Das Spital als Theorielabor


Der bedeutende Jazztheoretiker George Russell ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Mit seinem «Lydian Chromatic Concept of Tonal Organization» legte George Russell die theoretische Basis für den modalen Jazz, der dank Miles Davis’ Album «Kind of Blue» zu einem Massenphänomen wurde. Russell war aber nicht nur ein Theoretiker, sondern auch ein origineller Komponist und wichtiger Bandleader. Am Schluss seines Lebens litt er an Alzheimer.

Tom Gsteiger

Die Auffassung, Jazzmusiker würden ihre Einfälle ungefiltert aus dem Bauch heraus ins Blaue hinausposaunen, ist leider nach wie vor häufig anzutreffen. In Tat und Wahrheit sind so gut wie alle Jazz-Innovationen das Resultat langjähriger Trial-and-Error-Prozesse bzw. konzeptioneller Tüfteleien - besonders gut dokumentiert ist zum Beispiel der steinige Weg, auf dem John Coltrane in kleinen Schrittchen zu seinen «Giant Steps» gelangte. Trotzdem: Das Interesse der Jazzer gilt natürlich in erster Linie der Praxis. Die Ausnahme, die diese Regel bestätigte, war George Russell mit seinem 1953 veröffentlichten «Lydian Chromatic Concept of Tonal Organization».

Zum bahnbrechenden Jazztheoretiker wurde der 1923 in Cincinnatti geborene George Russell während mehreren langen Spitalaufenthalten wegen einer Tuberkuloseerkrankung. Eigentlich war Russell Schlagzeuger, aber nachdem er Max Roach gehört hatte, sah er in diesem Metier keine Zukunft mehr für sich. Sein erstes Meisterwerk als Komponist war 1947 «Cubano Be / Cubano Bop» für die Cubop-Bigband von Dizzy Gillespie. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits die Grundlage für sein Lydian Chromatic Concept gelegt, mit dessen Aussarbeitung er 1945 begann, nachdem ihm Miles Davis eine Frage gestellt hatte, die auf den Zusammenhang zwischen Harmonien und Tonleitern zielte.

Ein profundes System


Ausgehend von der lydischen Tonleiter entwickelte Russell ein neues, in sich zusammenhänges System von Skalen. Er führte den Begriff «tonales Zentrum» in den Jazz ein. Ein solches tonales Zentrum war sozusagen ein gemeinsames Dach für verschiedene Akkorde. Dadurch erhielten die Improvisatoren die Möglichkeit, sich mit einer einzigen Skala durch mehrere Harmonien hindurchzumanövrieren. Russells Theorie blieb nicht graue Theorie, sondern hatte weitreichende Folge. Das Lydian Chromatic Concept war eine wichtige Basis für den modalen Jazz. Ohne die Vorarbeit von George Russell wäre Miles Davis vielleicht nie auf die Idee für sein Album «Kind of Blue» (1959) gekommen ...

Russell war jedoch nicht nur ein bedeutender Theoretiker: Als Komponist, Arrangeur und Bandleader setzte er seine Ideen beherzt in die Tat um. 1956 entstand unter Russells Ägide das Album «The Jazz Workshop», auf dem u.a. der Pianist Bill Evans, der Trompeter Art Farmer und der Schlagzeuger Paul Motian mitwirken. Diese Platte brachte Russell einen Kompositionsauftrag der Brandeis University ein - das Resultat: «All About Rosie». Auf «Music for the Space Age» brachte Russell 1960 Evans mit einem weiteren herausragenden Pianisten, Paul Bley, zusammen. Danach leitete Russell eine Reihe eigener Bands, wobei er sich als Pianist zumeist im Hintergrund hielt und das Feld grossartigen Solisten wie Eric Dolphy oder Don Ellis überliess. Seine brillanten Aufnahmen für das Label Riverside (z.B. «Ezz-thetic» oder «The Stratus Seekers») stiessen allerdings nur auf ein geringes Echo - zu weit entfernt waren sie von den damaligen Jazz-Trends.

Europa und New England


So gesellte sich Russell Mitte der 60er-Jahre zu den amerikanischen «expats» in Europa. In Skandinavien wurde er zu einem Mentor für eine neue Generation von experimentierfreudigen Musikern. So arbeitete er mit Jan Garbarek und Terje Rypdal zusammen, als diese ganz am Anfang ihrer Karriere standen. In Deutschland kreuzten sich Russells Wege mit denjenigen des Globetrotters und Free-Jazz-Pioniers Don Cherry: Ausgerechnet in der Beethoven-Halle in Stuttgart entstand ein Live-Mitschnitt, auf dem sich theoretische Stringenz und lebensfrohes Chaos auf beglückende Weise in die Quere kommen. 1969 wurde Russell als Dozent ans New England Conservatory in Boston berufen. Auf der Jazzszene tauchte er von da an nur noch sporadisch mit unorthodoxen Grossformationen auf.

George Russell starb am 27. Juli im Alter von 86 Jahren an den Folgen einer Alzheimer-Erkrankung.