Die permanente Evolution


Wiederveröffentlichte Aufnahmen aus den Jahren 1964 bis 1967 und 1973 dokumentieren Sam Rivers' Weg vom Postbop zur freien Improvisation

Tom Gsteiger

Aus heutiger Sicht wird Sam Rivers' Beitrag zur Entwicklung des progressiven Jazz in den sechziger und siebziger Jahren oft unterschätzt. Zwei Gründe mögen hierfür ausschlaggebend sein. Erstens fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit nur allzu gerne auf überragende Meisterwerke, also zum Beispiel auf die Einspielungen John Coltranes oder Ornette Colemans, und blenden dabei die «kleinen Wunder» aus. Und zweitens schenken wir der Arbeit, die «hinter den Kulissen» geleistet wird, zuwenig Beachtung. In beiderlei Hinsicht hat der am 25. September 1923 geborene Samuel Carthorne Rivers unbestreitbare Meriten vorzuweisen.

Sam Rivers, Sohn einer Pianistin und eines Gospelsängers, ging 1947 nach Boston, um Musik zu studieren. Dort spielte er mit Serge Chaloff, Gigi Gryce, Charlie Mariano, Dick Twardzik, Herb Pomeroy und dem kürzlich verstorbenen Jaki Byard. 1959 wurde Rivers auf den damals dreizehnjährigen Schlagzeuger Tony Williams aufmerksam und nahm ihn unter seine Fittiche (1962 brachte Jackie McLean den Wunderknaben nach New York, und bereits ein Jahr später gehörte Williams zum epochalen Miles Davis Quintet). Zusammen mit Ron Carter sind Byard und Williams auf «Fuchsia Swing Song» zu hören, dem ersten von vier spannenden Alben, die Rivers zwischen Dezember 1964 und März 1967 für das Label Blue Note machte und die nun auf «The Complete Blue Note Sam Rivers Sessions» (Mosaic / Plainisphare) vorliegen. «Fuchsia Swing Song» markierte das Ende eines ereignisreichen Jahres: Rivers hatte ein kurzes Engagement als «Interims-Saxophonist» zwischen George Coleman und Wayne Shorter im Miles Davis Quintet hinter sich und war bereits mit Williams («Life Time») und dem Organisten Larry Young («Into Somethin'») für Blue Note im Studio gewesen.

Studio Rivbea

Ist Rivers auf «Fuchsia Swing Song» vollumfänglich in der Rolle des ungebärdigen Tenoristen zu hören, so spielt er auf «Contours» (Mai 1965) zusätzlich Sopransaxophon und Flöte. Erneut kann er auf die Mitarbeit hervorragender Mitmusiker zählen: Carter ist wieder dabei, und mit dem Pianisten Herbie Hancock stösst ein weiterer Davis-Sideman zu Rivers, dazu kommen der Trompeter Freddie Hubbard und der Drummer Joe Chambers, mit denen Rivers einen Monat zuvor bei einer von Bobby Hutcherson geleiteten Blue-Note-Session («Dialogue») zusammengetroffen war. Im August 1965 geht Rivers erneut mit seinem einstigen Protégé Williams ins Studio: Auf «Spring» trifft er auf Shorter, Hancock und Gary Peacock. Sam Rivers befand sich stets in bester Gesellschaft!

«A New Conception» (Oktober 1966) ist das einzige Album, auf dem Rivers Standards anstelle von Eigenkompositionen interpretiert, wobei ihm mit Hal Galper (Piano), Herbie Lewis (Bass) und Steve Ellington (Drums) ein reaktionsschnelles Begleittrio zur Seite steht. Rivers beendete seine Aufnahmetätigkeit für Blue Note mit dem experimentierfreudigen, texturell reichhaltigen Sextett-Album «Dimensions And Extensions», das für neun Jahre im Archiv verschwand, bevor es 1976 erstmals veröffentlicht wurde. Zu dieser Zeit hatte er sich längst zu einer Integrationsfigur der New Yorker Loft-Szene entwickelt: Das Studio Rivbea, das er 1970 zusammen mit seiner Frau Beatrice gegründet hatte, war ein wichtiges Forum für Musik, die den etablierten Clubs zu kühn war.

Überschäumend

Nach Gastspielen bei Cecil Taylor und McCoy Tyner erkundete Rivers in den siebziger Jahren mit eigenen Trios die Möglichkeiten der freien Improvisation: «Trio Live» (Impulse / Universal) enthält mit überschäumenden Emotionen gesättigte Live-Mitschnitte von 1973. Barry Altschul trommelt toll, und am Bass wechseln sich Cecil McBee, der bereits auf «Dimensions And Extensions» mitwirkte, und der Norweger Arild Andersen, der eine turbulente Zeit in einem von Jan Garbarek geleiteten Free-Trio hinter sich hatte, ab.

03.04.1999