Der Unberechenbare
Mit dem Klarinettisten Artie Shaw ist der letzte Star der Swing-Ära kurz vor dem Jahreswechsel 2004-2005 im Alter von 94 Jahren gestorben.
Tom Gsteiger
Der Pianist Johnny Guarnieri lernte die populärsten Klarinettisten der Swing-Ära, Benny Goodman und Artie Shaw, aus nächster Nähe kennen. Guarnieris Diagnose lautete: «Artie hatte nur ein Ziel im Leben: Besser zu sein als Benny. Und Benny hatte nur ein Ziel im Leben: Besser zu sein als Artie. Aber sie waren beide hervorragende Musiker, jeder auf seine Weise grossartig.»
Im Gegensatz zu Goodman, der seine Karriere mit Disziplin und Hartnäckigkeit verfolgte, war Shaw eine schillernde Persönlichkeit. Mal mimte er den von seinen Fans unverstandenen Künstler, mal gefiel er sich in der Rolle des mondänen Lebemanns; zu Shaws zahlreichen Ehefrauen zählten auch die Hollywood-Diven Ava Gardner und Lana Turner. Shaws Karriere darf als erratisch bezeichnet werden, mehrmals zog er sich desillusioniert von der Bühne zurück, um 1954 seine Klarinette endgültig an den Nagel zu hängen. Seine «Last Recordings», auf denen er von so herausragenden Musikern wie dem Pianisten Hank Jones und dem Gitarristen Tal Farlow begleitet wird, zeigen ihn auf der Höhe seines Könnens: Shaw war ein Virtuose, der nicht nur mit messerscharfer Genauigkeit, sondern auch mit lyrischer Wärme spielen konnte. In den 80er-Jahren gab er ein überraschendes Comeback als Bandleader. Shaw war auch als Filmproduzent und Schriftsteller tätig, sein biografischer Roman «The Trouble with Cinderella» gilt als eines der substanziellsten und zugleich kurzweiligsten Selbstporträts aus dem Jazzmilieu.
Der am 23. Mai 1910 als Arthur Jacob Arshawsky geborene Artie Shaw leitete ab 1936 eigene Bigbands, seine grössten Hits landete er 1938 mit «Begin the Beguine» und 1940 mit «Frenesi». Als dezidierter Gegner der Rassentrennung holte er auch schwarze Musiker wie die Trompeter Roy Eldridge und Hot Lips Page in seine Bands, als Gesangssolistinnen engagierte er Lena Horne und Billie Holiday. Shaw unternahm zahlreiche Versuche, der restriktiven Swing-Ästhetik zu entfliehen. In dieses Kapitel gehören seine Zusammenarbeit mit Streichern und insbesondere die Aufnahmen, die er 1940 und 1945 mit einer ungewöhnlichen Kleinformation, den Gramercy Five, machte. In der ersten Ausgabe dieser Band spielte Johnny Guarnieri Cembalo, in der zweiten Ausgabe kam es zu einer faszinierenden Begegnung zwischen den etablierten Swing-Solisten Shaw und Eldridge auf der einen und den aufstrebenden Modernisten Dodo Marmarosa (Piano) und Barney Kessel (Gitarre) auf der anderen Seite.
