Der Unbeugsame

Unbeeindruckt von Moden und Trends geht der grosse deutsche Tenorsaxofonist Heinz Sauer (Jahrgang 1932) seinen Weg.

Tom Gsteiger

Als die NDR-Bigband vor einigen Jahren am Jazzfestival Montreux eine Hommage an Duke Ellington präsentierte, war dies über weite Strecken eine zwar gediegene, aber nicht sonderlich aufregende Angelegenheit. Als Zuhörer hatte man sich bereits gemütlich zurückgelehnt und verfolgte das Geschehen nur noch mit einem halben Ohr. Doch dann betrat ein alter Mann die Bühne, stellte sich hinters Solistenmikrofon und liess seinem Tenorsaxofon Klänge entströmen, die einem in ihrer Mischung aus Kratzbürstigkeit und Zärtlichkeit mitten ins Herz trafen und in einen Zustand höchster Aufmerksamkeit versetzten. Der Name des alten Mannes: Heinz Sauer.

Man hat Heinz Sauer auch schon den «Anti-Doldinger» des deutschen Jazz genannt. Da ist etwas dran: Im Gegensatz zu dem Komponisten der «Tatort»-Melodie ist Sauer allen kommerziellen Verlockungen konsequent aus dem Weg gegangen. Der 1932 geborene Sauer ist ein Erzindividualist und ein Ausdrucksmusiker, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, ihm geht es nicht um Virtuosität und Perfektion, sondern darum, starke Gefühle in schlüssige musikalische Statements zu überführen – wenn er sich etwa einen archaischen afro-amerikanischen Spiritual-Song wie «I Want To Die Easy When I Die» anverwandelt, dann hat das herzzerreissende Qualitäten (zu hören auf dem 1989 veröffentlichten Enja-Album «Cherry Bat»).

Dass sich Sauer in der Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Formationen wie dem frei improvisierenden Globe Unity Orchestra oder der auf die «good ol‘ times» abonnierten Barrelhouse Jazzband zu behaupten vermochte, zeugt von seiner Unverbohrtheit und zeigt, dass es ihm nicht so sehr um das Was, sondern um das Wie geht. Der deutsche Jazzkritiker Ulrich Olshausen attestiert seinem Landsmann Sauer eine «verwinkelte Phantasie, deren Ziel es ist, mit Themen und Motiven ein abenteuerliches Spiel der Verwandlungen, Atomisierung und Neukonstruktion auszurichten.»

Mangelsdorffs Weggefährte

Von 1960 bis 1978 nahm der Autodidakt Sauer in der Gruppe des unlängst verstorbenen Posaunisten Albert Mangelsdorff, also in einer der herausragenden Formationen des Modern Jazz in Europa, eine solistische Schlüsselrolle ein. Danach trat er vermehrt mit eigenen Bands in Erscheinung. 1999 wurde Sauer mit dem nach Mangelsdorff benannten deutschen Jazzpreis ausgezeichnet. Mangelsdorff über Sauer: «Er ist für mich einer der wichtigsten Musiker, mit denen ich zusammengespielt habe.»

Sauer hat aus den schnaubenden Sounds von alten Meistern wie Ben Webster und Coleman Hawkins, der Intensität John Coltranes und dem Zorn Archie Shepps einen eigenen Stil destilliert, mit dem er auch dort ein Maximum an Expressivität zu erzeugen vermag, wo er sich durch melancholisch verschattete Regionen bewegt, wie zum Beispiel auf dem Album «Melancholia» (ACT) trägt. Dieses nach einer selten gespielten Ellington-Komposition benannte Album ist die Frucht einer auf das Jahr 2001 zurückgehenden Zusammenarbeit Sauers mit dem 46 Jahre jüngeren Pianisten Michael Wollny, der zu den jungen Hoffnungen des deutschen Jazz gezählt werden darf. Die CD versammelt ein reichhaltiges Panoptikum kurzer Stücke, die zum grössten Teil aus der Feder der Beteilgten stammen und bei denen eine sehr spezielle Form von Stimmungsmalerei zur Anwendung gelangt, die sich durch Verdichtung und Abstraktion auszeichnet.