The Baden Concert

Keith Jarretts Badener Gastspiel am Tag nach dem legendären „Köln Concert“.

Bruno Rub

Am Morgen des 25. Januars 1975 – es war ein Samstag – bestieg in Köln der Pianist Keith Jarrett zusammen mit seiner Frau Margot und dem gemeinsamen vierjährigen Sohn Gabriel den PW, an dessen Steuer der Produzent Manfred Eicher von der Münchner Schallplattenfirma ECM sass. Die lange Fahrt in Richtung Süden mit Zielort Baden in der Schweiz erlaubte es den Reisenden, sich die Kassettenkopie des Konzertmitschnitts vom Vorabend anzuhören. Keith Jarrett hatte am 24. Januar ein Solorezital in der Kölner Oper gegeben, das der Tonmeister Martin Wieland für ECM aufgenommen hatte. Jarrett und sein Produzent waren sich einig, dass sie bei anderen Gelegenheiten bessere Resultate in Sachen künstlerischer Qualität und musikalischer Tiefe erzielt hatten, dass dieses vergleichsweise gefällige Konzert aber viel Wärme und Freundlichkeit ausstrahlte. Vielleicht, meinte Manfred Eicher, werde er den Mitschnitt deshalb als ein weiteres Dokument in der langen Reihe der Jarrett-Soloprojekte auf Schallplatte veröffentlichen.

Kultalbum

Was die beiden Herren damals noch nicht einmal ahnen konnten: Die Musik, die sie sich hier ab Kassette zu Gemüte führten, sollte schon bald einer ganzen Generation den Soundtrack ihrer Jugend romantisch verschönern. „The Köln Concert“, wie sich die Langspielplatte und später auch die CD nannten, wurde mit mittlerweile vier Millionen Exemplaren zur meistverkauften Jazzproduktion aller Zeiten. Doch ihre Wirkung geht weit über das Jazzpublikum hinaus. Für einmal trifft da die strapazierte Vokabel „Kultalbum“ tatsächlich zu.

Auf der Jazzszene war Keith Jarrett damals schon das, was man einen Star nennen könnte. Diesen Ruf hatte er sich nicht nur mit seinen fantastischen Solokonzerten erspielt, die der Kritiker Peter Rüedi einmal als „lange, spontane pianistische Himmel- und Höllenfahrten“ bezeichnet hat. Auch als Mitglied der wichtigen Gruppen von Charles Lloyd und Miles Davis und als Bandleader eigener hervorragender Formationen hatte er schon früh Jazzgeschichte geschrieben. Kein Wunder also, dass sein Solokonzert in Arild Widerøes Reihe „Jazz in der Aula“ in der Kantonsschule Baden, für das Jarrett laut Vertrag eine Gage in der Höhe von 1500 US-Dollar zustand, schon lange im Voraus ausverkauft war. Bei Eintrittspreisen von sieben bis siebzehn Franken – mit Ermässigung für Schüler, Lehrlinge und Studenten – hatte Fräulein Sekinger von der Vorverkaufsstelle Zigarren-Gysi AG am Schulhausplatz alle Tickets bereits abgesetzt. Die Abendkasse wurde dann von einigen hundert zusätzlichen Fans beinahe überrannt, sodass der Organisator auch noch so viele Stehplätze wie möglich anbot. Dennoch mussten zahlreiche enttäuschte Besucherinnen und Besucher unverrichteter Dinge den Heimweg antreten. Schliesslich waren es etwa 750 Personen, die dem Ereignis beiwohnten.

Pressestimmen

Im Gegensatz zu vielen andern „Jazz in der Aula“-Konzerten wurde das Jarrett-Solorezital vom 25. Januar 1975 vom Schweizer Radio DRS nicht aufgezeichnet. Vielleicht wäre sonst ja „The Baden Concert“ anstelle des „Köln Concert“ zum Kultalbum avanciert. Doch das ist reine Spekulation. Die einzigen Dokumente, die vom Badener Anlass bleiben, sind neben dem Plakat und dem Vertrag einige Fotos von der nachmittäglichen Bühnenprobe und zwei Besprechungen in den lokalen Tageszeitungen. Die hiesigen Jazzkritiker legten darin allerdings einen recht strengen Massstab an. So äusserte sich der Berichterstatter J.S. im „Badener Tagblatt“ unter dem Titel „Mehr Oberfläche als Inhalt“ folgendermassen: „Jarretts Badener Konzert hinterliess bei mir einen zwiespältigen Eindruck, den einige Zuhörer, wie ich in Gesprächen nach dem Konzert erfuhr, mit mir teilten. Alles übrigens Zuhörer, welche nicht wegen der Trademark ‚Jarrett’ nach Baden kamen, sondern sich vom Konzert musikalische und emotionale Bereicherung erhofften, die leider hinter den (sicher hochgesteckten) Erwartungen zurückblieben.“ Nach einer eingehenden Analyse der eklektischen Spielweise dieses aussergewöhnlichen Pianisten fasst der Kritiker zusammen: „Bei Jarrett muss die Kunst nicht, sie darf alles und sie tut es auch: Zuerst von Wenig wenig mit einfachen Mitteln (das waren die Höhepunkte des Konzertes, derentwegen ich es nicht hätte missen wollen), oft von Wenig zuviel (das kann Terry Riley besser als Jarrett), oft von Viel zuwenig.“ Das persönliche Fazit des Rezensenten lautet darum einigermassen vernichtend: „Jarrett enttäuschte mich oft, wenn er hochmusikalische Aperçus, köstliche Melodielinien und rhythmische Einfälle von grösster Schönheit und Raffinesse so lange ausschlachtete, dass mir schien, Jarrett sei in Baden so disponiert gewesen, dass er oft den Mangel an echt empfundener Emotion mit Pathos, Versenkung und vordemonstrierter Entrückung zu verdecken suchte. Von hier zum Kitsch ist der Weg nicht mehr weit.“

