«Das Grammophon war unser bester Lehrer»


Der Jazzpianist Bobo Stenson, der mit Jan Garbarek, Charles Lloyd und Tomasz Stanko spielte, legt mit «Cantando» ein sublimes Trio-Album vor. Im Gespräch gibt sich der herbe Schwede betont ungekünstelt.

Tom Gsteiger

Am liebsten spielt Bobo Stenson mit Musikern, mit denen er nicht viel über Musik zu reden braucht (Tennis oder Eishockey scheinen ihm als Gesprächsthemen wesentlich lieber zu sein). Wenn es um die reflexive Nachbearbeitung seines Tuns geht, gibt sich der 1944 im schwedischen Västerås geborene Jazzpianist betont wortkarg. Für Stenson stehen die Intuition, das Abenteuer der spontanen Kreation im Vordergrund. Zur Arbeitsweise seines Trios hält er fest: «Wir üben kaum zusammen, vor Konzerten probieren wir manchmal neue Stücke aus. Jeder macht, was er für richtig hält und ist Teil eines kooperativen Prozesses. Dafür braucht es natürlich sehr viel gegenseitiges Vertrauen.»

Seit gut anderthalb Jahrzehnten gehört mit dem Kontrabassisten Anders Jormin eine weitere grosse Persönlichkeit des schwedischen Jazz zu Stensons Trio. Sie bilden ein telepathisches Team; auf scheinbar unangestrengte Weise gelingt ihnen eine Symbiose, wie man sich auch im Jazz nur sehr selten antrifft (früher etwa bei Bill Evans und Scott LaFaro oder bei Herbie Hancock und Ron Carter). In den 90er-Jahren wurde das Trio durch den norwegischen Freibeuter Jon Christensen am Schlagzeug vervollständigt.

Die ECM-Alben «Reflections», «War Orphans» und «Serenity» haben dieser Formation einen Platz im Piano-Trio-Pantheon gesichert: Was da an Erfahrung, Sensibilität, Risikofreude und lyrischer Kraft zusammenkommt, ist schier unfassbar. Dazu kommt ein breitgefächertes, aber nie beliebig wirkendes Repertoire, in dem man nicht nur auf Eigenkompositionen und Jazznummern stösst, sondern auch auf kubanische Balladen, skandinavische Volkslieder sowie Kompositionen von Alban Berg, Hanns Eisler und Charles Ives.

Der wilde Jon, Teil II


Nun ist es so, dass der unberechenbare Erzindividualist Christensen in eine lange Reihe von Jazzmusikern eingereiht werden muss, die zu oft zu tief ins Glas schauen – darum sah sich Stenson gezwungen, nach Ersatz Ausschau zu halten. Nachdem sich weder Billy Hart noch Paul Motian als optimale Lösung entpuppten, hatte man sich schon zur ernüchternden Erkenntnis durchgedrungen, dass für einen sensiblen Draufgänger wie Christensen halt beim besten Willen kein adäquater Ersatz aufzutreiben ist.

Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Im jungen Schweden Jon Fält haben Stenson und Jormin einen Partner gefunden, der seine Sturm-und-Drang-Phase noch nicht hinter sich hat und doch bereits mit viel Reife zu agieren versteht. Fält bringt frischen Wind und neue Energie ins Trio. Bei einem unvergesslichen Konzert im Zürcher Jazzclub Moods vor zweieinhalb Jahren dominierte Fälts ungestüme Experimentierfreude, die sich durch eine Perfektionierung des Anti-Perfektionismus auszeichnete.

Auf der im Dezember 2007 im Radiostudio Lugano eingespielten CD «Cantando» (ECM) schaltet Fält nun über weite Strecken mindestens einen Gang zurück: Das ganze Trio atmet tief durch und gibt sich der subtilen Klangmalerei hin. Im Vergleich zur Live-Situation verliert die Musik viel von ihrer unmittelbaren Dringlichkeit, gewinnt dafür an klanglicher Raffinesse. Alles in allem ist das Album allerdings schon arg introspektiv geraten - das afrikanisch angehauchte «Corapiece» von Don Cherry und die muntere Holterdipolternummer «A Fixed Goal» von Ornette Coleman wirken fast schon wie Fremdkörper.

Europäische Einflüsse


Herzstück von «Cantando» ist eine aus vier frei improvisierten Miniaturen zusammengefügte Suite, die den Titel «Pages» trägt und sich über beinahe eine Viertelstunde erstreckt. Das Trio findet zu einer mysteriösen und doch vollkommen organischen Musiziersprache, die trotz ihrer dunkeln Färbung nie nebulös wirkt: Hier wird besonders deutlich, dass der musikalische Horizont dieser Ausnahmemusiker weit über die amerikanische Jazztradition hinausgeht, ohne diese zu ignorieren. Für Stenson, der keinen Hehl daraus macht, dass er Vorbildern wie Bud Powell, McCoy Tyner oder Keith Jarrett enorm viel zu verdankt, ist klar: «Wir Europäer sind anders, wir sind nicht mit derselben Kultur gross geworden wie die Amerikaner. Im amerikanischen Jazz werden die Regeln strikter eingehalten.»

Stenson wuchs in einer musikbegeisterten Familie auf; mit sieben erhielt er klassischen Klavierunterricht; sein älterer Bruder brachte ihn zum Jazz. Noch als Schüler stiess Bobo zur Band des 1968 verstorbenen Saxofonisten Börje Frederiksson, den er als Mentor bezeichnet. Ein Klavierstudium in Stockholm wurde immer stärker von Jazzaktivitäten überlagert und schliesslich kurzerhand an den Nagel gehängt. Ein Jazzstudium konnte man damals noch fast nirgends absolvieren. «Das Grammophon war unser bester Lehrer», erinnert sich Stenson.

In den 60er- und 70er-Jahren gab es in Skandinavien eine sehr lebendige Jazzszene - nicht zuletzt wegen der vielen US-«Expatriates», die sich im toleranten Norden niederliessen. Stenson zählte zum Trio des Bassisten Red Mitchell und begleitete so unterschiedliche Koryphäen wie Stan Getz, Sonny Rollins, Gary Burton und Don Cherry. Letzterer führte in zur «Weltmusik», die er in Gruppen wie Rena Rama oder Oriental Wind weiterverfolgte.

Mit dem norwegischen Saxofon-Hymniker Jan Garbarek leitete Stenson in der ersten Hälfte der 70er-Jahre ein Quartett, das im Hohen Norden dermassen populär war, dass das Publikum gewisse Melodien mitsang. An das erste Zusammentreffen mit Garbarek erinnert sich Stenson noch genau: «Ich trat mit Palle Danielsson und Jon Christensen am Jazz-Jamboree in Warschau auf. Bei einer Jam-Session kam Jan dazu. Es war unglaublich, wir haben einfach abgehoben.»

Und so nahm man 1973 die Platte «Witchi-Tai-To» (ECM) nicht im Trio, sondern im Quartett auf. Dass diese Gruppe nur noch auf einem weiteren Studioalbum («Dansere», 1975) und also auf keinem einzigen Live-Mitschnitt verewigt ist, bedauert Stenson sehr. Mit Galgenhumor quittiert er die Tatsache, dass kein Geringerer als Keith Jarrett mit Garbarek, Danielsson und Christensen ein eigenes Quartett ins Leben rief und ihn so gewissermassen vom Piano-Stuhl bugsierte: «Hätte ich sie etwa alle umbringen sollen?»

2008