Eine geniale Klangmalerin
Der Duke Ellington unserer Tage ist eine Frau und heisst Maria Schneider . Mit ihren Werken führt die 1960 geborene Amerikanerin den orchestralen Jazz in ein neues Zeitalter.
Was Maria Schneider zuvörderst mit Duke Ellington verbindet, ist das konsequente Festhalten an künstlerischen Visionen und Obsessionen. Dazu zählt auch der Aufbau eines Klangkörpers, mit dessen Eigenheiten sie bis in die intimsten Verästelungen hinein vertraut ist. 1992 rief Schneider ihr 17-köpfiges Jazz Orchestra ins Leben und auf über der Hälfte der Positionen hat es seither keine personellen Wechsel gegeben. Das impressionistische Verarbeiten persönlicher Erlebnisse und Eindrücke war eine Stärke von Ellington. Auch Schneider gelingen auf diesem Gebiet immer wieder berückende Meisterwerke: «Hang-Gliding» ist das atemberaubende Klangprotokoll eines Gleitschirmflugs in Rio de Janeiro; in den drei «Scenes From Childhood» werden die Dämonen der Kindheit heraufbeschworen, um schliesslich besiegt zu werden. Im Gegensatz zum afro-amerikanischen Autodidakten Ellington, dessen Karriere ihren kreativen Kulminationspunkt in einer Zeit erreichte, in der die Bigbands eine zentrale und extrem vitale Rolle in der amerikanischen Populärkultur spielten, steht die mit vielen akademischen Wassern gewaschene Schneider ziemlich einsam und einzigartig da in der heutigen Bigband-Landschaft.
Bigbands heute
Eine Bestandesaufnahme ist schnell gemacht. Mit ganz wenigen Ausnahmen stellen die Bigbands heute einen Anachronismus dar, sie sind die Dinosaurier des Jazz wichtige Impulse gehen von ihnen kaum noch aus. Bigbands sind zu schwerfälligen Nostalgiemaschinen geworden. An erster Stelle sind hier die «ghost orchestras» zu nennen, die unter den Namen längst verblichener Legenden segeln; sie verkörpern die Sehnsucht nach einer Zeit, in der es noch Männer gab, die im richtigen Tempo auf vier zählen konnten. Aber auch institutionalisierte Bigbands wie das Lincoln Jazz Orchestra unter der Leitung von Wynton Marsalis oder das Carnegie Hall Orchestra unter der Leitung von Jon Faddis funktionieren in erster Linie als Recycling-Anstalten. Dann gibts noch eine stattliche Anzahl mehr oder weniger toller Universitäts-Bigbands. Sie verdanken ihre Existenz einer Entwicklung, die überall zu beobachten ist und die dem Jazz wohl mehr schadet als nützt: Während der akademische Apparat immer mehr aufgebläht wird, wird das Wohl und Wehe der Kultur immer stärker von privaten Sponsoren bestimmt, die dem nonkonformen Denken nur noch rudimentären Entfaltungsspielraum zugestehen.
Europäische Nischen
Nischen für die kreativen Kräfte des orchestralen Jazz findet man in erster Linie in Europa. Hier gibts mit dem Norweger Jon Balke, dem Wahlengländer Kenny Wheeler, dem Deutschen Klaus König oder dem Berner Martin Streule ein paar «verrückte» Komponisten, die aus dem enormen Reservoir des europäischen Jazz eigene Klangkörper geformt haben, um ihre Phantasien in möglichst optimaler Form umsetzen zu können. Darüber hinaus sind auch etliche transatlantische Kooperationen zu verzeichnen – zu nennen wären hier zum Beispiel die Auftragskompositionen, die Bill Holman für die Bigband des WDR geschrieben hat, oder die Crossover-Kooperation zwischen Björk und Don Menza für den Soundtrack zu «Dancer In The Dark». Auch Maria Schneider bestreitet ihren Lebensunterhalt durch Auftragswerke und Workshops – ihre Bigband ist ein Zuschussgeschäft –, wobei sie meistens ausserhalb ihrer Heimat, der sie vollkommen zurecht kulturelle Rückständigkeit vorwirft, arbeitet. Selbstverständlich würde Schneider liebend gerne häufiger mit ihrem Jazz Orchestra auftreten, trotzdem ist sie alles andere als verbittert: «Die Tatsache, dass ich nie damit gerechnet habe, mit dem Komponieren Geld zu verdienen, hat mich nicht davon abgehalten. Künstler sind immer bereit dazu, die Kunst über alles andere zu stellen. Trotz den kleinen Frustrationen war es für mich nie schwierig, eine Band zu leiten. Ich liebe alle in der Band. Das Komponieren verlangt von einem, dass man sehr viel Zeit alleine verbringt. Aber ich bin auch ein geselliger Mensch, die Band ist gewissermassen meine Familie.»
