Skifahren im Wald

Der Gitarrist Kurt Rosenwinkel zügelte von New York nach Zürich. Dort trafen wir ihn, um Kaffee zu trinken und zu plaudern.

Tom Gsteiger

Auf seinen nicht gerade typisch amerikanischen Namen angesprochen, entgegnet Kurt Rosenwinkel, seine Vorfahren stammten ursprünglich aus Deutschland und Norwegen. Und er fügt hinzu: «Dort wären sie besser auch geblieben.» Der innovative Jazzgitarrist ist mit einer Schweizerin verheiratet und lebt seit kurzem in Zürich, die Jazzschule Luzern konnte ihn als Dozenten gewinnen. Seiner alten Heimat weint der 1970 in Philadelphia geborene und später via Berklee nach New York dislozierte Musiker keine Träne nach: «Die amerikanische Kultur wird immer künstlicher, unechter. Es geht nur noch um Konsum. Unter diesen Bedingungen soll unser Kind nicht aufwachsen. Hier ist es noch nicht so schlimm. Mir gefällt es, dass die Geschäfte schliessen und man nicht alles rund um die Uhr kaufen kann.»

In musikalischer Hinsicht will Rosenwinkel allerdings die Bande zur Neuen Welt nicht kappen: Den Kontakt zu gleichgesinnten Musikern, mit denen er gross geworden ist und ein zwischen Tradition und Innovation oszillierendes Vokabular entwickelt hat, erachtet er als wichtige Voraussetzung für seine künstlerische Entwicklung. Auf den grossen Sommerfestivals wird er sein neues Quintett präsentieren, zu dem mit dem Saxofonisten Joshua Redman und dem Pianisten Brad Mehldau zwei weitere Überflieger der jüngeren Generation gehören. Rosenwinkel legt Wert darauf, dass es sich bei dieser Gruppe nicht um eine bunt zusammengewürfelte All-Star-Truppe handelt, sondern um eine «working band», die über den Sommer hinaus Bestand haben soll. Dass ihm Kontinuität wichtig ist, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass sein erstes Quartett, zu dem Mark Turner (Saxofon), Ben Street (Bass) und Jeff Ballard (Drums) gehörten, zehn Jahre lang existierte. Die Band trat regelmässig im New Yorker Jazzclub Smalls auf, in dem sich in den 90er-Jahren eine neue Szene formierte, die sich weder mit Wynton Marsalis‘ Krawattenzwang noch mit John Zorns Zorn anfreunden konnte. 

Als Kind spielte Rosenwinkel Klavier, zur Gitarre griff er im Alter von zwölf Jahren, weil sie elektrisch und laut war. Danach grub er sich durch viele Schichten (u.a. Hardrock, Fusion, Blues) zur Jazztradition hindurch. Unter den Gitarristen hatten es ihm am meisten Pat Metheny und John Scofield angetan, noch detaillierter setzte er sich mit dem Vokabular von Trompetern (Kenny Dorham, Booker Little), Saxofonisten (Sonny Rollins, Cannonball Adderley) und Pianisten (Wynton Kelly, Keith Jarrett) auseinander. Den grössten Eindruck machte die Musik John Coltranes auf Rosenwinkel, an der er die direkte Verbindung zum Herzen und zur Seele sowie die harmonische Komplexität schätzt.

Harmonische Komplexität zählt auch zu den Schlüsselmerkmalen von Rosenwinkels Musik, die auf kühne Weise einen Bogen von lyrischer Versponnenheit zu überhitzter Abstraktion spannt. Die grösste Herausforderung sind für Rosenwinkel Stücke, die zugleich harmonisch komplex und sehr melodiös sind. «In der Improvisation sollte man versuchen, etwas von der Schönheit der Melodie zu bewahren. Hat man es gleichzeitig mit anspruchsvollen Harmonien zu tun, so ist das ein bisschen wie Skifahren im Wald. Man muss aufpassen, dass man nicht gegen einen Baum prallt. In meinen Stücken gibt es viele solche Situationen», erklärt Rosenwinkel mit einem spitzbübischen Lächeln.

Während der Gitarrist mit dem vor vier Jahren erschienenen Quartett-Album «The Next Step», das im Zeichen einer anspruchsvollen und progressiven Interplay-Ästhetik steht, viel Kritikerlob einheimsen durfte, hat er mit der aktuellen CD «Heartcore», die das Resultat von mehrmonatigen «Basteleien» im Heimstudio darstellt, Kontroversen ausgelöst. Die Arbeit an dieser stark von einem Indien-Trip inspirierten Aufnahme habe ihn das ganze Gefühlsspektrum zwischen Euphorie und Depression durchschreiten lassen: «Diese CD ist ein grosser persönlicher Erfolg. Die Mainstream-Kritiker haben doch sowieso den Kopf im Sand und wissen nicht, was läuft.» Obwohl er als Performer seinen Schwerpunkt auf den Jazz legt, hat der Musikhörer Rosenwinkel keine Scheuklappen. «Es gibt viele Ströme, in denen man schwimmen kann. Und in allen fliesst dasselbe Wasser», hält er fest.

Zur Zeit arbeitet Rosenwinkel an einem Buch über die Gitarre im Jazz. Für ihn ist die Gitarre ein sehr kompliziertes Instrument: «Die Tastatur eines Klaviers versteht man sehr schnell: Unten sind die tiefen Töne, oben die hohen, für jede Note gibt es eine Saite, jede Oktave sieht gleich aus. Dagegen lässt sich das Griffbrett der Gitarre intuitiv nicht verstehen. Die Patterns sind sehr komplex – auch visuell.» Die Auseinandersetzung mit dieser Problematik manövrierte Rosenwinkel in eine Krise: «Plötzlich diktierten mir die Finger, was ich hörte.» Darauf hin experimentierte er mit neuen Stimmungen. Das gab ihm die Freiheit, wieder ein Anfänger zu sein: «Ich folgte meinen Ohren und meinem Gefühl.» Kulminations- und zugleich Endpunkt dieser Phase war das Album «The Next Step». Rosenwinkel hat wieder Frieden mit seinem Instrument geschlossen: «Jetzt schätze ich wieder alles, was ich weiss und kann.» 

Die CDs «The Next Step» und «Heartcore» sind auf Verve (Universal) erschienen.

2004