Die Entdeckung des Bremspedals
Früher flinker Flitzer, heute vielseitiger Virtuose: der kubanische Ausnahmepianisten Gonzalo Rubalcaba.
Der globale Siegeszug der Charmeure vom «Buena Vista Social Club» hat zu einer einseitigen Wahrnehmung der kubanischen Musikszene geführt: die kommunistische Zuckerrohrinsel als Hort einer aus dem Dornröschenschlaf wach geküssten, vom Folkloreforscher Ry Cooder liebevoll renovierten Nostalgie. Mit Jahrgang 1963 ist der in Havanna geborene, inzwischen in die USA dislozierte Pianist Gonzalo Rubalcaba rund halb so alt wie die Aushängeschilder von Cooders Altherrenriege. Rubalcaba entstammt einer Musikerdynastie, sein Grossvater komponierte mit «El Cadete» eine Melodie, die heute noch ab und zu in Kuba zu hören ist. Eine abenteuerliche Bearbeitung dieses Stücks ist auf Rubalcabas siebtem Album für das Label Blue Note, «Supernova», zu hören. Dieses Album ist ein typisches Beispiel für Rubalcabas unerschrockenen Eklektizismus: Dieser mit allen Wassern gewaschene Pianist strebt nicht nach authentischer Stubenreinheit, sondern nach einer möglichst facettenreichen Aktualisierung der reichen Musiktradition Kubas.
Bis zu seinem 20. Lebensjahr versenkte sich Rubalcaba in der abendländischen Klavierliteratur und machte sich nebenbei mit dem Jazz vertraut. Bereits als Teenager nahm er an Jam-Sessions mit Mitgliedern der legendären Gruppe Irakere teil. 1986 kam es in Havanna zu einem folgenreichen Treffen mit Charlie Haden: Der Bassist nahm Rubalcaba unter seine Fittiche und verhalf ihm zu einem Vertrag mit Blue Note. Jüngstes Beispiel der Freundschaft zwischen diesen zwei Musikern ist das Bijou «Nocturne» (Universal): Mit delikater Zurückhaltung wird hier die sinnliche Eleganz des Bolero zelebriert, jener kubanischen Tanzform, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts den gesamten südamerikanischen Kontinent eroberte, um schliesslich auch in in unseren Breitengraden Fuss zu fassen (Ravels «Bolero» lässt grüssen). Mit sparsamen Pinselstrichen werden auf «Nocturne» somnambule Stimmungen entworfen, deren Reiz nicht zuletzt im Mut zur Entschleunigung begründet ist. Rubalcaba ist hier als subtiler Leisetreter zu bewundern, der das Bremspedal entdeckt hat.
Explosionen, Gefühle
Am Anfang seiner internationalen Laufbahn war Rubalcaba ein Draufgänger, der gnadenlos aufs Gaspedal drückte. Auf seinen frühen Trioaufnahmen mit Haden oder John Patitucci am Bass und Paul Motian oder Jack DeJohnette am Schlagzeug dominieren waghalsige Tour-de-Force-Leistungen: Rubalcaba flitzt mit der Schwindel erregenden Geschwindigkeit und Wendigkeit eines Speedy Gonzales über die Tastatur und überwältigt den Zuhörer mit pyrotechnischer Flamboyanz – zum Atemholen bleibt keine Zeit. Glücklicherweise hat Rubalcaba mit der Zeit die Limiten dieses überzüchteten Hypervirtuosentums erkannt, das ein bisschen an jene Actionfilme aus Hollywood erinnert, in denen ständig irgendetwas in die Luft fliegt: Er reiht nicht mehr eine Explosion an die andere, sondern arbeitet mit den Mitteln des Suspense und zeigt wahre Gefühle. Die knappe Zusammenfassung von Rubalcabas Verwandlung lautet: vom Macho zum Latin Lover.
Rubalcabas bisher reifste Leistung ist das vor fünf Jahren erschienene Album «Flying Colors» (Blue Note), das ihn als ebenbürtigen Partner des «Saxophone Colossus» Joe Lovano präsentiert: Wie die zwei hier Katz und Maus spielen und altbekannte Standards auseinandernehmen und neu zusammensetzen, zählt zu den denkwürdigen Momenten der Duokunst. Kein Zweifel: Rubalcabas Spiel zählt zum Besten, was die Jazzpianistik zur Zeit zu bieten hat. Der Kubaner ist zwar kein extrem origineller Stilist, aber im geschmackvollen und geistesgegenwärtigen Jonglieren mit unterschiedlichsten Idiomen hat er eine Meisterschaft erreicht, die nur schwer zu übertreffen sein dürfte. Rubalcabas Musik lässt sich mit einer köstlichen Spaghettisauce vergleichen: Viele Zutaten werden liebevoll aufeinander abgestimmt und langsam geköchelt, und am Schluss läuft einem das Wasser im Munde auch dann zusammen, wenn man die genau Zusammensetzung der Sauce nicht kennt. Rubalcaba selbst umschreibt diesen Prozess, der nicht mit oberflächlichen Weltmusikfusionen verwechselt werden sollte, folgendermassen: «Es ist schwierig, Chemikalien voneinander zu unterscheiden, die seit langem vermischt sind. Es macht mit anderen Worten keinen grossen Sinn, zwischen der Musik, mit der man gross geworden ist, und der Musik, die man sich angeeignet hat, zu unterscheiden.»
2003
