Standards im Schredder
Marc Ribot zählt zu den Outlaws unter den Gitarristen.
Zum Glück gibts noch Musiker, denen es Spass macht, gegen Regeln zu verstossen. Ein ungeschriebenes Gesetz des Musikbusiness besagt, dass man bei Interviewterminen aus seinem Herzen keine Mördergrube machen soll. Doch genau dies tut Marc Ribot bei unserem Treffen: Er pariert die Fragen mit ruppig-lakonischen Statements, die sich beim besten Willen nicht in vollmundige Bekennerprosa umformen lassen. Ähnlich sperrig kommt die Musik des Mannes, der kaum je ohne seine abgeschabte Lederjacke in Erscheinung tritt, daher.
Der Gitarrist Ribot, 1954 in Newark, New Jersey, geboren und seit 1978 in New York residierend, ist das Gegenteil eines Weichspülers: Zu seinen Spezialitäten zählen scharf konturierte Einzeltöne und irrlichternde Dissonanzen, die sich richtiggehend in die Gehörgänge fräsen – nicht von ungefähr hat man sein schräges und schrilles Spiel auch schon als «kultivierten Krach» bezeichnet. Man sollte allerdings Ribot nicht voreilig in die Ecke der extremistischen Avantgardisten stellen und es dabei bewenden lassen. Bei aller Radikalität wimmelt es in seinem umfangreichen und stilistisch disparaten Œuvre von packenden Emotionen – manchmal ist sogar so etwas wie eine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies spürbar. Dies mag mit Ribots Anfängen zu tun haben.
Die Botschaft des Soul
Ribots Lehrmeister war der aus Haiti stammende, klassisch ausgebildete Gitarrist Frantz Casseus: Ihm hat er die Griffbrettsicherheit zu verdanken, die ihn auch dort nicht verlässt, wo er einen artifiziellen Primitivismus zelebriert. Mit anderen Worten: Ribot ist ein Gitarrist, der genau weiss, was er tut, auch wenn dies nicht immer so scheinen mag (einen Gipfelpunkt an unorthodoxer Virtuosität erreicht Ribot in der Interpretation von John Zorns «The Book of Heads»: 35 Soloetüden für Gitarre, die alle möglichen und unmöglichen Spieltechnicken in sich vereinen). Auf das intensive Studium bei Casseus folgte eine Zeit, in der Ribot prägende Erfahrungen in der afro-amerikanischen Soul-Szene sammelte. Als Begleiter des Hammond-Organisten Jack McDuff oder von Sängern wie Wilson Pickett und Solomon Burke entwickelte er ein Faible für Prägnanz und Dringlichkeit, das ihn bis heute nicht im Stich gelassen hat. Ein Motto von Ribot lautet: «No noodling!» Auf deutsch: kein Genudel. Hier verschwendet einer keine Töne, weil er weiss, dass man mit einem grobschlächtigen, aber kühn placierten Riff mehr Wirkung entfalten kann als mit einem gitarristischen Salto Mortale à la Al DiMeola.
Prothesen-Kubaner
Dass man es auch als Outlaw auf einen grünen Zweig bringen kann, zeigt die Liste von Ribots Arbeitgebern. Sie ist zu lang, um hier vollständig aufgezählt werden zu können – doch zumindest die Kooperationen mit den Lounge Lizards des Saxofonisten und Jarmusch-Antihelden John Lurie sowie dem Singer/Songwriter Tom Waits dürfen nicht unerwähnt bleiben. Seit Anfang der 90er-Jahre verfolgt Ribot auch eigene Projekte, angefangen bei der Band Rootless Cosmopolitans, deren Werke die Apotheose von «No Wave» und Punk-Jazz markieren. Mit der kurzlebigen Combo Shrek verdüsterte sich Ribots musikalischer Kosmos bedrohlich, doch mit den 1997 ins Leben gerufenen und nach wie vor aktiven Los Cubanos Postizos ging dann richtig die Sonne auf. Mit ihren unsentimentalen, aber doch süffigen Versionen der Kompositionen von Arsenio Rodriguez schufen die «Prothesen-Kubaner» eine ästhetische Alternative zur reichlich naiven Kuba-Euphorie und schafften damit den Sprung aufs renommierte Label Atlantic, auf dem auch Ribots aktuelles Album erschienen ist: «Saints» ist ein eigenbrötlerisches, teilweise auf einer unkomfortablen 20-Dollar-Gitarre eingespieltes Soloalbum, das eine Stimmung zwischen spröd-melancholischer Weltverlorenheit und unpathetisch-alltäglicher Geborgenheit erzeugt. Diese faszinierende Ambivalenz resultiert nicht zuletzt aus dem ungewöhnlichen Repertoire, das einen Bogen von Gospel über Leonard Bernstein und die Beatles bis zu Albert Ayler und John Zorn schlägt. Ribot bewältigt diesen herausfordernden Parcours mit schnörkellosem Understatement und fördert dabei bisher unbekannte Verbindungslinien zwischen unterschiedlichsten Musikrichtungen zu Tage.
2002
Marc Ribot auf CD
The Book of Heads (Tzadik)
Shrek (Avant)
Muy Divertido! (Atlantic)
Saints (Atlantic)
