Die Jazz-Seele von Mussorgski entdeckt

Der Trompeter Matthias Spillmann hat im Jazzclub Uster ein neues Programm zur Uraufführung gebracht (Feb. 2005): Bei «Same Pictures – New Exhibition» handelt es sich um eine enorm abwechslungsreiche und kluge Bearbeitung von Modest Mussorgskis berühmter Klaviersuite «Bilder einer Ausstellung».

Tom Gsteiger

Seien wir ehrlich: Beim Flirt des Jazz mit der Klassik ist es bisher vornehmlich zu Mésalliancen gekommen, man denke etwa an Jacques Loussier, der die grandiosen Werke von Johann Sebastian Bach zu zickiger «Nähmaschinen-Musik» degradierte, oder an die Wagner-Collagen des New Yorker Pianisten Uri Caine, deren überkandidelte Beliebigkeit rein gar nichts mit dem sehr deutschen Pathos der Originale zu tun haben. Und nun hat sich also der Zürcher Jazztrompeter Matthias Spillmann die Klaviersuite «Bilder einer Ausstellung» vorgeknöpft, die der Russe Modest Mussorgski (1839-1881) vor über einem Jahrhundert schuf. Da fragt sich der Skeptiker: Muss das sein? Nach der Premiere im Jazzclub Uster lässt sich diese Frage nur mit einem unzweideutigen «Ja!» beantworten.

Mussorgskis Werk, von dem es bereits etliche Bearbeitungen gibt – besonders oft wird Ravels Orchesterfassung aus dem Jahre 1928 gespielt –, wurde von Spillmann auf ungemein fesselnde Weise in einen Jazz-Kontext übertragen. Dabei ist es ihm gelungen, die unmittelbare, ungekünstelte Ausdruckskraft von Mussorgskis Musik in etlichen Passagen noch zu steigern. Mussorgski war ja kein Perfektionist, der den Wohlklang suchte, sondern ein Aussenseiter seiner Zunft, der lieber seiner Intuition vertraute als irgendwelchen Regeln zu folgen. Sein Leben glich einer Achterbahnfahrt, er hatte nicht nur mit dem Alkohol zu kämpfen, sondern auch mit der Ablehnung, auf die seine revolutionäre Tonsprache beim Komponisten-Establishment stiess.

Sensationelles Septett

In Spillmanns Arrangements stösst man nicht nur auf ungemein raffinierte und betörende Klangmixturen, sondern auch auf eine Expressivität, deren ungeschminkte Rohheit einem heftig aufzuwühlen vermag. Man spürt, dass Spillmann über einen ungemein breiten musikalischen Horizont verfügt: Der melancholische Lyrismus eines Kenny Wheeler ist bspw. in seinem Schaffen ebenso spürbar wie die cholerisch aufbrausende Heftigkeit eines Charles Mingus, um nur zwei grosse Vorbilder aus der Ahnengalerie der Jazz-Komponisten zu nennen.

Das Mussorgski-Programm hat Spillmann für das Septett Mats Up konzipiert, das er seit mehr als einem halben Jahrzehnt leitet und das zu den herausragenden «working groups» des Gegenwartsjazz gezählt werden darf. Die Band verfügt nicht nur über interpretatorische Souplesse und einen intakten Team-Geist, ihre Mitglieder sind auch regelmässig für improvisatorischen Zündstoff besorgt. Angeregt von den herausfordernden Vorgaben Spillmanns, der in der Rolle des «primus inter pares» sehr souverän, aber nie präpotent wirkt, gaben die Saxofonisten Domenic Landolf und Thomas Lüthi, der Posaunist Bernhard Bamert, der Pianist Léo Tardin, der Bassist Patrice Moret und der Schlagzeuger Dominic Egli ihr Bestes. Wie die Namen der Musiker vermuten lassen, handelt es sich bei Mats Up auch um eine exemplarische Kooperation über den Röstigraben hinweg.

CD: «Same Pictures - New Exhibition» (Unit Records).