Das Montagsorchester
Maria Schneider kam am 27. November 1960 in Windom, Minnesota, auf die Welt. Von 1965 bis 1978 nahm sie Unterricht bei Evelyn Butler, einer klassisch ausgebildeten Musikerin, die aber auch als Stride-Pianistin tätig war. Durch Butler kam Schneider erstmals in Berührung mit dem Jazz. Es folgten Studien an den Universitäten von Minnesota und Miami und der Eastman School of Music. 1985 zog Schneider nach New York, wo sie den Feinschliff von zwei herausragenden Gestaltern des orchestralen Jazz erhielt: Bob Brookmeyer und Gil Evans. In ihrem eigenen Schaffen verknüpft sie nun Brookmeyers narrative Eloquenz und Evans' klangliche Sensualität auf zutiefst eigenständige Weise. Ihre Werke zeichnen sich durch ausladende, überraschungsreich inszenierte Spannungsbögen aus, die in mehreren, immer grösser werdenden Klangwellen auf das Publikum zurollen, um schliesslich in den Zustand idyllischer Ruhe zurückzufinden (als geradezu prototypisch für dieses Ebbe-und-Flut-Verfahren darf die Ballade «Sea Of Tranquility» gelten). Stimmungsmässig bewegen sich Schneiders Kompositionen, die sie mit Vorliebe in das warme, sanfte Licht eines sonnigen Herbsttages taucht, im Schnittpunkt zwischen Melancholie und Euphorie.
Ein halbes Jahrzehnt lang konnte Schneiders Jazz Orchestra jeden Montag im New Yorker Jazzklub Visiones auftreten. Das hat die Band zusammengeschweisst. Im Gegensatz zu öffentlich subventionierten Orchestern besteht Schneiders verschworener Haufen nicht aus Musikbeamten, die Dienst nach Vorschrift leisten, sondern aus Jazzprofis, denen es wirklich um die Sache geht sie halten ihrer Leaderin die Treue, obwohl sie anderweitig viel mehr Geld verdienen könnten. Ein, zwei Soli im Kontext von Schneiders vielschichtigen Kompositionen zu spielen, ist eben eine echte Herausforderung. Der wohl interessanteste Improvisator in Schneiders Band ist der Saxofonist Rich Perry, der in Musikerkreisen seit Jahren höchstes Ansehen geniesst, aber vom grossen Publikum erst noch entdeckt werden muss (diese Diskrepanz zwischen magistraler Musikalität und geringer Anerkennung ist im Jazz wahrlich kein neues Phänomen). Schneider hat dafür gesorgt, dass sich Perry in guter Gesellschaft befindet.
Streule über Schneider
Vor Schneiders Tonhalle-Gig im Jahr 2001 (vier Jahre später folgte ebendort ein zweites Konzert) hatte ich Gelegenheit, mich mit dem zur Zeit interessantesten Bigband-Komponisten der Schweiz über Schneiders Musik zu unterhalten: Der Martin Streule ist glühender Bewunderer und intimer Kenner des Werks der visonären New Yorkerin. Also sprach Streule: «Schneiders Musik tönt nie konstruiert ihre Stücke haben einen logischen Ablauf vom Anfang bis zum Schluss. Als Komponistin kann man sie nicht auf ihre Mittel reduzieren teilweise arbeitet sie mit Techniken, die man schon lange kennt und die trotzdem frisch klingen. Was ihr meisterhaft gelingt, ist die Verzahnung der einzelnen Elemente. Dazu gehört auch die perfekte Integration der Solisten in den Ablauf der Stücke. Die Rhythmusgruppe funktioniert bei Schneider ebenfalls anders als in einer konventionellen Bigband da wird nach der Exposition der Themen nicht einfach der Turbo gezündet. Man hört schon, dass sie auch von der klassischen Musik, insbesondere vom Impressionismus beeinflusst ist, aber wie sie das aufs Format einer Jazz-Bigband überträgt, ist absolut einzigartig. Und schliesslich sind da noch ihre Alben, die in aufnahmetechnischer Hinsicht neue Massstäbe setzen.» Um ihre Debüt-CD aufnehmen zu können, musste Schneider übrigens einen Kredit in der Höhe von 30000 Dollar aufnehmen. Wer also tatsächlich meint, dem Jazz würde nun endlich die Anerkennung gezollt, die ihm längst gebührt, hat sich gehörig getäuscht.
