Freitag, der Dreizehnte, oder Chet Baker in Aarau
Der Trompeter und Sänger Chet Baker (1929-1988) war einer der bewegendsten Lyriker der Jazzgeschichte. Doch seine vielen persönlichen Schwierigkeiten stempelten ihn zum tragischen Helden. Wo er auftrat, manifestierte sich neben der Schönheit seiner Musik fast immer auch das Elend seiner Existenz. Die beiden Aarauer Konzerte im Jahr 1981 bildeten da keine Ausnahmen.
In der Amsterdamer Prins-Hendrikkade, genau vis-à-vis der Centraal-Station, steht das Prins-Hendrik-Hotel. An seinem Eingang ist links eine Tafel angebracht. Unter dem Bild eines Trompete spielenden Mannes sind zwei Sätze zu lesen: „Trumpet player and singer CHET BAKER died here on May 13th 1988. He will live on in his music for anyone willing to listen and feel.“ („Der Trompeter und Sänger CHET BAKER starb hier am 13. Mai 1988. Er wird in seiner Musik für all jene weiterleben, die willens sind zuzuhören und zu fühlen.”)
Aura der Verlorenheit
Die Rätsel um seinen Tod – Chet Baker starb bei einem Sturz aus einem der Hotelfenster – sind bis heute Gegenstand wildester Spekulationen, ja sogar Thema eines halb fiktiven, halb realistischen Krimis (Bill Moody: Auf der Suche nach Chet Baker). Dabei liefern bereits die Fakten zu seinem Leben und zu seiner Kunst den Stoff, aus dem Legenden gewirkt sind. Sein lyrischer Stil als Musiker und sein gutes Aussehen trugen ihm in den 1950er-Jahren den Titel „James Dean des Jazz“ ein. Schon damals umgab ihn eine Aura der Verlorenheit. Er galt als sanfter Rebell, als ein Mensch von starker Verwundbarkeit. Bald passierte ihm, was zahlreichen Jazzmusikern jener Zeit passierte: Er fand Gefallen am Heroin, dessen Folgen bei ihm allerdings bis zu seinem mysteriösen Tod besonders verheerend wirkten. Wo er auftrat, waren jeweils die Herren vom Drogendezernat nicht fern. So fristete er ein Dasein zwischen Club- und Konzertbühnen, Hotelzimmern, Entzugsanstalten und Gefängnissen, zwischen künstlerischen Erfolgen und unvorstellbaren Entwürdigungen. Nicht umsonst überschrieb der deutsche Jazzkritiker Werner Burkhardt sein Chet-Baker-Porträt mit dem Titel „Grosser Künstler – armer Hund.“
Ironie des Schicksals: Baker starb an einem Freitag, dem Dreizehnten des Monats. An einem andern Dreizehnten des Monats und ebenfalls an einem Freitag - am 13. Müärz 1981 nämlich - stand der erste Auftritt dieses charismatischen Musikers in der Stadt Aarau auf dem Programm. Chet Baker sollte im Saalbau das zweite Festival eröffnen, das die Organisation „Jazz chez Jeannette“ unter der Ägide von Konrad Oehler und Christian Gysi veranstaltete. Der zweitägige Anlass nannte auf seiner Affiche eine ganze Reihe weiterer hochkarätiger Gruppen, so jene der beiden stilbildenden Bassisten Ray Brown und Ron Carter, dann das George Adams-Don Pullen-Quintett und – als Schlussformation – das Quintett des grossen Tenorsaxofonisten Stan Getz. Probleme gab es im Vorfeld nur gerade mit Chet Baker. Konrad Oehler erinnert sich: „Nachdem mit ihm alles abgesprochen war, rief Chet mich eines Tages aus Boston an und fragte, ob es mir möglich wäre, ihm 500 US-Dollar zu schicken, er sei pleite. Diesem Wunsch bin ich unverzüglich nachgekommen, und einen Monat später – nach dem Konzert – hat er wirklich spontan erwähnt, 500 Dollar seien dann schon bezahlt.“
Körperliches Glücksgefühl
Chet Bakers erster Aarauer Auftritt dürfte jedem Einzelnen und jeder Einzelnen der zirka 600 Anwesenden im Saalbau als ein musikalisches Ereignis der magischen Art in Erinnerung geblieben sein. Das gilt auch für den Belgier Philip Catherine, der als Gitarrist Wesentliches zum Gelingen des Konzertes beitrug. Im 1993 erschienenen Fotobuch „Chet Baker in Europe“ blickt er zurück: „Ich spielte mit Chet von 1981 bis 1988 auf mehreren europäischen Festivals. Beim zweiten Auftritt mit ihm in Aarow – sic! – (Schweiz) geschah etwas Erstaunliches mit mir. In zunehmendem Masse begann ich, während des Konzertes ein körperliches Glücksgefühl zu empfinden, dass ich Teil einer so musikalischen Einheit sein durfte, wie ich sie seit langem nicht erlebt hatte.“
