Des Panthers letzte Reise
Mit dem Tode Pullens, der im April 1995 im Alter von 53 Jahren gestorben ist, verliert der Jazz einen seiner leidenschaftlichsten Musiker, der immer wieder auf atemberaubende Weise die Wurzeln des Jazz, den Blues, die Gospelmusik, mit moderneren Spielformen zu verbinden wusste.
Sein Spiel war eine einzigartige, hochexplosive Kernfusion aus Bop-«lines», rhythmischen und harmonischen Anleihen bei Soul, Blues und Gospel und rasenden Clusterkaskaden: Mit der Behendigkeit eines Panthers wetzte er zuweilen über die Klaviertastatur, bearbeitete diese mit gezielten Handkanten- und Unterarmschlägen, ohne Rücksicht auf Verluste gab sich Pullen einem musikalischen, wirblig-kräfteraubenden Berserkertum hin, verlor dabei aber nie den Sinn für Spannungsbögen und das Gespür für rhythmischen «drive».
Don Pullen war ein Weihnachtskind, er kam am 25. Dezember 1941 in Roanoke, Virginia, auf die Welt. Zu seinen ersten musikalischen Erfahrungen zählten die krichliche Gospelmusik und Rhythm & Blues. Als Teenager entdeckte er den Jazz, war fasziniert vom Spiel des Ausnahmevirtuosen Art Tatum (neben ihm zählt Pullen nur noch seinen Cousin Clyde Wright zu seinen pianistischen Vorbildern), kam in Berührung mit der Musik Eric Dolphys und Ornette Colemans.
1964 stiess er zu Muhal Richard Abrams' Experimental Band, damals eines der kreativsten Avantgarde-Laboratorien. Danach spielte er im Quartett des heute in Vergessenheit geratenen Giuseppi Logan, mit dem zusammen er 1964 seine ersten Plattenaufnahmen machte. Zusammen mit dem Drummer Milford Graves gründete er ein Duo und eine eigene Schallplattenfirma (SRP). Daneben tumelte er sich aber auch in konventionelleren Gefilden (von etwas muss man schliesslich leben): Er begleitete Sängerinnen (u. a. Ruth Brown und Nina Simone), und er leitete ein eigenes Soul- Jazz-Quartett.
1973 holte ihn der zärtliche Choleriker Charles Mingus in seine Band, wo Pullen auf den Tenorsaxophon-Ekstatiker George Adams traf. Adams und Pullen leiteten ab 1979 eine der furiosesten Bands, die man in den Achtzigern hören konnte. Zusammen mit Cameron Brown und dem Mingus-Drummer Dannie Richmond praktizierten sie einen mitreissenden Power-Jazz der Extraklasse. Nach dem Tode von Richmond und Adams verlor Pullens etwas an fulminanter Dringlichkeit; er spielte zwei unausgewogene Piano-Trio-Alben ein, um sich schliesslich mit seiner African-Brazilian Connection auf eine sehr wohltönende, zuweilen aber auch etwas triviale Synkretismus-Reise zu begeben. Nun aber ist er zu seiner letzten Reise aufgebrochen.
Auswahldiskographie
Mit Charles Mingus, «Changes One und Changes Two» (Atlantic); George Adams - Don Pullen Quartet, «Live at the Village Vanguard» Vol. 1 und 2 (Soul Note); «Song Everlasting» (Blue Note); Don Pullen with Gary Peacock und Tony Williams, «New Beginnings» (Blue Note); Don Pullen & the African-Brazilian Connection, «Kele Mou Bana» (Blue Note)
26.04.1995
