Keine Angst vor dem Fliegen
Chris Potter ist ein Überflieger unter den Saxofonisten.
Vom Pianisten Kenny Werner ist folgendes Zitat überliefert: «Chris Potter braucht nicht zu reifen, er ist bereits reif. Er nahm eine Privatstunde bei mir. Wir spielten im Duo. Nach dem vierten Stück wollte ich eine Lektion bei ihm nehmen.» Aus dem verdutzten Lehrer und dem frühreifen Schüler wurden Freunde, 1994 nahmen sie ein ausserordentlich animiertes Duo-Album («Concord Duo Series, Vol. 10») auf. Damals war Potter noch ein Insider-Tipp, inzwischen zählt er zu den berühmtesten Jazzmusikern der jüngeren Generation. Kein Wunder: Es gibt nur sehr wenig, was Potter mit dem Tenorsaxofon nicht anfangen kann (daneben spielt er auch noch Alt- und Sopransax sowie Bassklarinette). Dabei hält er seine stupende Virtuosität stets unter Kontrolle: Potter schwätzt nicht, er hat sehr viel zu sagen. Er kann auf eine rhythmische Flexibilität zurückgreifen, die ihn auch schwierigste Kurven elegant meistern lässt. Dazu kommt ein Sound, wie man ihn sich nicht vollmundiger und kerniger wünschen kann.
In den letzten Jahren hat sich die Jazzelite um die Dienste Potters gerissen: Mit dem zeitlos eleganten Gitarrren-Stilisten Jim Hall hat der Saxofonist ebenso erfolgreich zusammengearbeitet wie mit dem unberechenbaren Schlagzeug-Nonkonformisten Paul Motian. Letzterer verpflichtete Potter sowohl für seine Electric Bebop Band, die der klassischen Jazzmoderne (Parker, Monk, Gillespie usw.) auf originelle Weise zu Leibe rückt, als auch für sein auf spontane Abenteuer spezialisiertes Trio 2000. Potters wichtigste Arbeitgeber sind der Kontrabassist Dave Holland und der Trompeter Dave Douglas, mit dessen Quintett er das in diesem Magazin bereits gebührend gewürdigte Album «The Infinite» aufgenommen hat.
Traditionsbewusster Modernist
Hollands Quintett, das durch Robin Eubanks (Posaune), Steve Nelson (Vibrafon) und Billy Kilson (Schlagzeug) vervollständigt wird, ist eine der profiliertesten Formationen des Gegenwartsjazz und wird mit Auszeichnungen geradezu überschüttet (das famose Quintett bildet den Kern von Hollands Big Band, von der gerade eben die CD «What Goes Around» erschienen ist). Vor vier Jahren löste Potter in dieser Gruppe Steve Wilson ab. Holland hat nur lobende Worte für Potter parat: «Er ist ein sehr sensibler, bescheidener Team-Player. Er hat sich auf Anhieb optimal in die Gruppe eingefügt. Mit seinen Ideen geht er sehr generös um.» Kennen gelernt hat Holland den furchtlosen Newcomer anlässlich der Einspielung von dessen Album «Unspoken», mit dem Potter seinen Aufstieg in die «Champions League» des Jazz besiegelte. Auf diesem Schlüsselwerk lässt er sich neben dem majestätischen Holland vom bärbeissigen Gitarristen John Scofield und vom explosiven Trommler Jack DeJohnette durch neun Eigenkompositionen begleiten. Potters lakonischer Kommentar zu dieser Feuertaufe: «Ich musste nur versuchen mitzuhalten.» Ein weiteres packendes Zusammentreffen mit einem Jazzgiganten ist auf «Vertigo» festgehalten, auf dem Joe Lovano auf drei Nummern ins Geschehen eingreift: Potter bietet dem 19 Jahre älteren «Saxophone Colossus» munter Paroli.
Dass er ein traditionsbewusster Modernist ist, der die Geschichte des Jazz gründlich studiert hat, ohne in Ehrfurcht vor ihr zu erstarren, beweist Potter neuerdings auch als Leader einer eigenen «working band», zu der der Pianist Kevin Hays – er sorgt mit seiner introvertierten Ader für einen willkommenen Kontrast zu Potters extrovertiertem Expressionismus –, der ausgebuffte Bassist Scott Colley und der geniale Schlagzeuger Brian Blade, der in den Bereichen fulminante Dringlichkeit und situative Intelligenz neue Massstäbe setzt, gehören. Auf dem Debüt dieser Gruppe, «Gratitude», ist jedes der Stücke einem Saxofonisten zugewidmet, von dem Potter viel gelernt hat – das Spektrum reicht von Coleman Hawkins und Lester Young über Sonny Rollins und John Coltrane bis zu Michael Brecker und Joe Lovano. Nur schade, dass die Band auf der Studio-CD nicht annähernd ihre Live-Form erreicht.
2002
Potters Höhenflüge
Unspoken (Concord)
Vertigo (Concord)
Gratitude (Verve)
Als Sideman:
Scott Colley, Subliminal (Criss Cross)
Dave Douglas, The Infinite (BMG)
Billy Drummond, Dubai (Criss Cross)
Dave Holland, Prime Directive (ECM)
Paul Motian Electric Bebop Band, Flight of the Blue Jay (Winter & Winter)
Paul Motian, Trio 2000 + One (Winter & Winter)
