Ray Anderson, «Old Bottles - New Wine», Enja
Der Titel dieses Albums, das Ray Anderson 1985 aufnahm und das nun in der «24bit master edition» des Labels Enja neu aufgelegt wird, ist durchaus programmatisch zu verstehen: «Old Bottles - New Wine». Anderson bringt sieben alte Schlachtrösser aus der Swing- und Bop-Ära (u.a. Ellingtons «In a Mellow Tone» und «Ow!» von Dizzy Gillespie) ganz gehörig auf Touren, wobei er nicht nur als enorm agiler Power-Posaunist alle Register seines schier unbegrenzten Könnens zieht, sondern auch als humorvoller Sänger viel augenzwinkernden Charme entfaltet. Begleitet wird der Tausendsassa, der ja in der Avantgarde-Formation von Anthony Braxton ebenso bella figura machte wie in der Hipster-Combo Slickaphonics, von einer handverlesenen Rhythmusgruppe mit Kenny Barron am Klavier, Cecil McBee am Bass und Dannie Richmond am Schlagzeug.
Andromeda Mega Express Orchestra, «Take Off!», Alien Transistor
Es kommt höchst selten vor, dass ein Newcomer aus der Jazzecke mit einer orchestralen Grosstat brilliert. Daniel Glatzel aus Berlin ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Mit dem 20-köpfigen Andromeda Mega Express Orchestra, in dem Jazzer und Klassiker nicht nur in trauter Zweisamkeit die Wonnen schöner Harmonien auskosten, sondern auch im Widerstreit die Strapazierfähigkeit der einen oder anderen Dissonanz testen, hat er ein Album eingespielt, das uns mitnimmt auf eine höchst vergnügliche und abwechslungsreiche musikalische Achterbahnfahrt. In seinen Patchwork-Kompositionen, die Titel wie «Lava Lovers», «Milky Way Fables» oder «Radioactive People» tragen, vermischt Glatzel elitäre Kunstmusik mit trashigen Pop-Elementen, Spaghetti-Western-Klänge à la Ennio Morricone mit Outerspace-Sounds à la Sun Ra, Bigband-Power mit Streicher-Schmus. Dabei trägt Glatzel manchmal sehr dick auf oder schiesst gar übers Ziel hinaus: Das verstärkt den Eindruck, dass hier ein hinterlistiger Musik-Jongleur eine lustvolle Attacke auf das Asketen-Motto «Weniger ist mehr» in Szene setzt.
Jerry Bergonzi, «Simply Put», Savant
Der Beitrag der Italo-Amerikaner zum Jazz sollte nicht unterschätzt werden. So sind zum Beispiel drei der ausdruckstärksten Tenorsax-Virtuosen unserer Zeit Italo-Amerikaner: Joe Lovano, George Garzone und Jerry Bergonzi. Während Lovano längst zum Jazz-Jet-Set gehört, geniessen Garzone und Bergonzi, die beide in Boston als Lehrer tätig sind, vor allem unter ihresgleichen einen exzellenten Ruf. Bergonzi hat für das Label Savant seit 2006 vier tolle Alben eingespielt, die mehr Beachtung verdienen würden: Hier ist nicht nur ein «Heldentenor» mit einem wunderbar fetten Sound am Werk, sondern auch ein Komponist, dessen Stücke Hand und Fuss haben und zugleich voller Überraschungen stecken.
David Binney, «Third Occasion», Mythology Records
Fast 15 Minuten dauert das längste Stück auf der aktuellen Studio-CD des Altsaxofonisten David Binney. Als Konzepter hat Binney einen siebten Sinn für extralange Spannungsbögen, die sich aus komponierten Leitplanken und improvisierten Zickzackläufen zusammensetzen. Dank regelmässigen Gigs in der 55 Bar in New York kann Binney seine Ideen mit einer Reihe phantastischer Musiker realisieren. Im Internet stellt Binney Live-Mitschnitte zum Runderladen bereit, um ins Studio zu gehen, muss er schon einen sehr guten Grund haben: Im vorliegenden Fall ist dies die Kombination seines traumwandlerisch agierenden Quartetts mit Craig Taborn, Scott Colley und Brian Blade mit einer Blechbläser-Section.
Jim Black AlasNoAxis, «Houseplant», Winter & Winter
Wie ein Wirbelwind fegt der Schlagzeuger Jim Black durch die progressive New Yorker Jazzszene und sorgt dafür, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Black ist ein unverbiesterter Nonkonformist und ein unverforener Genrejongleur. So hat sein Quartett AlasNoAxis, von dem bereits die fünfte CD vorliegt, eigentlich mehr mit Indie-Rock als mit Jazz zu tun. Die Gruppe kommt allerdings ohne Gesang aus: Die Rolle des Leadsängers wird gewissermassen vom Tenorsaxofonisten Chris Speed, der auf Prägnanz statt exaltierte Virtuosität setzt, übernommen. Vervollständigt wird die enorm kompakte Band durch den klangmalerischen Gitarristen Hilmar Jensson und den agilen Bassisten Skuli Sverrisson.
