Science & Fiction
Über seine gloriose Vergangenheit redet der Jazzvisionär Wayne Shorter nicht gerne. Er denkt lieber über die DNA-Struktur von Musik und die Ewigkeit nach.
Aus der Kritikerumfrage der Zeitschrift «Down Beat» ging Wayne Shorter im Jahre 2003 in sechs Kategorien als Sieger hervor: Ein derartiger Triumph war bisher keinem anderen Jazzmusiker vergönnt. Obwohl ihm also ein Platz in der Ehrenloge des Jazz-Olymps sicher ist, hat Shorter nicht vor, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Im Gegenteil: Mit seinem 2001 ins Leben gerufenen Quartett katapultiert der am 25. August 1933 in Newark, New Jersey, geborene Saxofonist und Komponist den akustischen Jazz in eine neue Dimension. Von der Glorifizierung der Vergangenheit will Shorter nichts wissen.
«Das Wissen um die Geschichte des Handwerks reicht nicht als Sprungschanze zur Entdeckung von Neuland. Wer über die Vergangenheit spricht, geht dem Unbekannten aus dem Weg: Damit setzt man keinen Denkprozess in Gang. Ich bin seit rund 30 Jahren praktizierender Buddhist. Jeder Tag ist der erste Tag meines Lebens. Da gibt es keinen Platz, um der Vergangenheit nachzutrauern, keinen Platz für Schuldgefühle. Die Gegenwart ist der einzige Ort, von wo aus man die Zukunft ändern kann. Die Zukunft wird nur für Leute geplant, die nicht denken, fühlen und auswählen und das ist die grosse Mehrheit.»
Shorters unberechenbare Gruppe befindet sich fortwährend im
Wandel, kein Konzert gleicht dem anderen, jederzeit ist alles möglich.
Wie der zwischen enigmatischer Verknappung und explosiven Ausbrüchen
oszillierende Shorter, der feurig-phantasievolle Pianist Danilo Perez,
der zupackende Kontrabass-Virtuose John Patitucci und der von
Fulminanz zu Fulminaz tänzelnde Schlagzeuger Brian Blade die Formen
dehnen, drehen und wenden, ist unerhört. Ende Juni 2003 gastierte diese
famose Formation am Jazzfestival im kanadischen Montréal. Wie immer
sprach Shorter kein Wort zum enthusiasmierten Publikum und lenkte
seine Mitmusiker mit Blicken, knappen Gesten und melodischen Kürzeln
durch ein Repertoire, das durch scharfe Kontraste gekennzeichnet war:
Repetitiv-hypnotische Grooves wechselten mit abstrakten
Sound-Skulpturen ab.
In einem Telefoninterview im Vorfeld des Konzerts zeigt sich Shorter äusserst gesprächig, er hat allerdings Mühe, seine mal mäandrierenden, mal stockenden Gedankengänge zu kanalisieren – kühne assoziative Sprünge sind keine Seltenheit. Fragen nach
seiner Zeit bei Art Blakey (1959 1964), Miles Davis (1964 1970) und
der gemeinsam mit Joe Zawinul geleiteten Fusion-Combo Weather Report
(1971 bis 1985) weicht Shorter aus. Also wollen wir von ihm
wissen, warum er mit seiner neuen Gruppe zum akustischen Jazz
zurückgekehrt ist (das Album «Schizophrenia» von 1967 war Shorters
letzte akustische Platte unter eigenem Namen).
«Mir geht es nicht um elektrisch oder akustisch, das ist
bloss eine Formalität. Ich habe die Musiker wegen ihrer Haltung
ausgewählt, zufälligerweise spielen sie akustische Instrumente. Sie
sind keine Engel, aber ihr Denken wird nicht von Neid oder Eifersucht
geprägt. Wenn der menschliche Faktor sehr präsent ist, dann wird
dadurch die Botschaft des Musikmachens transzendiert. Es geht darum,
die Unschuld und Ehrlichkeit unserer Musik zu feiern, damit sie zu
einer Bestätigung unserer Ewigkeit wird. Jazz bedeutet für mich: No
category! Jazz ist ein Vehikel für den Geist des Lebens, des Moments.
Aber den freien Geist! Wer Jazz spielt, hat eine grosse Verantwortung.
Mit den Musikern des Quartetts probe ich nie. Wir haben erkannt, dass
bei uns die interessantesten Dinge im Moment passieren. Keiner weiss,
welchen Verlauf unsere Auftritte nehmen werden. Was und wie wir
spielen, überlassen wir unserer Intuition. Viele Musiker möchten wie
eine polierte Statue sein. Das ist nicht mein Ziel.»
Zur Beschreibung der risikofreudigen Musik von Shorters Quartett zieht die Jazzkritik am häufigsten das Miles Davis Quintet der Jahre 1964 bis 1968, in dem Shorter nicht nur Saxofon spielte, sondern auch als wichtiger Stückelieferant fungierte, zum Vergleich heran. Für mein Empfinden greift dieser Vergleich zu kurz. Fraglos gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Davis-Quintett mit der furiosen Rhythmusgruppe Hancock-Carter-Williams und Shorters aktueller Band: urplötzliche Tempowechsel, komplexe metrische Überlagerungen und raffinierten Re-Harmonisierungen. Kommt hinzu, dass Shorter nicht selten auf Stücke zurückgreift, die er zum Davis-Repertoire beigetragen hat («Footprints», «Masqualero», «Sanctuary»). Während bei Davis aber der Thema-Soli-Thema-Ablauf kaum in Frage gestellt wurde, weicht in Shorters Gruppe das individuelle Solo sehr oft dialogischen bzw. kollektiven Spielprozessen. Damit greift Shorter auf die bei Weather Report entwickelte Idee «nobody solos, everybody solos» zurück – eine Idee, die im Jazz nach wie vor zu selten praktiziert wird.
