Radikalität und Rundung

Frische Musik aus der zweiten Hälfte der 70er-Jahre: Mit seinem Quintett pendelte der deutsche Trompeter Manfred Schoof zwischen Wohlklang und Atonalität.

Tom Gsteiger

Ganz unverblümt und mit politisch unkorrekter Zuspitzung sagt der deutsche Trompeter Manfred Schoof über die Jazzmusiker seiner Generation: «Wir waren doch so etwas wie die Neger in Europa. Man sah uns schief an und hat uns nicht ernst genommen. Der Jazz etablierte sich erst nach und nach als Kulturmusik.» Schoof hat in verschiedenen Funktionen viel für die Anerkennung des Jazz geleistet. Vor drei Jahren wurde der ausgezeichnete Musiker mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Manfred Schoof kam 1936 auf die Welt. Dreissig Jahre später nahm er mit «Voices» ein Album auf, das zu den Gründungsdokumenten des europäischen Free Jazz zählt. Der Pianist auf «Voices» ist Alexander von Schlippenbach. Schlippenbach und Schoof waren so etwas wie die intellektuellen Vordenker unter den «Radikal-Jazzern» Deutschlands - beide hatten beim Avantgarde-Komponisten Bernd Alois Zimmermann studiert. Schoof erinnert sich: «Wir machten Tischbereinigung: tabula rasa. Es ging darum, aus den Konventionen des amerikanischen Modern Jazz auszubrechen.» Trotzdem kappte Schoof den Draht zur Jazztradition nicht vollkommen - so war er  parallel zu seinen revoluzzerischen Umtrieben Mitglied in der Bigband von Kenny Clarke und Francy Boland.

Scherben aufsammeln

Nach der Auflösung des Quintetts, das auf «Voices» zu hören ist, und dem tragischen Unfalltod des Bassisten Peter Trunk, mit dem Schoof im New Jazz Trio spielte, schlug der Trompeter in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre mit einem neuen Quintett eine musikalische Richtung ein, mit der ihm eine Versöhnung der rebellischen Impulse mit Wohlklang-Harmonien und klaren Formen gelang. «Der Mensch kann nicht immer nur rebellieren, er will auch zufrieden sein. Prägungen kann man nicht einfach wegschieben. Ich bin mit Schönberg einverstanden: Kunst kommt nicht nur von Können, sondern noch viel mehr von Müssen. Es geht darum, den inneren Neigungen zu folgen», hält Schoof fest und ergänzt: «Ich musste die Scherben aufsammeln und neu zusammensetzen.»

Mit seinem zweiten Quintett ging Schoof 1976, 1977 und 1979 in Studio. Auf der Doppel-CD «Resonance» (ECM) liegen die Aufnahmen, die damals entstanden, nun erstmals auf CD vor. Die Idee zu ihrer Wiederveröffentlichung trug Schoof schon seit längerem mit sich herum, hält er sie doch für alles andere als veraltet: «Das ist zeitgenössische Musik im besten Sinne: zeitlos, schön und in sich schlüssig. Meine Musik fand damals  ihre Rundung.» Dass diese Musik nach wie vor so unverbraucht wirkt, liegt nicht zuletzt daran, dass alle Beteiligten voll und ganz in ihr aufgehen und gleichzeitig ein hohes Mass an instrumentaler Brillanz unter Beweis stellen.

Sich treiben lassen

Zwei Musiker von Schoofs zweitem Quintett hatten bereits zuvor viele Jahre lang zusammengespielt. Der Bassist Günter Lenz und der Schlagzeuger Ralf-R. Hübner gehörten seit 1961 zur Gruppe des Posaunisten Albert Mangelsdorff. Den luxemburgischen Bassklarinettisten Michel Pilz und den niederländischen Pianisten und Keyboarder Jasper van’t Hof hatte Schoof bei einem Jazz-Workshop kennengelernt. Während Pilz, von dem sich Schoof an Eric Dolphy erinnert fühlte, mit seinen Soli für heftige Turbulenzen sorgte, war van’t Hof, der in Europa zu den Pionieren des Rock-Jazz gehörte, für klangliche Üppigkeit besorgt. Auf dem dritten Album von Schoofs Quintett wurde van’t Hof durch einen weiteren flinkfingrigen Schönspieler ersetzt: Rainer Brüninghaus, der vielen durch seine Zusammenarbeit mit Jan Garbarek bekannt sein dürfte.

Je zwei der insgesamt 14 Stücke auf «Resonance» stammen von Hübner und van’t Hof, der Rest von Schoof, der über seine Kompositionstätigkeit sagt: «Ich setzte mich ans Klavier und lasse mich treiben. Ich halte sehr viele Ideen fest, aber am Schluss sind nur zehn oder höchstens zwanzig Prozent davon brauchbar.» Das Klavier war übrigens Schoofs erstes Instrument, zur Trompete kam er erst mit 16 Jahren, nachdem ihn der Auftritt des Swing-Trompeters Harry James im Film «Die badende Venus» beeindruckt hatte. Doch statt James nachzueifern, entdeckte Schoof modernere Trompeter für sich: Chet Baker, Miles Davis, Kenny Dorham, Booker Little und Don Cherry.

2009