Kein Zombie

Der italienische Pianist Enrico Pieranunzi zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten des europäischen Jazz.

Von Tom Gsteiger

Der Vergleich zwischen toten und lebenden Musikern zählt zu den Obsessionen der Jazzkritik: Kein Wunder, dass einem manchmal das ungute Gefühl beschleicht, unter lauter Zombies zu hausen. Einer, der davon ein Lied singen kann, ist Enrico Pieranunzi, den man häufig mit dem 1980 verstorbenen Bill Evans in einen Topf wirft. Vollkommen abwegig ist dies nicht: Beide Pianisten verfügen über eine fundierte klassische Ausbildung und in ihrem Schaffen sind eine Reihe gemeinsamer ästhetischer Werte auszumachen, insbesondere ein Faible für lyrische Introspektion (kommt hinzu, dass die wohl beste Einführung in Evans‘ Werk aus Pieranunzis Feder stammt). Dennoch kann der sanftmütige Pieranunzi ein bisschen ungehalten werden, wenn man ihn allzu sehr in die Evans-Ecke zu drängen versucht: «In meinem Werk haben die Eigenkompositionen einen weitaus grösseren Stellenwert als bei Evans. Manchmal improvisiere ich auch vollkommen frei – das hat Evans nie gemacht. Und ich liebe den Blues, der nie eine besondere Stärke von Evans war.»

Pieranunzi kam 1949 in Rom auf die Welt, wo er nach wie vor die meiste Zeit seines Lebens verbringt. Unsere Begegnung mit ihm fand im etwas nördlicher gelegenen Perugia statt. Dass sich Pieranunzi seit ein paar Jahren magisch angezogen fühlt von dieser mittelalterlichen Stadt mit etruskischen Wurzeln hängt einerseits mit dem entspannten Lebenstempo zusammen, andererseits mit der Tatsache, dass Perugia die Heimat des Labels EGEA ist, das sich in vorbildlicher Weise um die Dokumentation wichtiger Aspekte seines Schaffens bemüht. Dazu gehört eine Reihe vorzüglicher Soloalben, darunter mit «Perugia Suite» Pieranunzis ungewöhnlichstes Werk in diesem Bereich. Das Titelstück dauert über 20 Minuten und ist von A bis Z improvisiert: Auf beeindruckende Weise lässt hier ein gleichermassen wagemutiger und enorm formbewusster Meisterpianist sein immenses Können in einen faszinierend vielschichtigen, aber nie ausufernden «stream-of-consciousness» münden. Pieranunzi über die Wonnen des «freien» Improvisierens, mit dem er sich – nicht zuletzt beeindruckt durch die Offenheit des Saxofonisten Lee Konitz – seit Ende der 80er-Jahre intensiv beschäftigt: «Das ist ein kontinuierlicher Transformationsprozess ohne Grenzen, der es mir erlaubt, alle meine Erfahrungen zu bündeln – von meinen Anfängen als Bebop-Pianist bis zu meiner Auseinandersetzung mit Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Hindemith oder Copland. Beim Improvisieren orientiere ich mich oft an Strukturen klassischer Kompositionen. Ich bin nicht interessiert daran, formlose Musik zu produzieren.»

Der Geschichtenerzähler

Eine weitere herausragende EGEA-Produktion Pieranunzis sind die wunderbar melodienseligen, von Sehnsucht und Melancholie geprägten «Racconti mediterranei», die er gemeinsam mit seinem Landsmann Gabriele Mirabassi (Klarinette) und dem amerikanischen Bassisten Marc Johnson aufgenommen hat. Der Albentitel ist nicht zufällig gewählt. Die Entdeckung bzw. Wiederaneignung seiner mediterranen, folkloristischen Wurzeln ist für den Pianisten in den letzten Jahren immer wichtiger geworden; und die Auffassung, dass es in der Musik in erster Linie darum geht, Geschichten – und zwar solche mit einem Anfang, einer Entwicklung und einem Ende – zu erzählen, zieht sich wie ein roter Faden durch Pieranunzis Denken. In dieser Hinsicht kann man in ihm einen von klassizistischen und romantischen Ideen beeinflussten Traditionalisten sein, der vom post-modernen «anything goes» rein gar nichts hält und daher gefeit ist vor jeglichen modischen Anwandlungen (womit wir wieder bei einer Gemeinsamkeit mit Evans gelandet wären). Pieranunzi, der bis vor vier Jahren eine Professorenstelle am Konservatorium von Frosinone innehatte, spielt nicht mit Krethi und Plethi: Die hohen Ansprüche, die er an sich selbst stellt, stellt er auch an seine Partner. Was er dabei sucht, ist nicht instrumentale Brillanz, sondern die Bereitschaft, gemeinsam das Unbekannte zu erforschen: «Dafür braucht es Aufrichtigkeit und sehr viel Sensibilität. Jazz ist eine einmalige Gelegenheit, Gefühle auszutauschen. Wenn das nicht passiert, kann diese Musik sehr schnell stupid und langweilig werden.» Ein entscheidender Wendepunkt in Pieranunzis Karriere war die aufs Jahr 1979 zurückgehende Begegnung mit dem Trompeter Chet Baker: «Er spielte das Maximum mit dem Minimum und er zeigte mir, wie wichtig Melodien sind. Dadurch habe ich auch mein Instrument und seine orchestralen Möglichkeiten neu entdeckt.»

Trio-Abenteuer

Pieranunzis bevorzugtes Format ist nach wie vor das Trio mit Kontrabass und Schlagzeug (sein erstes eigenes Trio rief er im Alter von 25 Jahren ins Leben). Als «trio of my heart» bezeichnet er die Gruppe mit dem bereits erwähnten Marc Johnson und dem Schlagzeuger Joey Baron, die durch Zufall (oder Fügung des Schicksals?) zustande gekommen ist: «Die beiden sind 1984 für eine kurzfristig abgesagte Tournee mit Kenny Drew nach Europa geflogen und in Rom gestrandet. Also hatte ich das Glück, zwei Konzerte mit ihnen spielen zu können.» Inzwischen hat das optimal ausbalancierte Triumvirat vier Alben veröffentlicht, zuletzt «Play Morricone» (CAM): eine warmherzige Hommage an Italiens berühmtesten Filmkomponisten. Auf europäischer Ebene zählen die Holländer Hein Van de Geyn (Bass) und Hans van Oosterhout (Drums) zu Pieranunzis bevorzugten Mitspielern. Mit ihnen realisierte er im Jahr 2000 die in mehrerlei Hinsicht phänomenale CD «Improvised Forms for Trio» (Challenge Records), die von einem an Telepathie grenzenden Einfühlungsvermögen zeugt. Enstanden sind diese erstaunlich konzisen Improvisationsminiaturen als eine Art Entspannungsübung: Parallel zu ihnen nahm das Trio ein den anspruchsvollen Kompositionen Wayne Shorters gewidmetes Album, «Infant Eyes», auf. In seiner Heimat unterhält Pieranunzi kein festes Trio mehr, sondern arbeitet mit fluktuierenden Besetzungen; die hohe Qualität der Musik, die dabei entsteht, ist auf einer zur Zeit sieben Alben umfassenden Serie auf dem deutschen label yvp music dokumentiert. Zum Abschluss unseres Gesprächs gab sich der alles andere als zu übertriebener Euphorie neigende Pieranunzi sehr optimistisch, was die Zukunft des Jazz betrifft: «Das Niveau der jungen Musiker war noch nie zu hoch wie heute. Und gerade in Europa gibt es eine Menge frischer Ideen, darum ist der europäische Jazz zur Zeit meistens interessanter als der amerikanische.»