Formidabler Tastsinn
Das Bill Stewart Trio im Zürcher Moods (Oktober 2005). Meistens ist der Schlagzeuger Bill Stewart als Sideman unterwegs. Dass er auch ein überaus einfallsreicher Bandleader ist, beweist er mit einem ungewöhnlichen Trio, zu dem der Pianist Kevin Hays und der Organist Larry Goldings gehören.
All jenen, die beim Besuch von Jazzkonzerten ihre Gesundheit nicht aufs Spiel setzen möchten, können die Sonntagskonzerte im Zürcher Moods ans Herz gelegt werden: Erstens beginnen sie bereits um sieben Uhr und zweitens sind sie rauchfrei. Für die Gruppe, die letzten Sonntag im Moods Halt machte, wäre man allerdings auch zu später Stunde in ein rauchgeschwängertes Kellerloch hinabgestiegen: Das neue Trio des 39-jährigen Ausnahmeschlagzeugers Bill Stewart ist nämlich eine Gruppe, die sich in mehrfacher Hinsicht vom «courant normal» abhebt.
Ein Blick auf die Bühne machte bereits vor dem Konzert klar, dass sich Stewart für eine Instrumentierung entschieden hat, die wahrlich aus dem Rahmen fällt. In der Mitte war das Schlagzeug aufgebaut, rechts davon stand eine Hammond-Orgel, links ein Flügel plus ein Fender-Rhodes-Elektro-Piano: eine interessante, aber heikle Ausgangslage. Der Pianist Kevin Hays und der Organist Larry Goldings meisterten die Aufgabe, sich nicht in die Quere zu kommen, mit Bravour: Mal gab es zwischen ihnen eine klare Rollenverteilung – hier der Solist, dort der Begleiter –, mal kreierten sie gemeinsam ungemein vielschichtige Klanglandschaften, das Stück «Chorale» etwa wirkte ein bisschen wie ein surrealer Traum. Die beeindruckende Kohäsionskraft dieses Trios dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass sowohl Hays als auch Goldings langjährige Weggefährten von Stewart sind.
Kontrolle und Entfesselung
Auf die Idee, beide Tastenmänner zusammenzuführen, ist der fulminante Schlagzeuger vielleicht dank seiner Affinität für das Œuvre des Trompeters Miles Davis gekommen, der ja um 1970 eine Reihe aufregender Studio-Aufnahmen machte, an denen jeweils mehrere Keyboarder (u.a. Herbie Hancock, Chick Corea und Joe Zawinul) beteiligt waren. Am deutlichsten war der Davis-Bezug in Stücken wie dem bereits erwähnten «Chorale» oder dem funkig-aggressiven, von einer wuchtig-bedrohlichen Orgel-Figur angetriebenen «Enjoy It» zu spüren: Es waren dies die radikalsten Nummern in einem Repertoire, in dem es auch Platz hatte für geschmackssichere Standards-Interpretationen und raffinierte Groove-Kabinettstückchen, die einem das Stillsitzen schwer machten. Überhaupt liess Stewart die Spannung so gut wie nie absacken: Wie dieser mit allen Wassern gewaschene Schlagzeuger minuziöse Präzisionsarbeit und entfesseltes Draufgängertum unter einen Hut zu bringen vermag, ist immer wieder ein Ereignis. Kein Wunder, dass sich Jazz-Cracks wie John Scofield, Joe Lovano, Pat Metheny oder Chris Potter um Stewart reissen. Nach dem von A bis Z begeisternden Gig im Moods wünscht man sich allerdings, dass Stewart inskünftig auch häufiger mit eigenen Bands in unseren Breitengraden unterwegs sein wird.
CD-Tipps:
Das Album seines neuen Trios hat Bill Stewart selber produziert: Es heisst «Keynote Speakers» und ist via CDBaby zu beziehen. Von Kevin Hays ist kürzlich mit «Open Range» (Act / MV) ein zugleich verschrobenes und idyllisches Solo-Album erschienen.