«Mir schwebt eine Gruppe vor, in der die einzelnen
Mitgleider während des Spiels simultan komponieren. Dafür gibt es kein
Konzept. Das Wort Konzept mag ich sowieso nicht. Das Konzept, dass ein
Stück einen Anfang und ein Ende hat, ist zu artifiziell für mich. Wenn
ich ein Stück schreibe, dann ist das wie die Geburt eines Babys.
Danach setzt ein Wachstumsprozess ein, jedes Stück hat seine eigene
DNA. Musik ist wie ein Stück Lehm, man kann sie formen, in ein
Raumschiff stecken und zur nächsten Galaxie fliegen. Der Versuch,
Paganini oder Art Tatum zu übertreffen, hat einen schalen
Beigeschmack, er zielt an der Substanz des Musikmachens vorbei. Es
geht darum, den menschlichen Faktor in den Vordergrund zu stellen und
die Technik zum Verschwinden zu bringen. Wir sollten nach einer
Grossartigkeit streben, die von null bis unendlich reicht. Aber die
Musikindustrie hat Türwächter angestellt, die neue Dinge zu ersticken
versuchen. Musik ist nur ein Aspekt des Lebens. Das Leben ist ein
ewiges Abenteuer. Es gibt kein Ende.»
Kommentierte Auswahldiskografie
Das mehrfach preisgekrönte Album «Footprints live!» und die Nachfolge-CD «Beyond the Sound Barrier» (Verve) präsentieren Shorters Quartett in packenden Konzertaufnahmen. Eine andere Seite Shorters ist auf dem Studioalbum «Alegria» (Verve) zu erleben: Komplex-sinnliche orchestrale Texturen grundieren hier über weite Strecken die Improvisationen Shorters, der in den drei Quartett-Nummern häufig mit der Überblendung von Tenor- und Sopransaxofon arbeitet. Zu den Überraschungen des Repertoires zählen u.a. ein Stück aus Heitor Villa-Lobos' «Bachianas Brasileiras» und ein Weihnachtslied aus dem 12. Jahrhundert. Aus der enorm fruchtbaren Phase mit Weather Report sei hier die Doppel-CD «Live & Unreleased» (Columbia) erwähnt, die die Ausnahmestellung der langlebigsten und kreativsten aller Gruppen der Fusion-Ära eindrücklich belegt: Seit dem Ellington Orchestra hat keine Jazzband ihre kühnen Konzepte derart attraktiv zu verpacken verstanden. Shorters letztes Konzert an der Seite des Trompeters Miles Davis ist auf «Live At The Fillmore East (March 7, 1970): It's About That Time» (Columbia) dokumentiert. Zu hören ist hier Davis' letztes Quintett mit der experimentierwütigen Rhythmusgruppe Corea-Holland-DeJohnette, von dem es ansonsten nur Raubmitschnitte gibt. Der Beginn der Zusammenarbeit von Davis und Shorter ist auf «Miles In Berlin» (Columbia) von 1964 mitzuerleben. Was sich dazwischen abspielte, war eines der aufregendsten Kapitel der Jazzgeschichte, das sich dank folgenden hervorragend kommentierten Columbia-Boxen beinahe lückenlos nachvollziehen lässt: «Miles Davis Quintet 1965 1968» (6 CDs); «The Complete At The Plugged Nickel 1965» (8 CDs); «The Complete In A Silent Way Sessions» (3 CDs); «The Complete Bitches Brew Sessions» (4 CDs). Auf diesen Aufnahmen entwickelte Shorter nicht nur eine extrem eigenwillige Saxofon-Stilistik, sondern blühte auch als Komponist auf (selbstverständlich sind die bahnbrechenden Davis-Einspielungen auch als Einzelalben erhältlich). Zwischen 1964 und 1967 nahm Shorter acht grandiose Alben für das Label Blue Note auf, für die er fast alle Kompositionen schrieb und auf denen er sich deutlich von John Coltrane emanzipiert. Als Sidemen konnte er die Trompeter Lee Morgan und Freddie Hubbard, die Pianisten McCoy Tyner und Herbie Hancock, die Bassisten Reggie Workman, Ron Carter und Cecil McBee, die Schlagzeuger Elvin Jones, Joe Chambers und Tony Williams, die Posaunisten Grachan Moncur und Curtis Fuller sowie den Saxofonisten James Spaulding engagieren; drei der Alben entstanden im Quartett («JuJu», «Etcetera», «Adam's Apple»), zwei im Quintett («Night Dreamer», «Speak No Evil») und drei im Sextett («The Soothsayer», «The All Seeing Eye», «Schizophrenia»). Einen Querschnitt geben die Compilations «Best Of Wayne Shorter» und «The Classic Blue Note Recordings» (die "liner notes" stammen von Bob Blumenthal), wobei letztere auch Shorters Arbeit als «musical director» von Art Blakey's Jazz Messengers berücksichtigt. Eine wichtige Aufnahme aus der Blakey-Zeit ist «Mosaic» (Riverside) mit der gloriosen Bläser-Section Hubbard-Shorter-Fuller und Cedar Walton am Klavier. Shorters früheste Aufnahmen unter eigenem Namen entstanden in den Jahren 1959 bis 1961 für das Label Vee-Jay; eine Auswahl davon ist auf «All Or Nothing At All» (Charly) zu hören.
