An den Grenzen der Stille


Im vor zwanzig Jahren (1977) gegründeten Rova Saxophone Quartet steckt nach wie vor viel Kreativität - wie seine jüngsten Alben zeigen.

Tom Gsteiger

Julius Hemphill, Oliver Lake, David Murray und Hamiet Bluiett riefen 1976 das World Saxophone Quartet (WSQ) ins Leben. Das WSQ, das sich eindeutig der Tradition der Great Black Music verpflichtet fühlt, ist die älteste Formation dieser Art. Eine ganze Reihe weiterer Saxophonquartette sollte folgen; unter ihnen nimmt das Rova Saxophone Quartet eine Sonderstellung ein.

Mit seiner Musik, die einerseits Impulse aus der Neuen Musik aufnimmt und andererseits an die Errungenschaften der Jazz-Avantgarde der sechziger und siebziger Jahre anknüpft, verwischt Rova die Grenzen zwischen komponierter und improvisierter Musik.

Rova wurde 1977 gegründet, drei Gründungsväter sind heute immer noch dabei: John Raskin, Larry Ochs - dieser Wuschelkopf, der eine seiner zahlreichen Eigenkompositionen Ray Charles und Steve Lacy, eine andere Iannis Xenakis und Roscoe Mitchell widmete, ist der «spiritus rector» der Formation - und Bruce Ackley; Andrew Voigt wurde 1988 durch Steve Adams ersetzt.

Berklee und Berkeley spricht man zwar fast gleich aus, doch sowohl geografisch als auch mental ist es ein weiter Weg von Berklee nach Berkeley. Die Berklee School in Boston ist die Kaderschmiede des Jazz, in Berklee regieren die Jazz-Technokraten; Berkeley gehört zur San Franciscoer Bay Area, die bekannt ist als Sammelpunkt für Utopisten, Spinner und Intellektuelle. Die Bay Area, eine der wenigen Gegenden der USA, in denen der freigeistige Liberalismus noch nicht ganz abgedankt hat, ist das Aktionszentrum von Rova.

Die neuesten Tonträger von Rova sind der zweite Teil der Serie «The Works» (Black Saint / Plainisphare) - Volume 1 präsentierte Werke von John Carter, Jack DeJohnette und Larry Ochs, Volume 2 bringt Kompositionen von Tim Berne, Fred Ho und Jon Raskin zu Gehör - und «Morphological Echo» (Rastascan Record / Karbon): sicherlich eines der spannendsten Rova-Alben überhaupt. Einerseits dokumentiert es Ausschnitte aus einer 1989 realisierten Umsetzung der Spiel- und Strategie-«Komposition» «Maintaining the Web Under Less Than Obvious Circumstances». Mit diesem «work in progress» knüpft Rova an die Spielstrategien John Zorns an und führt diese in noch komplexere Gefilde.

Es würde hier zu weit führen, die Spielregeln von «The Web» ausführlich darzustellen - Derk Richardson tut dies in seinen erhellenden Liner Notes zur Genüge -, es sei nur festgehalten, dass Rova die schwierige Aufgabe, einem Musikstück Form und Inhalt während und nicht vor dem Spielprozess zu verleihen, mit Bravour meistert. Andererseits enthält die CD «Morphological Echo» mit «Grace» eine äusserst subtile, in ihren Mitteln geradezu asketische (von Morton Feldman inspirierte) Erkundung von Klangtexturen: Hier wird einem vor Ohren geführt, dass Raskin, Ochs, Ackley und Adams nicht nur stupende Saxophon-Virtuosen sind, sondern auch Sound-Fetischisten, die ihre Musik mit Geduld an die Grenze zum Verstummen, zur Stille voranzutreiben wagen.

10.12.1997