«Mostindien-Hardbop»

Roman Schwaller im Basler Jazzclub Bird‘s Eye, 2005. Mit einem hochkarätigen Sextett hat der Tenorsaxofonist Roman Schwaller seine «Thurgovian Suite» zur Aufführung gebracht: ein abwechslungsreiches, mitreissendes Werk, mit dem sich Schwaller zugleich treu bleibt und selbst übertrifft.

Tom Gsteiger

Die «Thurgovian Suite» beginnt mit einem Stück, das den schlichten Titel «Frauenfeld 1957» trägt, womit Geburtsort und -jahr des Komponisten, Roman Schwaller benannt sind. Ist es Zufall, dass Schwaller für sein jüngstes Werk, das auf einen Kompositionsauftrag des Kantons Thurgau zurückgeht, dasselbe Sextett-Format gewählt hat, wie John Coltrane für sein Album «Blue Train»? Dieser von keines Gedankens Blässe angekränkelte Hardbop-Klassiker wurde ja bekanntlich auch 1957 „auf die Welt gebracht“ und kann in seiner Mischung aus zupackend schnörkellosem Drive und vielschichtiger Expressivität durchaus als eine Art Blaupause für Schwallers Suite gelten.

Obwohl die Titel autobiografische Bezüge suggerieren, handelt es sich nämlich bei der acht Teile umfassenden «Thurgovian Suite» nicht um egozentrische respektive verkrampft ambitionierte Programmmusik, sondern um eine dramaturgisch klug gestaltete Abfolge von abwechslungsreich arrangierten Kompositionen, die losgelöst vom übergeordneten Kontext zu überzeugen vermögen. Mit anderen Worten: Schwaller hat sich zum Glück an die Devise «Schuster bleib bei deinen Leisten» gehalten und ein Werk abgeliefert, das seine Vorliebe für den amerikanischen Hardbop und dessen Ausläufer auf spannungsreiche und handwerklich perfekte Weise reflektiert – so macht «Jazz-Klassizismus» Sinn und Spass!

Der starke Eindruck, den die «Thurgovian Suite» hinterlässt, hat natürlich nicht nur mit der Klasse von Schwallers Kompositionen zu tun, sondern auch sehr viel damit zu tun, dass der Tenorsaxofonist die optimale Mannschaft zu deren Umsetzung zusammengetrommelt hat – schliesslich bestehen Jazz-Kompositionen zu einem grossen Teil aus Lücken, die es improvisierenderweise zu füllen gilt. Mit dem amerikanischen Trompeter Derrick Gardner und dem aus Australien stammenden Posaunisten Adrian Mears, der in Basel an der Jazzschule unterrichtet, standen Schwaller, der souverän zwischen quirligen Passagen à la Johnny Griffin und lakonischer Eindringlichkeit à la Dexter Gordon manövrierte, zwei einfallsreiche Power-Solisten zur Seite. Die Wiener Oliver Kent (Klavier) und Mario Gonzi (Schlagzeug) sowie der Münchner Thomas Stabenow (Kontrabass) hielten die ganze Sache auf zugleich druckvolle und geschmeidige Weise in Schwung.