Im „Aargauer Tagblatt“ lieferte Peter Herzog am Montag nach dem Anlass einen ersten Bericht auf einer Seite mit fotografischen Festival-Impressionen. „In sich gekehrt“, stand darin zu lesen, „sass es da, der so einfühlsam, bewegend spielende Chet Baker, ein Mann mit physisch begrenzten Kräften, aber ungeheurer starker Ausstrahlung. Ein Mensch, der Höhen und Tiefen erlebt hat, das scheint man bei seinem lyrischen Trompetenspiel, das nie ganz frei von melancholischen Tönen ist, zu spüren.“ Markus di Francesco meinte am Dienstag, 17. März, in seinem Festival-Bericht im „Badener Tagblatt“: „Den Starreigen eröffnete am Freitagabend der legendäre Trompeter der Cooljazz-Aera, Chet Baker, zusammen mit einem vorzüglichen jungen Belgier am Bass und Philip Catherine, Gitarre. Ihr dichtes, lyrisches, jedoch nie kitschiges oder langatmiges Spiel geriet zum absoluten Höhepunkt des Festivals. Themen wie ‚Seven Steps To Heaven’ oder ‚Nardis’ bildeten dabei genau die passende Grundlage für die verflochtenen, dabei aber trotzdem transparenten Improvisationen des Trios.“ Und schliesslich stösst der Verfasser dieses Aufsatzes auf einen eigenen langen Artikel im „Aargauer Tagblatt“ vom 19. März. In dieser Nachlese heisst es zum Eröffnungskonzert: „Wer vom Trompeter Chet Baker, einer zentralen Figur des Cool-Jazz der fünfziger Jahre, sozusagen die Restauration seines eigenen Denkmals erwartet hatte, sah sich gleich zum Auftakt des Anlasses positiv getäuscht. Was der 52jährige, der alle Höhen und vor allem Tiefen des Jazzmusikerdaseins durchlebt hat, wie zerknüllt auf dem Stuhl sitzend, distanziert und gleichzeitig voll engagiert von sich gab, ging direkt unter die Haut. Mit seinem vibrato- und schnörkellosen Trompetenspiel, in dem die Pausen fast ebenso stark zum Klingen kommen wie die ökonomisch geblasenen Legatolinien, zauberte er eine lyrisch verdichtete Atmosphäre in den Saal, die das zahlreiche Publikum sichtlich berührte. In Philip Catherine (Gitarre) und dem Bassisten Jean-Louis Rassinfosse (der kurzfristig für den verhinderten J.F. Jenny-Clark eingesprungen war) hatte er zwei umsichtige Begleiter neben sich, die sich ganz in den Dienst seiner eigenwilligen Konzeption stellten. Diese Eigenwilligkeit setzte Baker übrigens auch als Sänger fort, damit demonstrierend, wie sehr seine Musik Ausdruck einer persönlichen Situation ist.“
Frühe Tagwacht
Der entsprechende Artikel im „Aargauer Tagblatt“ umrahmt ein Kästchen mit folgendem Inhalt:
Chet Baker für kurze Zeit festgenommen
Kantonspolizei stützte sich auf Verfügung aus dem Jahre 1962
at. Früher als er sich das nach seinem Auftritt beim Jazz Festival Aarau vorgestellt hatte, wurde der Trompeter und Sänger Chet Baker in seinem Hotel in Aarau von der Polizei geweckt und auf den Posten mitgenommen. Die Kantonspolizei stützte sich bei der Verhaftung auf eine Verfügung aus dem Jahre 1962, wonach gegen Baker auf unbestimmte Zeit eine Einreisesperre verhängt worden war, da er vor rund 19 Jahren bei einem Auftritt in Genf Drogen mitgeführt haben soll. Bei seiner Einreise in die Schweiz am vergangenen Freitag hatte der 52jährige Amerikaner keine Probleme, da er über das erforderliche Visum und eine Auftrittsbewilligung verfügte, die von den Organisatoren des Festivals eingeholt wurden. Die Kantonspolizei setzte Baker nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuss, nachdem die Festival-Leitung eingeschaltet worden war. Baker fuhr unmittelbar darauf nach München, da er dort am Abend auftreten musste.
