Ein bescheidener Gigant

Der bescheidene Basler Andy Scherrer ist der reifste Tenorist, den man zwischen Hammerfest und Palermo, Wladiwostock und Glasgow zu hören bekommen kann. Auf unprätentiöse Weise setzt er sich in seinem Schaffen auch mit so unterschiedlichen Jazz-Koryphäen wie Joe Henderson und Mal Waldron auseinander.

Tom Gsteiger

Wenn zwischen der Bühnenpräsenz eines Musikers und seinem alltäglichen Verhalten eine Lücke klafft, dann hat das entweder mit den simplen Gesetzen des Show-Business oder mit transzendenten Kräften, die beim Eintritt ins Reich der Klänge frei werden, zu tun. Letzteres Phänomen ereignet sich zuweilen im Jazz. Denken wir an John Coltrane, diesen in sich gekehrten, spirituellen Menschen, der bei seinen Auftritten zu ekstatischen Höhenflügen abhob, die kein Ende finden wollten. Oder denken wir an Stan Getz: An der Seite der Sängerin Astrud Gilberto verwandelte sich dieser cholerische Alkoholiker in ein anschmiegsames Bossa-Nova-Schosshündchen. In weniger frappanter Form lässt sich die Diskrepanz zwischen privater und künstlerischer Existenz auch beim 1946 geborenen Basler Tenorsaxophonisten Andy Scherrer beobachten. Grosse Töne spuckt Scherrer nur auf der Bühne, im Gespräch bleibt er bescheiden und selbstkritisch. Wenn dem lakonischen Tiefstapler ein lobendes Wort entwischt, dann gilt dieses mit Sicherheit einem anderen Musiker.

Scherrer ist zur Zeit der reifste Tenorist, den man zwischen Hammerfest und Palermo, Wladiwostok und Glasgow zu Gehör bekommen kann. Sein strahlendes Spiel, das auch unter Hochdruck nichts von seiner Eleganz und Eloquenz einbüsst, lebt von der Spannung zwischen überschiessender Imaginationskraft und konzisen gestalterischen Absichten. Scherrer: «Ich übe auch sehr viel im Kopf. Dabei versuche ich, mich nicht auf Noten und Harmonien zu versteifen, sondern mir dramaturgische Bögen vorzustellen.» Jürg Bucher hat für den Stil seines ehemaligen Lehrers ­ (Scherrer unterrichtet seit 1975 an der Swiss Jazz School in Bern) ­ folgende Charakterisierung parat: «Ausdruck und Lyrik eines Coltrane oder Wayne Shorter, gepaart mit dem unglaublich präzisen Time eines Joe Henderson.» Damit sind zweifellos zentrale Inspirationsquellen Scherrers genannt. Scherrer ist allerdings kein epigonaler Phrasendrescher, der mal hier, mal dort ein paar «licks» abkupfert. Seinen Vorbildern näherte er sich übers Ohr und nicht übers Nachspielen transkribierter Soli, um so in einem langsamen, osmotischen Prozess zu einem unverwechselbar eigenständigen Vokabular zu gelangen. «Was Scherrer spielt, ist in sich abgerundet, einnehmend und macht Sinn», lautet das Verdikt des Zürcher Altsaxophonisten Nat Su.

Weil es Scherrer enorm widerstrebt, die Werbetrommel in eigener Sache zu rühren, bestreitet er die meisten seiner Auftritte nach wie vor als Sideman: sei es als auf Balladen spezialisierter Edelsolist im Vienna Art Orchestra, sei es als edelmütiger Duellant in einer «Tenor Battle» mit seinen ehemaligen Schülern Roman Schwaller und Domenic Landolf, oder sei es gar als unprätentiöser Klavierbegleiter von Sängerinnen wie Alice Day, Sandy Patton oder Marianne Racine (am Anfang seiner Karriere war sich Scherrer nicht zu schade, als Multi-Instrumentalist in Disco-Bands durch die Lande zu tingeln). Hörbar am wohlsten fühlt sich Scherrer als «primus inter pares» in seinem Quartett, zu dem William Evans (Klavier), Isla Eckinger (Bass) und Dré Pallemaerts (Schlagzeug) gehören. Scherrer hat für seine Wunschformation bewusst keine Stars ausgewählt, sondern Musiker, mit denen er vertraut ist und denen er vertrauen kann: «Evans kommt einem nie in die Quere, mit kleinem Aufwand erzeugt er starke Stimmungen. Eckinger ist einer der sichersten und swingendsten Bassisten weit und breit. Pallemaerts' Spiel passt optimal zu meiner Phrasierung.» Mit dieser Gruppe hat Scherrer die Alben «Second Step» und «Remember Mal Waldron» (TCB) aufgenommen.

Nachdem er 2002 am BeJazzWinterFestival in Bern mit einer jungen Rhythmusgruppe (Jean-Paul Brodbeck, Fabian Gisler, Dominic Egli) eine packende Hommage an Joe Henderson zur Aufführung brachte (ergänzt um den flamboyanten Trompeter Matthieu Michel wurde das Henderson-Programm 2003 aufgenommen: «Serenity: A Tribute to Joe Henderson» ), verbeugte sich Scherrer ein Jahr später am Jazzfestival Schaffhausen vor dem Pianisten Mal Waldron. Ausser der Ballade «Soul Eyes» werden Waldrons Stücke, die meistens sehr kurz sind, selten gespielt. Scherrer macht einen interessanten Vergleich: «Die Kompositionen von Monk sind komplexer, aber in der Abfolge der Harmonien logischer. Bei Waldron gibt es eckige, kantige Stellen, die eine grosse Herausforderung darstellen. Man muss da nicht alles für bare Münze nehmen, sondern darüber fliegen. Eric Dolphy macht das sehr beeindruckend.» Bei der Stückauswahl konnte Scherrer teilweise auf Originalmanuskripte zurückgreifen, die sich im Besitz von Eckinger befinden: Ab 1969 spielte der Bassist einige Jahre lang häufig mit Waldron, den er als humorvollen und kauzigen Typ beschreibt. Auf diese Zeit geht auch Scherrers erster Kontakt mit Waldrons Musik zurück: «Ich hörte ihn ein paar Mal im Domicile in München, doch damals verstand ich seine Musik nicht.»