Ein Telefongespräch mit Maria Schneider (Nov. 2006)
Es ist ihr egal, ob man die Musik, die sie für ihr 17-köpfiges Orchestra komponiert, zum Jazz zählt oder nicht. Die Klangmagierin Maria Schneider, die von der Kritik mit Duke Ellington, Gil Evans oder Wayne Shorter verglichen wird, hat Wichtigeres zu tun, als sich um stilistische Stubenreinheit zu kümmern - klipp und klar hält sie fest: «Es gibt keine Regeln. Ich muss keinen Trends folgen.»
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs war Schneider mit der Fertigstellung des neuen 20-minütigen Werks «Cerulean Skies» beschäftigt, das vom Nord-Süd-Vogelzug der Pappelwaldsänger inspiriert ist und das zwei Tage vor dem Konzert in Basel im Rahmen von Peter Sellars‘ Mozart-Festival «New Crowned Hope» in Wien zur Uraufführung gelangt. Obwohl sie seit gut zwei Jahrzehnten im Moloch New York wohnt, hat sich die in Minnesota aufgewachsene Schneider ihre Liebe zur Natur bewahrt. «In meiner spärlichen Freizeit beobachte ich sehr gerne Vögel im Central Park. Einige dieser Vögel legen jedes Jahr riesige Strecken zurück, sie überwintern im Regenwald in Südamerika, ihre Widerstandsfähigkeit gibt mir die Hoffnung, dass die Erde vielleicht doch überleben wird.»
Die Wahl des Themas steht für Schneider beim Komponieren nicht am Anfang. «Ich habe keine Konzepte im Kopf, sondern lasse mich von meinen Gefühlen leiten. Wenn mir eine musikalische Idee gefällt, dann analysiere ich sie und gelange so zum Thema.» Auf diese Weise entstanden ungemein vielschichtige Klanggemälde, in denen Schneider u.a. eigene Erlebnisse (ihre Angst als Kind vor Monstern unter dem Bett, ein Gleitschirmflug in Rio ...) und die Faszination für lateinamerikanische und spanische Musik verarbeitet hat. Dokumentiert sind diese Werke, die mit herkömmlichem Bigband-Jazz nichts zu tun haben, auf fünf CDs, die über Schneiders Webpage zu beziehen sind.
«Wie schaffe ich Freiräume für improvisierte Passagen, die das komponierte Material sinnvoll ergänzen?» Diese Frage bereite ihr jeweils am meisten Kopfzerbrechen, hält Schneider fest und ergänzt: «In meinen Stücken sollen die Solisten nicht einfach ihre Virtuosität vorführen, sondern Rollen in einer musikalischen Handlung übernehmen. Ich will aber nicht alles bestimmen, schliesslich geht es darum, die Musik miteinander zu kreieren und zu teilen. Musik hat für mich eine starke soziale Komponente.»
Schneider schreibt ihre Stücke nicht für anonyme Alleskönner, sondern für ganz spezifische Jazzmusiker, mit deren Ausdrucksspektrum sie bestens vertraut ist (bis 1998 trat das Maria Schneider Orchestra fünf Jahre lang jeden Montag im New Yorker Club Visiones auf). Auf die Frage, ob es nicht wahnsinnig schwierig sei, die Terminkalender von über einem Dutzend vielbeschäftigter Freelancer aufeinander abzustimmen, antwortet Schneider: «Und ob! Manchmal frisst mich die Organisationsarbeit schier auf. In diesem Jahr habe ich mich zum ersten Mal richtig erschöpft gefühlt. Doch wenn ich an einem Konzert höre, mit wie viel Liebe die Musiker meine Stücke spielen, gibt mir dies die Kraft, um weiterzumachen.»
