Der Koloss hat abgewirtschaftet
Legende Sonny Rollins hat wieder einmal in der Schweiz vorbeigeschaut und gezeigt, dass er nur noch optisch etwas hergibt: Wen es heute nach imposanter Improvisationskunst gelüstet, muss sich anderweitig umschauen oder alte Rollins-Platten auflegen. Ein ernüchternder Konzertbericht aus dem Jahre 1999.
Rund zwei Jahrzehnte lang hat er die Jazzwelt in Atem gehalten mit seinem majestätischen Spiel und seinem exzentrischen Verhalten. In den letzten dreissig Jahren konnte der 1930 geborene Tenorsaxofonist Sonny Rollins leider nie mehr an seine gloriose Vergangenheit anknüpfen. Nichtsdestotrotz muss man ihn zu den überragenden Persönlichkeiten des Jazz zählen: Was er früher geschaffen hat, gehört zu den unverzichtbaren Schätzen der Musik des 20. Jahrhunderts.
Wenn Rollins heute auftritt - mit cooler Sonnenbrille und einem gepflegten weissen Bart -, darf man ein lebendes Denkmal bestaunen, das in künstlerischer Hinsicht aufs Mittelmass geschrumpft ist. Bei seinem Auftritt im beinahe ausverkauften Zürcher Kongresshaus spielten er und seine fünf Mitstreiter eine Musik, die mit dringlichem Jazz nichts mehr zu tun hat, aber sich bestens eignen würde zur Beschallung der Lobby eines Zweisternhotels: Genaues Hinhören wurde nur gerade bei den Soli des Pianisten Stephen Scott ein bisschen belohnt, der sich als solider, aber alles andere als origineller Mainstream-Handwerker entpuppte - ansonsten war die besuchte erste Konzerthälfte an Uninspiriertheit kaum noch zu übertreffen.
Aus und vorbei!
Die Rhythmusgruppe mit Bob Cranshaw, der sich von einem mehr als passablen Kontrabassisten - er ist unter anderem auf «The Bridge» (1962), Rollins' letztem integralem Meisterwerk, und Lee Morgans Blue-Note-Klassiker «The Sidewinder» (1963) zu hören - zu einem lahmen Elektrobassisten gewandelt hat, dem Schlagzeuger Perry Wilson und einem vollkommen überflüssigen Perkussionsten im Kung-Fu-Look liess jeglichen Biss vermissen, und Rollins' Improvisationen mäandrierten konzeptlos umher: Die rhythmische Souveränität, der geniale Umgang mit Pausen von einst - weg! Der mal ironisch augenzwinkernde, mal sarkastisch ätzende Humor - verflogen! Und auch von dem überwältigend vollmundigen, wunderbar singenden und flexiblen Sound ist nichts mehr übrig geblieben: Die Töne, die Rollins' Horn heute entströmen, sind gepresst und quengelig.
Ursachenforschung
Wie ist nun aber der schleichende Niedergang eines Mannes, dem wir umwerfende Würfe wie «Saxophone Colossus» (1956) - damals war der hochtrabende Titel durchaus angebracht -, «A Night At The Village Vanguard» (1957) oder «Freedom Suite» (1958) verdanken und der mit Jazzgrössen wie Miles Davis, Bud Powell, Thelonious Monk, Charlie Parker usw. gespielt hat, zu erklären? Es ist bekannt, dass sich Rollins vor längerer Zeit aufs Land zurückgezogen und den Kontakt zur New Yorker Jazzszene abgebrochen hat. In Gesprächen weist er immer wieder darauf hin, dass er kaum noch Musik höre. Daraus lässt sich unschwer schliessen, dass er irgendwann den Zug in die Zukunft verpasst hat.
Kreativität entsteht im Jazz nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Impulsen und Ideen - ohne Parker und Monk wäre der reife Rollins undenkbar. Jazz ist keine autistische Kunstform, seine Vitalität beruht sehr stark auf Interaktion. Rollins hat sich freiwillig von diesen Tugenden abgenabelt. Zum Glück bleiben uns seine vielen famosen Alben.
15.10.1999