Carla Bley, «Carla’s Christmas Carols», WATT
Achtung Weihnachtsmusik! Es gibt kaum eine andere Musikform, die so anfällig für Verkitschung und Gefühlsduselei ist. Dass Weihnacht eigentlich auch etwas mit Andacht zu tun haben könnte, zeigt das neue Album von Carla Bley, deren Vater Kirchenorganist war. Dass Bley einst eine begnadete Jazzketzerin mit einem Faible für schrägen Humor war, davon ist auf ihrer Christmas-CD nicht mehr viel zu spüren - es dominieren Innigkeit und Bedächtigkeit. Für sich selbst am Klavier, ihren Mann Steve Swallow am Elektrobass und ein Blechbläser-Quinett hat Bley alte und neue Weihnachtslieder zugleich schlicht und kunstvoll arrangiert. Alex Schlosser (Trompete) und Adrian Mears (Posaune) steuern brillante Soli bei.
Jean-Paul Brodbeck Group, «Hang on Hippie», Material Records
«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben»: Dieses Gorbatschow- Diktum gilt beileibe nicht für alles und jedes. Im Jazz gibt es zum Beispiel die fatale Tendenz, dass Bands ins Studio gehen, bevor sie (genügend) Konzerterfahrung gesammelt haben (gefördert wird diese Tendenz von den Veranstaltern, die eine Band nur buchen, wenn diese sich bereits «versilbert» hat). Und so bekommt man regelmässig Studioalben zu hören, bei denen man denkt: Ach! wenn diese tollen Musiker doch nur ein bisschen mehr in Fahrt kommen würden und die Stücke mit einem Quentchen mehr Spielwitz aus den Angeln heben würden. Das neue Album von Jean-Paul Brodbeck ist ein typisches Beispiel für «Praecox-Jazz». Der Keyboarder knüpft mit einem hochkarätigen Quintett, zu dem u.a. der deutsche Tenorsaxofonist Johannes Enders und der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel gehören, an den «Hippie-Jazz» der 70er-Jahre an (besonders ausgeprägt sind die Parallelen zur Funk-Folk-Freak-Ästhetik von Keith Jarretts «Treasure Island»), bleibt aber weit von dessen teils widerborstiger, teils süffiger Überschwänglichkeit entfernt. So wirkt die Musik schnell einmal zu stromlinienförmig.
Burton, Metheny, Swallow, Sanchez, «Quartet Live», Concord
Bei dieser vom greisen Pop-Art-Künstler Peter Max verunzierten CD kann die Devise nur lauten: Augen zu, Ohren auf! Gary Burton gehörte zu den ersten Jazzmusikern, die sich für Einflüsse aus Pop, Rock und Country öffneten. 1974 holte der Vibrafonist den damals 20-jährigen Gitarristen Pat Metheny in seine Band. 2007 unternahmen die supervirtuosen Mega-Melodiker eine Re-Union-Tournee: Mit Steve Swallow, der den Bass-Part in den Bands von Burton von 1966 bis 1987 übernahm, und dem Schlagzeuger Antonio Sanchez gelang ihnen das Kunststück, nahtlos an alte Zeiten anzuknüpfen, ohne alt zu klingen. Damit gelingt ihnen ein wichtiger Beitrag zur Rehabilitierung des vielgeschmähten Jazz der 70er-Jahre.
Marc Copland, «Night Whispers», Pirouet
Marc Copland, der seine Karriere als Saxofonist begann, ist der magische Impressionist unter den Jazzpianisten, er löst Harmonien und Tonkaskaden in irisierende Klangflächen auf. Für den letzten Teil einer sublimen Trilogie mit «New York Trio Recordings» hat sich Copland, der auch als Komponist lyrisch-mysteriöser Miniaturen eigene Wege geht, mit langjährigen engen Weggefährten zusammengetan, nämlich mit dem Bassisten Drew Gress und dem Schlagzeuger Bill Stewart (auf Vol. 2 sind mit Gary Peacock und Paul Motian zwei legendäre Interplay-Pioniere mit von der Partie). Wie dieses Trio den modalen Jazz-Hit «So What» von Miles Davis in ein neues Licht rückt, ist atemberaubend.
