaffen; addiert man diese Motive, gelangt man zur chromatischen Tonleiter, die als Urmaterie der westlichen Musik begriffen werden kann. Streule ist allerdings kein abgehobener Konzeptkünstler, der sich nur von seinem Kopf leiten lässt, so zeichnen sich seine Stücke nicht nur durch motivische Stringenz, sondern auch durch emotionale Dringlichkeit aus.
Standen bei «Water» klangmalerische Raffinesse und weit gespannte Bögen im Vordergrund, so sind nun bei «Earth» die Texturen karger und rauer – im zweiten Teil spielen Bassklarinetten und Perkussionsinstrumente eine tragende Rolle – und es gibt mehr Freiheiten für die Solisten (Streules Hauptrekrutierungsfelder sind die Jazzszenen von Bern und Zürich; ein harter Kern von Musikern ist von Anfang an, also seit 1997, dabei). Indem er sich weit von handelsüblichen Jazz-Konventionen entfernt, stellt Streule seine Musiker vor die grosse Herausforderung, ihre Improvisationen als Ergänzung des komponierten Materials zu konzipieren.
Martin Streule kam 1971 in St. Gallen auf die Welt. Seit über einem Jahrzehnt wohnt er in der Nähe von Bern, wo er an der Swiss Jazz School und am Konservatorium (u.a. bei Urs Peter Schneider) studierte. Man hört es seinen Werken an, dass nicht nur der Jazz, sondern auch die E-Musik zu seinen Inspirationsquellen zählt: Die Komplexität seiner Musik gerät dabei zum Glück nie zum Selbstzweck, sondern steht stets im Dienst der künstlerischen Botschaft. Seinen Lebensunterhalt bestreitet Streule in erster Linie als zwischen Bern und Zürich pendelnder Dozent; dazu kommen kleinere und grössere Auftragswerke. Am meisten am Herzen liegt Streule die Arbeit mit seinem Jazz Orchestra, für das nicht nur er, sondern alle Musiker finanzielle Opfer bringen: So hat man den mit 10000 Franken dotierten Jazzpreis der Zürcher Kantonalbank vollumfänglich in die Produktion der CD «Water» (Unit Records) gesteckt. Diesen enthusiastischen Idealismus teilt Streule mit der amerikanischen Bigband-Visionärin Maria Schneider : Als er während seines Studiums ein Stück von ihr hörte, war für ihn die weitere Richtung seines Schaffens vorgegeben. Streule hat sich durch intensives Hören mit Schneiders Œuvre auseinandergesetzt, ohne darob zum braven Epigonen zu werden. Schneider hat im orchestralen Jazz eine Revolution auf Samtpfoten eingeleitet: Der elf Jahre jüngere Streule ist ihr interessantester Statthalter in Europa.
2005
