Draufgängertum und Formbewusstsein

Er war nicht nur einer der einflussreichsten Schlagzeuger aller Zeiten: Max Roach hat sich auch einen Namen als Bandleader, Polit-Aktivist und Pädagoge gemacht. In der Nacht auf Donnerstag (16. August 2007) ist der Jazzinnovator in New York im Schlaf gestorben - er war 83 Jahre alt.

Tom Gsteiger

Als Max Roach im Alter von 16 Jahren den erkrankten Sonny Greer im Duke Ellington Orchestra ersetzen durfte, kam dies einer Art Erweckungserlebnis gleich. «Diese Erfahrung weckte in mir den Wunsch, mein Leben der Musik zu widmen», hielt der Schlagzeuger im Rückblick fest.

Roach, der am 10. Januar 1924 in North Carolina auf die Welt kam und in Brooklyn aufwuchs, war also nicht mehr ganz grün hinter den Ohren, als er Mitte der 40er-Jahre zur verschworenen Schar der Bebop-Modernisten um Charlie Parker und Dizzy Gillespie stiess. Der Autodidakt Roach verfügte über eine schnelle Auffassungsgabe: Indem er einen kongenialen Kontext für Parkers rhythmischen Wahnwitz schuf, wurde er zum wohl einflussreichsten Schlagzeuger seiner Generation.

In Roach’ Spiel paaren sich Draufgängertum und Kontrolle, Groove-Insistenz und Formbewusstsein, seine Soli zeichnen sich durch eine kluge Architektonik und den Verzicht auf plakative Effekte aus. Kenny Washington hat sich so intensiv mit Roach auseinandergesetzt wie kaum ein anderer Schlagzeuger der jüngeren Generation - er hält fest: «Max ist einer der grössten Solisten aller Zeiten. Für einen Schlagzeuger ist es leicht, die Technik in den Vordergrund zu rücken und einen Haufen Lärm zu machen, aber er spielt musikalische Linien, stuft die Lautstärke ab und lässt Raum. Was er nicht spielt, ist genau so wichtig, wie was er spielt.»

Aufbruch und Resignation

Während und nach dem Engagement im Quintett von Charlie Parker nahm Roach als Sideman an einer ganzen Reihe bahnbrechender Modern-Jazz-Aufnahmen teil - erwähnt sei hier nur seine Zusammenarbeit mit den Pianisten Thelonious Monk, Bud Powell und Herbie Nichols. Ab 1954 leitete er eigene Bands - die erste war ein Quintett, das er gemeinsam mit dem Trompeter Clifford Brown ins Leben rief. Mit dieser Formation, in der zuerst Harold Land und dann Sonny Rollins Tenorsax spielte, entwickelte Roach eine quecksilbrig-agile Spielart des Hardbop - zum Repertoire gehörten auch Stücke mit ungeraden Taktarten, darunter mehrere Walzer.

Brown kommt 1956 bei einem Autounfall ums Leben. Der völlig unerwartete Tod seines knapp 26-jährigen Weggefährten stürzt Roach in eine Depression. Er sucht Trost im Alkohol. Dank der Leidenschaft für die Musik schafft er es, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Dazu kommt, dass Roach sein politisches Bewusstsein schärft und klar Stellung für die Emanzipation der Afro-Amerikaner bezieht. 1958 nimmt er mit einem von Rollins geleiteten Trio die «Freedom Suite» auf. Zwei Jahre später kreiert er unter eigenem Namen das Album «We Insisit! Freedom Now Suite», worauf er in gewissen Kreisen boykottiert wird. Ebenfalls 1960 organisieren Roach und Charles Mingus eine Gegenveranstaltung zum kommerziellen Newport Jazz Festival.

In den 70er-Jahren absolvierte Roach Duo-Auftritte mit den Avantgardisten Anthony Braxton und Cecil Taylor, er gründete das Perkussionsensemble M’Boom und ein Double Quartet (Jazz- plus Streichquartett). Daneben unterrichtete er an der University of Massachusets in Amherst. Nimmt man seinen in Christian Broeckings Interviewband «Respekt!» geäusserten Wunsch nach Rückkehr zur Segregation zum Nennwert, muss man davon ausgehen, dass Roach sein politisches Engagement als gescheitert betrachtete. Erschienen ist dieses Buch 2004, zwei Jahre nachdem sich Roach, an Alzheimer erkrankt, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. In der Nacht auf Donnerstag ist sein Lebenslicht nun ganz erlöscht.