«Ich war ein Jazz-Taliban»

Der italienische Trompeter Enrico Rava sieht sich als Jazzfan, der das Glück hat, seine Lieblingsmusik auch spielen zu dürfen.

Tom Gsteiger

Wir sind in Italien. Als ich zum vereinbarten Zeitpunkt im Hotel eintreffe, sitzt Enrico Rava noch im Restaurant, knabbert lustlos an einem Salat herum und ärgert sich über das Schneckentempo der Kellner. Also drehe ich noch ein paar Runden durch die pittoreske Altstadt von Perugia, wo im Sommer das grösste Jazzfestival Italiens stattfindet. Beim zweiten Anlauf bin ich immer noch zu früh. Schliesslich sitzen wir irgendwann doch in der Lobby. Das einzige Problem: Die Zeit fürs Interview ist bereits abgelaufen. Glücklicherweise ist dies Rava egal. In einem relaxten Plauderton verwebt der 1939 geborene Trompeter Reminiszenzen aus seiner aussergewöhnlichen Karriere mit einer schwärmerischen Begeisterung für den Jazz. So vergehen zwei Stunden wie im Fluge.

Ravas Enthusiasmus ist ansteckend. Früher sei seine Liebe zum Jazz zu weit gegangen, er sei ein «Jazz-Taliban» gewesen, der alle anderen Musikstile als «stupid shit» abgelehnt habe. Ravas erstes Idol war der Dixieland-Kornettist Bix Beiderbecke. Im Alter von 17 Jahren hörte er Miles Davis: «Am nächsten Tag kaufte ich mir eine Trompete.» Ein paar Jahre später lernte er Chet Baker persönlich kennen: «Er lebte im Haus meines Freundes. Vor lauter Bewunderung brachte ich den Mund fast nicht auf. Chet konnte mir nichts beibringen, er verfügte ja so gut wie über keine theoretischen Kenntnisse.» Rava kopierte die Soli seiner Vorbilder und sammelte Erfahrungen an Jam-Sessions. An einer dieser Sessions lernte er den argentinischen Saxofonisten Gato Barbieri kennen, der ihn ermutigte, auf dem eingeschlagenen Weg fortzufahren. Es kam zum definitiven Bruch mit dem Vater, dessen Transportfirma der Schulabbrecher Rava vom einen Tag auf den anderen verliess. «Ich ging ein sehr grosses Risiko ein, ich wusste ja nicht, was auf mich zukam», erinnert sich Rava.

Ab 1969 lebte der Trompeter acht Jahre in New York, wo er sowohl Kontakte zur Avantgarde als auch zum Mainstream knüpfte. Rava hat eine interessante Beobachtung parat: «Durch das freie Spiel bekam ich ein gutes Gefühl für die Dramaturgie eines Stücks. Im alten Jazz war dieses erzählerische Element auch sehr präsent. Nachher ging es leider immer mehr verloren, viele Soli auf den Blue-Note-Platten aus den 50er-Jahren tönen für mich wie sportliche Ertüchtigungsübungen. Ein moderner Trompeter, bei dem dieses Element nicht verloren ging, ist Miles. Seine Live-Version von «My Funny Valentine» von 1964 ist wie ein grossartiger Roman.» In dieser Aussage steckt der Schlüssel zu Ravas anhaltendem Erfolg. Er ist kein brillanter Techniker, der virtuose Licks abspult, sondern ein äusserst humaner Musiker, der zugleich über eine konservative und eine rebellische Ader verfügt, seine Soli stecken voller Spannung, spielt er doch abwechslungsweise «molto cantabile» und «con fuoco». Rava bringt sein Instrument zum Seufzen, Singen und Schreien.

Nach einem 18-jährigen Unterbruch – in dieser Zeit erschienen seine Aufnahmen auf einer Reihe französischer und italienischer Labels – kehrt Rava 2004 mit «Easy Living» zur Firma ECM zurück, für die er erstmals 1975 in ein Studio ging. rein italienisches Quintett. Mit dem wunderfitzigen Pianisten Stefano Bollani tritt Rava auch sehr häufig im Duo auf; der komplette Posaunisten Gianluca Petrella ist ihm erstmals vor einem Jahrzehnt bei einem Workshop in Siena aufgefallen; am Bassisten Rosario Bonaccorso schätzt er den grossen, runden Sound; mit Italiens Top-Schlagzeuger Roberto Gatto arbeitet er bereits seit langem erfolgreich zusammen. Man mag zwar mit Rava nicht einig gehen, wenn er «Easy Living» für seine beste Aufnahme hält – dafür kommen einige der neuen Kompositionen doch allzu banal daher –, doch in seiner Mischung aus entspannter Eleganz und ungekünstelter Unbekümmertheit ist das Album allemal ein süffiger Hörgenuss. Die geradezu «klassizistische» Machart des Album kann nicht verwundern, wenn man weiss, dass für Rava die «goldene Epoche» des Jazz vorbei ist: «Sie begann 1925 mit Armstrongs Hot Five und dauerte rund vier Jahrzehnte. Der Jazz ist immer noch sehr lebendig, aber nicht mehr so gut wie früher. Sogar die Kleinmeister von damals wären heute Giganten, ich denke da zum Beispiel an Trompeter wie Blue Mitchell oder Wilbur Harden.»

Im November 2004 flog Rava mit seinem Lieblingspianisten Stefano Bollani, den er vom Pop weg und hin zum Jazz lockte, nach New York, um dort mit dem legendären Schlagzeug-Poeten Paul Motian eine CD aufzunehmen. Das Resultat liegt nun unter dem Titel «Tati» (ECM / Phonag) vor und vermag beinahe von A bis Z zu entzücken – der Grundton des balladesken und enorm melodiösen Albums ist nachdenklich, melancholisch, doch es gibt auch ein paar wilde Ausbrüche. Rava spielt mit viel lyrischer Kraft, Motian öffnet die Räume und fügt dem Klangbild sparsame Kolorierungen hinzu, Bollani kanalisiert seine Virtuosität auf bestechende Weise. Was der Trompeter über den wunderfitzigen Pianisten zu sagen hat, kann man gut nachvollziehen: «Er überrascht mich jedes Mal aufs Neue.» Neben eigenen Stücken hauchen die drei traumwandlerisch miteinander kommunizierenden Musiker auch Gershwins «The Man I Love» und Puccinis «E lucevan le stelle» neues Leben ein.