Ein anderer Kritiker mit dem Kürzel J-i lieferte einen identischen Text gleich bei zwei Zeitungen ab. Im „Brugger Tagblatt“ erschien er unter dem Titel „Pianist oder Priester?“. Das tönte in den Ohren des diensthabenden Redaktors beim katholischen „Aargauer Volksblatt“ wohl etwas blasphemisch. Bei ihm wurde die Frage in der Schlagzeile jedenfalls leicht variiert und lautete jetzt „Keith Jarrett: Pianist oder Prophet?“. Die äusseren Umstände der Veranstaltung beschrieb auch dieser Rezensent ausserordentlich kritisch: „In Form einer sakralen Handlung“, stellte er fest, „beinahe gespenstisch, wickelte sich das Konzert ab. Jarrett sagte während seines ganzen Auftritts kein Wort, liess seinen Flügel nicht verstärken und drohte, das Konzert im Falle eines einzigen Photo-‚Klicks’ abzubrechen. Die Atmosphäre war weit steifer als bei klassischen Konzerten.“

Zur Musik gab es dennoch Positives zu vermerken. Sie sei von „funkelnder Schönheit“ gewesen, „jenseits der relativ abstrakten Modern-Jazz-Melodik“. „Bewegte sich die erste Konzerthälfte mehr in romantischer Richtung, mehr den Intellekt ansprechend“, fuhr der Kritiker fort, „so war der zweite Teil emotionell betonter, lockerer. Die Themen waren singbarer, abwechslungsreicher in Tempo und Melodie. Auch Keith Jarrett hat seine Bezüge zur Tradition. Die Einflüsse von der weissen ernsten Klavierliteratur sind ein Teil der Mittel, aus denen Jarrett seine Inspiration bezieht. Oft jedoch drangen ganz ‚schwarze’ Partien hervor, in denen Jarrett an Dollar Brand gemahnte, mit schweren, dunklen Ostinato-Figuren. Diese wechselten mit Stellen mit vordergründiger Melodie, betontem Rhythmus oder choralartigen Akkordfolgen. Jarrett versenkt sich völlig in seine Musik.“

Ruhetage

Nach dem Konzert und dem obligaten Nachtessen im Restaurant Schönau bezog der so beschriebene Künstler mit seinem kleinen Begleit-Tross für drei Tage und drei Nächte Quartier im Badener Hotel Linde. Peter Rüedi traf ihn dort am Sonntag zu einem längeren Interview. Teile daraus erschienen später in einem ganzseitigen Porträt zu Jarretts dreissigstem Geburtstag (am 8. Mai 1975) in der „Weltwoche“. Darin äusserte der Pianist die Absicht, sich vorübergehend von der Szene zurückzuziehen. „Ich bin es müde“, sagte er, „ein ‚Name’ zu sein, für eine Weile möchte ich mich heraushalten. Dieses Geschäft ist für niemanden gesund. Plötzlich sieht man nicht mehr richtig, wie ein Präsident der USA, der nur noch erfährt, was sein Job ihm zu sehen erlaubt.“ Ganz zum Schluss seines Artikels nimmt Peter Rüedi auf dieses Statement Bezug: „Dem zu entgehen, meint Keith Jarrett, wäre die Schweiz ein guter Ort. Als ich ihn vor Wochen nach seinem letzten Schweizer Solo-Konzert in Baden traf, dachte er im Ernst daran, mit Frau und Kind eine Weile dorthin zu ziehen.“

Diese Absichtserklärung wiederholte Jarrett sogar schriftlich. Als er am Montagabend im Restaurant Kreuzliberg mit ein paar Bekannten tafelte, notierte er ins Gästebuch des Lokals: „This is a perfect opportunity to say that we are presently looking for a flat in the old part of Baden (at the river) and would appreciate knowledge of anything available (from around fall – 1975). Also, of course, this all means that we found Baden very special.” („Dies ist die perfekte Gelegenheit mitzuteilen, dass wir momentan eine Wohnung in Badens Altstadt – möglichst in der Nähe des Flusses – suchen. Sollte so etwas – ungefähr ab Herbst 1975 – erhältlich sein, wären wir für eine entsprechende Nachricht dankbar. Natürlich heisst dies alles auch, dass wir Baden sehr speziell fanden.“) Es folgen Keith Jarretts Unterschrift und jene seiner Frau samt Adresse in den USA sowie der Namenszug ihres kleinen Sohnes.

Am andern Tag stieg das Quartett in der Fortsetzung seiner Solomission erneut in Manfred Eichers PW und begab sich diesmal auf die Reise nach Österreich. In Graz stand am Mittwoch das nächste Klavierrezital auf dem Programm. Am 29. Dezember 1975, vor ziemlich genau dreissig Jahren also, erschien beim Label ECM dann erstmals „The Köln Concert“. Jarretts Bekanntheitsgrad schnellte damit auf eine Schwindel erregende Höhe empor. In Baden ist der Mann seither nicht mehr gesehen worden.

Dieser Text erschien erstmals (und illustriert mit fünf Bildern) in den Badener Neujahrsblättern 2006 (Verlag hier + jetzt)