Romantische Rebellen
Das Trio des schwedischen Jazzpianisten Bobo Stenson hat im Zürcher Moods die Welt aus den Angeln gehoben. Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des atemberaubenden Konzerts hat der junge Freibeuter Jon Fält am Schlagzeug geleistet.
Tom Gsteiger
Mit seinem Landsmann Anders Jormin (Kontrabass) und dem Norweger Jon Christensen (Schlagzeug) nahm der schwedische Pianist Bobo Stenson, der seit seiner Zusammenarbeit mit Jan Garbarek in den 1970er-Jahren zur ersten Garde des europäischen Jazz zu zählen ist, zwischen 1993 und 1999 drei Alben für das Label ECM auf, die sein Trio als eines der herausragenden Interaktionsensembles des zeitgenössischen Jazz ausweisen: Was in der Musik dieser Gruppe an Erfahrung, Sensibilität, Risikofreude und lyrischer Kraft zusammenkommt, ist kaum zu fassen. Nun ist es so, dass der unberechenbare Erzindividualist Christensen leider in eine lange Reihe von Jazzmusikern eingereiht werden muss, die zu oft zu tief ins Glas schauen – darum sah sich Stenson gezwungen, einen neuen Trommler zu suchen.
Nachdem sich weder Billy Hart noch Paul Motian als ideale Lösung entpuppten, hatte man sich schon zur ernüchternden Erkenntnis durchgedrungen, dass für einen sensiblen Draufgänger wie Christensen halt beim besten Willen kein adäquater Ersatz aufzutreiben ist. Umso beglückender war es nun, sich anlässlich des Auftritts des Bobo Stenson Trio im sehr gut besuchten Zürcher Club Moods eines Besseren belehren lassen zu dürfen.
Der wilde Jon, Teil II
Was der junge Schlagzeuger Jon Fält aus Stockholm bot, war derart unglaublich, dass man kaum mehr aus dem Staunen herauskam. Am besten lässt sich sein gleichermassen wildes, überraschungsreiches und mitreissendes Spiel wohl auf paradoxe Weise beschreiben, nämlich als Perfektionierung des Anti-Perfektionismus. Fälts Aktionen hatten nicht selten etwas Rohes, Ungestümes an sich, wirkten aber trotzdem stets enorm zielgerichtet – dieser Schlagzeuger ist eine Art anarchistischer Präzisionsarbeiter, er spielt noch unorthodoxer als Christensen, von dem er sich einiges abgeschaut hat.
Stenson und Jormin genossen es sichtlich, sich von ihrem neuen Kompagnon in bisher unerforschte Regionen bugsieren zu lassen – da wurde kaum eine Sekunde auf Sicherheit gespielt, sondern aufs Heftigste mit dem Risiko geliebäugelt. Grosse Gefühle brachte dieses magistrale Triumvirat ohne Pathos und Sentimentalität zum Ausdruck: Romantik ohne Zuckerguss, dafür mit einer gehörigen Dosis rebellischen Aufbegehrens. Stets waren die schier telepathischen Interaktionen der drei Ausnahmemusiker von einem hohen Mass emotionaler Dringlichkeit geprägt. Das ungewöhnliche Repertoire, zu dem neben Jazznummern von Tony Williams und Ornette Coleman auch äusserst unprätentiöse und tiefschürfende Bearbeitungen von Werken der Komponisten Henry Purcell (17. Jahrhundert) und Charles Ives (20. Jahrhundert) gehörten, stammte zum grössten Teil von der aktuellen Trio-CD «Goodbye» (ECM): Das Titelstück, bei dem es sich um eine Ballade aus dem «Great American Songbook» handelt, die Benny Goodman jahrelang am Schluss seiner Auftritte spielte, erklang in einer ergreifenden Version am Ende des anderhalbstündigen, vom Publikum bejubelten Konzerts. Während Paul Motian auf der CD keinen echten Draht zu Stenson und Jormin findet, war Veld im Konzert dafür besorgt, dass man sich keinen Moment lang in Sicherheit wiegen konnte.
Bleibt zu hoffen, dass die kreativen Höhenflüge dieses Trios möglichst bald für die Nachwelt aufgezeichnet werden.
Feb. 2006