Konrad Oehler weiss zu diesem Vorfall ergänzend zu berichten: „Am Morgen um sechs Uhr kam ein Anruf von der Kantonspolizei, sie hätten da einen Gefangenen in der Zelle, einen Herrn Baker. Er verlange nach mir. Ich hab dann alles wieder ins Lot gebracht. Als ich die Zelle betrat, befürchtete ich, Chet wäre gewiss ganz ausser sich. Da sass er aber völlig getrost auf dem Hocker, ein sanftes Lächeln um die Lippen mit funkelndem Augenzwinkern wie ein kleiner Lausbub. So zogen wir alsbald von dannen, nachdem ich dem Polizeipräsidenten erläutert hatte, mit wem sie es da zu tun hatten.“
Auch Markus di Francesco nahm in seinem Festivalbericht im „Badener Tagblatt“ auf das Vorkommnis Bezug. „’Chet is back!’ nach langer, überwundener Heroinsucht. Um so trauriger stimmt es, dass ausgerechnet dieser sensible, von seiner Sucht geheilte Musiker aufgrund eines lange Jahre zurückliegenden Delikts im gastlichen Aarau vorübergehend inhaftiert wurde.“ Was die Sucht betrifft, hatte sich der Schreiber allerdings geirrt. Heute weiss man, dass Chet Baker bis zum Ende seines Lebens nie von der Nadel losgekommen ist und deswegen noch viele ähnliche Geschichten an den verschiedenen Auftrittsorten provozierte.
Fehlende Intimität
Dass das zweite Aarauer Gastspiel an keinem Freitag, dem Dreizehnten, über die Bühne gehen sollte, sondern am Samstag, dem 12. Dezember des gleichen Jahres 1981, war so gesehen ein gutes Omen. Das inzwischen neu eröffnete Jazzlokal an der Poststrasse erlaubte es den Organisatoren, relativ kurzfristig interessante Gelegenheiten wahrzunehmen. Als der grosse Trompeter erneut und unverhofft in Europa auftauchte, griff Konrad Oehler so spontan zu, dass für einen Vorverkauf keine Zeit mehr blieb. Doch dieses zweite Aarauer Baker-Konzert – es verhallte echolos im regionalen Blätterwald – hatte nicht mehr dieselbe Magie wie das erste. Das lag zum einen am Trio, das hinter dem Trompeter und Sänger agierte. Die beiden Amerikaner Dennis Luxion (Klavier) und Leo Mitchell (Schlagzeug), dazu wieder der belgische Bassist Jean-Louis Rassinfosse (der sich heute bezeichnenderweise nur noch an seinen ersten Auftritt in Aarau zu erinnern vermag), verstanden ihren Part eher als konventionelle Begleitung denn als eine Aufforderung zum Interplay, wie es zuvor auf der Saalbau-Bühne praktiziert worden war. Zum andern musste die Gruppe während des ganzen Konzerts im gleissenden Licht spielen, was jede Intimät verhinderte. „Die Lichtanlage im neuen Lokal war erst provisorisch montiert worden. Der eine Scheinwerfer war viel zu hell, weil noch keine Regelung installiert war. So sass denn Chet da auf der Bühne wie in einem Picasso-Gemälde aus der Harlekinepoche.“
Das hat Konrad Oehler in einem Mail aus Thailand mitgeteilt, wo er seit sieben Jahren lebt und neuestens wieder zu seiner alten Liebe, dem Kontrabassspiel zurückgefunden hat. Doch das wäre wieder eine andere Geschichte...
Dieser Text erschien erstmals (und illustriert mit zwei Bildern)in den Aarauer Neujahrsblättern 2007 (Verlag hier + jetzt)
