Europas erster Erstklass-Jazzer
Duke Ellington zählte Django Reinhardt zu «den wenigen wirklich einzigartigen Begabungen» des Jazz, und für den italienischen Jazz-Kritiker Arrigo Polillo war der Ausnahmegitarrist «ein Sonderfall und nicht zu wiederholendes Einzelphänomen». Reinhardt war der erste europäische Jazz-Stilist mit einer unverkennbaren Handschrift, er imitierte nicht amerikanische Vorbilder, sondern erzählte eigene Geschichten - Geschichten, die nach wie vor Verblüffung, Begeisterung und wohliges Schauern auslösen.
Django Reinhardt war ein äusserst unberechenbarer Mensch, der fast nie den Weg des geringsten Widerstands einschlug - dementsprechend kurvenreich und turbulent verlief sein kurzes Leben. Django war ein Zigeuner vom Stamm der Manouches, er kam am 23. Januar 1910 in Belgien als Jean Baptiste Reinhardt auf die Welt und verbrachte seine Kindheit auf Wanderschaft. 1916 zieht er mit seiner geliebten Mutter Négros nach Paris: Obwohl er sich mit den Gepflogenheiten des Grossstadtlebens nie anfreunden konnte - er war abergläubisch und traute der Technik nicht -, wird Paris sein Lebensmittelpunkt bleiben. Um die Schule macht der junge Django einen grossen Bogen, er zieht Billard- und Würfelspiele vor und bleibt zeitlebens ein Analphabet, der auch keine Noten lesen kann. Früh verliebt er sich in die Musik, mit zwölf erhält er sein erstes Instrument, ein Banjo. Ein Jahr später beginnt er seine Profi-Karriere: Das Pariser Nachtleben floriert, die Nachfrage nach Musikern ist enorm.
Aussenseiter und Autodidakt
Wie viele afro-amerikanische Jazz-Pioniere war auch Django Reinhardt Autodidakt - in der Literatur fehlt es denn auch nicht an Hinweisen auf Ähnlichkeiten zwischen Zigeunern und Afro-Amerikanern, wobei die Wichtigkeit der mündlich tradierten Kultur und die gesellschaftliche Aussenseiterrolle am häufigsten erwähnt werden. Nichtsdestotrotz zählt Reinhardts kometenhafter Aufstieg zu einem der aufsehenerregendsten Jazzimprovisatoren aller Zeiten zu den unglaublichsten Kapiteln in der Geschichte der Musik. Erleichtert wird dieser Aufstieg zweifellos durch Djangos phänomenale Auffassungsgabe - er verfügt über das absolute Gehör -, erschwert wird er aber durch einen Vorfall, der für jeden anderen Gitarristen das Aus bedeutet hätte: 1928 zieht er sich beim Brand seines Wohnwagens erhebliche Verletzungen an der linken Hand zu, die Sehnen des kleinen Fingers und des Ringfingers bleiben verkürzt. Reinhardt versteht dieses unüberwindbar scheinende Handicap als Herausforderung und entwickelt eine speziell auf ihn zugeschnittene Grifftechnik, wobei sich das Fehlen einer konventionellen musikalischen Ausbildung als entscheidender Vorteil erweist.
Hot Club de France
Ende 1934 nimmt Reinhardts Karriere eine entscheidende Wendung: Zusammen mit dem Geiger Stéphane Grappelli, dem er zwei Jahre zuvor erstmals begegnet war, gründet er das Quintette du Hot Club de France (QHCF), eine ungewöhnliche Formation, die nur aus Saiteninstrumenten besteht: Zu den zwei Leadern kommen zwei Rhythmusgitarristen und ein Bassist. Bis zum Kriegsausbruch macht diese Gruppe zahllose Aufnahmen, die zum Teil noch heute unter dem irreführenden Etikett Zigeunerjazz gehandelt werden. In der Musik des QHCF und auch in Djangos Gitarrenspiel sind kaum (direkte) Bezüge zur Folklore der Zigeuner zu finden, vielmehr haben wir es mit einer unbeschwerten Verschmelzung der amerikanischen Jazz-Tradition, insbesondere des Swing, mit Elementen der Pariser Unterhaltungsmusik - Chanson, Musette, Java - und vereinzelten Anklängen an die schillernden Harmonien eines Debussy oder Ravel zu tun. Neben dem QHCF tritt Reinhardt auch mit einer Reihe amerikanischer Gäste auf. Bei einer Aufnahmesitzung am 5. April 1939 mit den «Ellingtonians» Barney Bigard, Rex Stewart und Billy Taylor entsteht eine Perle in Djangos Oeuvre: wunderbar entspannter Kammerjazz. Auch neben Koryphäen wie Coleman Hawkins oder Benny Carter gehen dem aberwitzigen Gitarristen nie die Ideen aus, wobei er sowohl als Solist als auch als Begleiter zu glänzen versteht.
Verunsicherung und Rückzug
Nach dem Zweiten Weltkrieg sieht sich Django durch den aufkommenden Modern Jazz und den Siegeszug der Elektro-Gitarre zunehmend in die Defensive gedrängt. Eine USA-Tournee mit Duke Ellington im Jahre 1946 endet mit einem Tiefschlag. Zu dem Abschlusskonzert in der New Yorker Carnegie Hall kommt Reinhardt viel zu spät: Eine Partie Poker ist ihm wichtiger als Pünktlichkeit. Die amerikanische Kritik konfrontiert ihn mit Vorwürfen, die ihn zusätzlich aus der Bahn werfen. Reinhardts Auftritte werden seltener und seltener, er geht nun lieber angeln oder malt. Trotz erheblichen Verunsicherungen lässt ihn aber die Musik nie ganz los: 1949 kommt es in Rom zu einer letzten Wiedervereinigung mit Grappelli; im März und April 1953 beweist er bei Sessions mit französischen Modernisten, dass er noch längst nicht zum alten Eisen gehört. Am 16. Mai 1953 stirbt Django Reinhardt im Alter von 43 Jahren an einer Gehirnblutung. Das wohl schönste Denkmal setzt ihm der Pianist John Lewis mit dem Stück «Django», das er 1954 mit dem Modern Jazz Quartet aufnimmit (CD «Django» auf Prestige).
15.09.1999
