«Jazz ist der Herzschlag des Universums»

Eine seiner Platten trägt den Titel «Saxophone Colossus». Das ist nicht zu hoch gegriffen: Sonny Rollins zählt zu den Titanen unter den Saxofonisten des Jazz. Einen Musiker seines Kalibers und mit seiner Geschichte hat man nicht jeden Tag am Draht (am 8. Feb. 2007 war es soweit).

Tom Gsteiger

Eine berühmte Fotografie ziert das Cover des Albums «Way Out West», das 1957 bei Sonny Rollins‘ erstem Abstecher an die West Coast entstand. In Cowboy-Montur posiert der New Yorker Rollins in einer Wüstenlandschaft - statt eines Revolvers hält er ein Tenorsax im Anschlag. Die Idee zu diesem Hingucker-Bild stammt von Rollins selbst, er wollte daran erinnern, dass es nicht nur weisse Cowboys gab. «Way Out West» war das erste Album, auf dem Rollins auf die «Akkordarbeit» eines Pianisten verzichtete und sich nur von Bass und Schlagzeug begleiten liess - er gilt deswegen als Erfinder des nicht mehr aus dem Jazz wegzudenkenden Sax-Trio-Formats. «Für mich war das eine natürliche Sache. Später habe ich eine Duo-Aufnahme mit dem Schlagzeuger Philly Joe Jones gemacht und bin solo aufgetreten. So kommen verschiedene Facetten meines Spiels zum Vorschein», erklärt Rollins im Laufe eines ausgedehnten Telefoninterviews.

Auf «Way Out West» spielt Rollins u.a. zwei Stücke aus Western-Filmen («I‘m An Old Cowhand» und «Wagon Wheels»). Er habe diese Stücke nicht ausgewählt, um sich darüber zu mokieren, hält Rollins fest. Die Wurzeln für seine auch anderweitig zu beobachtende Affinität für obskure Songs liegen in einer Kindheit, die er als «sehr glücklich» bezeichnet: »Als ich aufwuchs, hörte ich diese Stücke im Kino oder im Radio. Seither begleiten sie mich durch mein Leben. Ich spiele nur, was ich mag. Was nicht heisst, dass ich keinen Sinn für Humor habe.»

Rollins kam am 7. September 1930 im Jazzmekka New York auf die Welt. Sein erstes Idol war der R‘n‘B-Saxofonist Louis Jordan: «Er spielte vis-à-vis von meiner Schule. Ich kannte seine Musik bereits von Platten. Als ich sein Bild im Schaufenster des Clubs sah, sagte ich mir: Das ist es, ich will auch Musiker werden.» Nachdem er Coleman Hawkins‘ berühmte Version der Ballade «Body and Soul» aus dem Jahre 1939 gehört hatte, wechselte Rollins vom Alt- aufs Tenorsaxofon. «Hawkins war ein Zauberer, sein Spiel steckte voller Sophistication. Als ich noch ein Kind war, signierte er eine Fotografie für mich. Als Teenager hörte ich ihn in den Clubs an der 52. Strasse, die damals in Musikerkreisen als Swing Street bekannt war. Später wurden wir gute Freunde», erinnert sich Rollins.

Auf der 1963 eingespielten Platte «Sonny meets Hawk» kreuzen die Heldentenöre die Klingen. Rollins steckte zu dieser Zeit in der experimentellsten Phase seiner Karriere, im Vergleich zu seinem übrigen Schaffen wirken seine damaligen Improvisationen bizarr und kubistisch. Viele Kritiker deuteten dies als Reaktion auf die Schockwelle, die seit dem Auftauchen von Ornette Coleman durch die Jazzszene zirkulierte. Rollins winkt ab: «Colemans Musik war für mich kein Schock. Ich war ihr gegenüber sehr positiv eingestellt, sie war für mich eine Weiterführung von dem, was Charlie Parker gemacht hatte. Ich hatte Ornette und seinen Trompeter Don Cherry übrigens bereits kennengelernt, als diese noch in Los Angeles wohnten. Manchmal fuhren wir gemeinsam an den Strand, packten unsere Instrumente aus und los gings. Ich habe aber nie versucht, wie Coleman zu spielen.»

Gemäss Rollins bewegt sich der Jazz, den er als «Herzschlag des Universums» bezeichnet, in Zyklen - und er prophezeit: «Der nächtste grosse Zyklus steht kurz bevor.» Die Bewertung seiner Karriere überlässt Rollins anderen: «Ich will mir nicht wie ein alter Mann vorkommen, der im Schaukelstuhl sitzt und nur noch zurückblickt. Ich kann noch viel erreichen.» Das mag durchaus sein; die neueste CD weckt allerdings erhebliche Zweifel an diesem optimistischen Statement (siehe Fussnote). Es kommt nicht drauf an, ob man Musiker oder Kritiker nach Best-of-Rollins-Listen fragt - am meisten werden ganz klar Alben genannt, die in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre entstanden. Damals befand sich der «Saxophone Colossus» - so der Titel einer Platte von 1956, auf der Rollins zum ersten Mal eine Calypso-Nummer spielte - im Zenit seines Könnens, in seinen stupenden Improvisationen kombinierte er den Punch eines schlagkräftigen Boxers mit dem Humor eines schlagfertigen Stand-Up-Comedian. Die Pressemeute beschwor einen regelrechten Diadochen-Kampf zwischen ihm und John Coltrane (1926-1967) herauf. Die enge Freundschaft zwischen den immer wieder an sich selbst zweifelnden Tenorsax-Champions wurde dadurch allerdings nicht getrübt. «Wir besuchten uns oft und führten lange Gespräche, die sich nicht nur um Musik drehten», gibt Rollins zu Protokoll.

