Der Schrei der Orgel
Mit Aufnahmen für das Label Blue Note wurde Jimmy Smith sozusagen über Nacht zum führenden Hammond-Organisten des Jazz. Im Februar 2005 ist er im Alter von 79 Jahren gestorben.
Jimmy Smith war ein Pionier: So wie Coleman Hawkins das Tenorsaxofon neu für den Jazz erfand, revolutionierte er das Spiel auf der Hammond-Orgel. Smith ergänzte den von Organisten wie Milt Buckner und Will Bill Davis entwickelten «big band approach» durch kühne Bop-Linien à la Bud Powell und aufreizende Blues- und Soul-Kürzel à la Horace Silver. Die Basis von Smiths mitreissendem Stil war sein agiles Spiel auf den Basspedalen: Mit den Füssen übernahm er die Rolle eines mächtig groovenden Bassisten.
Mit seinen Aufnahmen für das Label Blue Note löste Smith eine regelrechte «Hammond-Hysterie» aus. Zahlreiche Organisten imitierten ihn, aber keiner kam wirklich an ihn heran. Erst Larry Young sollte es gelingen, die «Smith-Stereotypien», denen mit der Zeit auch ihr Urheber nicht mehr entkam, zu überwinden und einen neuen, progressiven Orgel-Stil zu etablieren. Seine Technik hatte sich Smith systematisch angeeignet: Im Alter von 27 Jahren war der Pianist so besessen von dem, was er in seinem Kopf hörte, dass er sich eine Orgel mietete und in einem Lagerhaus in Philadelphia mehr als ein Jahr lang tagtäglich übte.
Der Durchbruch kam 1956 bei einem Gastspiel im Café Bohemia in New York. Dort wurde Smith nämlich von den Blue-Note-Produzenten Alfred Lion und Francis Wolff entdeckt. Letzterer erinnerte sich noch Jahre später an diese Nacht: «Es war ein erstaunlicher Anblick. Ein krampfgeschüttelter Mann, mit verzerrtem Gesicht, gekrümmt in scheinbarer Agonie, die Finger flogen über die Tasten, sein Fuss tanzte auf den Basspedalen. Der Raum war erfüllt von Klängen, wie ich sie noch nie gehört hatte. Der Lärm war ohrenbetäubend. Er kletterte von der Bühne, lächelnd und tropfnass vor Schweiss. „Na, was meint ihr?“ - „Yeah“, sagte ich. Mehr konnte ich nicht sagen.» Was folgte, waren so legendäre Alben wie «Midnight Special», «Back at the Chicken Shack» oder «The Sermon».