Von Coltrane ist bekannt, dass er sehr systematisch und analytisch an die Musik heranzugehen pflegte. Bei Rollins liegt der Fall anders: «Was ich spiele, beruht auf Intuition. Ich versuche, stets so spontan wie möglich zu improvisieren. Das kommt wohl daher, dass ich als kleiner Junge stundenlang alleine Saxofon gespielt habe - gespielt, nicht geübt.» Die motivische Logik, die vielen seiner Improvisationen innewohnt und die Gunther Schuller in einem berühmten Aufsatz genau unter die Lupe nahm, ist also kein bewusster Kunstgriff? «Nein. Erst als man über diesen Aspekt meines Spiels zu schreiben begann, wurde ich darauf aufmerksam. Ich brauchte danach eine Weile, dies alles wieder zu vergessen - indem ich nämlich zu sehr darüber nachdachte, stand ich mir beim Spielen selbst im Weg.»

Eine mögliche Quelle für seine Spielweise, für die Schuller den Begriff «thematische Improvisation» prägte, sei die Musik von Thelonious Monk, mutmasst Rollins. Den 13 Jahre älteren Pianisten und Komponisten bezeichnet Rollins als seinen «musikalischen Guru», fügt aber präzisierend hinzu: «Er hat mir nie gesagt, spiel dies, spiel das. Obwohl er viel mehr Erfahrung hatte und mir ganz klar überlegen war, hat er mich als ebenbürtigen Partner behandelt. Das war erstaunlich.» Überhaupt habe er das Glück gehabt, von vielen älteren Musikern - etwa Hawkins, Miles Davis und Bud Powell - Unterstützung und Zuspruch erhalten zu haben, meint Rollins bescheiden. In seinem Fall gilt das Sprichwort «Dem Tüchtigen lacht das Glück» voll und ganz.

Rollins‘ Konzertauftritte sind rar geworden und neue Aufnahmen veröffentlicht er nur noch alle paar Schaltjahre. Wer daraus schliesst, Sonny Rollins, er habe beschlossen, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, liegt allerdings falsch. «Ich übe immer noch jeden Tag und experimentiere mit meiner Musik. Wir schreiben das Jahr 2007 und dieses klingt anders als die 50er-Jahre. Die Musik gibt mir Energie und ich werde ständig von ihr überrascht», sagt Rollins. Er freue sich, dass sich das Image des Jazz grundlegend gewandelt habe: «Früher hat man auf diese Musik herabgeschaut, jetzt ist sie als legitime Kunstform anerkannt. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass man Jazz unbedingt an einer Schule lernen muss. HipHop ist für mich auch Jazz. Jazz kann alles absorbieren, darum ist er für mich die grossartigste Musik, die es gibt. Jazz ist wie das Leben, kreativ und spontan.»

2007

Bröckelndes Monument
Viel Positives kann man dem Album «Sonny, Please», das Rollins als Opus 1 auf seinem neu gegründeten Label Doxy Records (Universal) veröffentlicht hat, nicht abgewinnen. Dass Rollins bei der Kritikerumfrage des Magazins Down Beat zum besten Tenorsaxofonisten des Jahres 2006 erkoren worden ist, kann mit objektiven Qualitätskriterien beim besten Willen nicht begründet werden, sondern ist schlicht und ergreifend ein Indiz dafür, dass auch Jazzkritiker immer anfälliger werden für denkmalschützerische Respektsbekundungen. «Sonny, Please» ist kein Meilenstein, sondern ein weiteres schwaches Alterswerk einer lebenden Legende, die ihren Zenit längst überschritten hat.
Im Gegensatz zu anderen wichtigen Figuren des Modern Jazz, die das AHV-Alter überschritten haben - man denke an Wayne Shorter, Paul Motian oder Andrew Hill -, umgibt sich Rollins nicht mit profilierten Vertretern der jungen Generation, die in der Lage wären, ihn aus der Reserve zu locken, sondern mit Allerweltsmusikern, die Dienst nach Vorschrift leisten. Was Rollins in seinen besten Zeiten auszeichnete, war seine Improvisationskunst - davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die neue CD tönt wie mediokrer Hotel-Lobby-Jazz. Rollins improvisiert uninspiriert, rhythmisch unsicher und hat erhebliche Intonationsprobleme.