Dave Douglas, «Spirit Moves», Greenleaf Music
Im Umgang mit der Jazzgeschichte benutzt Dave Douglas lieber den Rückspiegel als den Rückwärtsgang - er hält sich also an die Devis eines alten Arbeiterlieds: «Vorwärts und nicht vergessen!» Inspiriert von der Brass Fantasy des verstorbenen Black-Music-Schamanen Lester Bowie hat der ruhelose Trompeter und Komponist ein vergleichsweise kleines, aber dafür umso wendigeres Ensemble ins Leben gerufen, das er Brass Ecstasy nennt. Aus einer Besetzung mit Trompete, Waldhorn (Vincent Chancey), Posaune (Luis Bonilla), Tuba (Marcus Rojas) und Schlagzeug (Nasheet Waits) holt Douglas eine unglaubliche hymnische Kraft heraus, bei der es einem kalt den Rücken hinunterläuft. Diese Musik strahlt auch dann Optimismus aus, wenn nachdenklichere Töne angeschlagen werden - etwa in einer wunderbaren Bearbeitung des Country-Klassikers «I’m So Lonesome I Could Cry». Dreh- und Angelpunkt des Albums bildet ein Triptychon von Hommagen an grosse Trompeter: Neben Bowie sind dies der viel zu früh verstorbene Bebopper Fats Navarro und der Italiener Enrico Rava, der zum Glück noch unter den Lebenden weilt.
E. Eskelin with A. Parkins and J. Black, «One Great Night ... Live», Hat Hut Records
Seit anderthalb Jahrzehnten mischt der New Yorker Tenorsaxofonist Ellery Eskelin mit seinem Trio die Jazzszene auf. Nun liegt erstmals eine Live-CD dieser tollkühnen Guerilla-Jazz-Formation vor, die durch die Akkordeonistin und Sampler-Spezialistin Andrea Parkins und den furios trommelnden Wirbelwind Jim Black vervollständigt wird. Mal klingt dieses Trio wie eine Hammond-Orgel-Groove-Combo, die durch den Fleischwolf gedreht wird, mal hat man das Gefühl, einem Neutöner-Symposium, an dem fast alle durchdrehen, beizuwohnen. Mitreissende Action und avantgardistische Abstraktion schliessen sich bei dieser Gruppe nicht gegenseitig aus - hier wird mit Herz, Hirn und Bauch musiziert.
Feigenwinter 3, «White Cube», Universal
Der Basler Hans Feigenwinter lässt nicht zum ersten Mal mit innovativen Renovationsarbeiten im Piano-Trio-Jazz-Sektor aufhorchen. Mit Bänz Oester und Norbert Pfammatter spielte er zwei Alben ein, auf denen vornhemlich bekannte Standards als Startrampen für entfesselte improvisatorische Höhenflüge dienen. Das Repertoire von Feigenwinter 3 besteht dagegen ausschliesslich aus recht eingängigen Eigenkompositionen des Popliebhabers und Präzisionsarbeiters, der sich auch innerhalb klar definierter Grenzen viele Freiräume zu erobern vermag. Der Groovemelodiker Wolfgang Zwiauer am E-Bass und der agile, einfühlsame Schlagzeuger Arno Troxler sorgen dafür, dass alles im Fluss bleibt.
Fly, «Sky & Country», ECM
Man stelle sich folgende Szene vor: Drei bunte Schmetterlinge fliegen durch eine Wolkenkratzerlandschaft. Auf der zweiten CD des New Yorker Trios Fly gibt es mehrere Stücke, die sehr gut zu dieser Szene passen würden. Mark Turner (Sax), Larry Grenadier (Bass) und Jeff Ballard (Schlagzeug) verbinden in ihrer Musik filigrane Grazie mit den Grooves der Grossstadt. Die Musik von Fly bleibt trotz ihrer Komplexität immer äusserst geschmeidig: Kraft wird nicht mit Kraftmeierei verwechselt. Der Verzicht auf eine harmonische Grundierung durch Klavier oder Gitarre sorgt für spröden Charme. Die Leichtigkeit, mit der Turner durch die ganz hohen Lagen seines Instruments kurvt, löst beim Zuhören beinahe Höhenangst aus.
Charlie Haden, «The Montreal Tapes», Universal
Quantität und Qualität gehen zuweilen durchaus Hand in Hand. So beherbergt die kanadische Kulturmetropole Montreal das grösste Jazzfestival der Welt, bei dem trotz Gigantismus viel Platz für innovative Programmpunkte bleibt - zum Beispiel kann sich jedes Jahr ein Musiker mit einer ganzen Konzertserie präsentieren. 1989 durfte der Bassist Charlie Haden schalten und walten wie es ihm gefiel. Sechs Konzerte seiner sensationellen Serie gibts nun in einer Box: Piano-Trios mit Geri Allen, Paul Bley und Gonzalo Rubalcaba (immer mit dem Schlagzeuger Paul Motian), ein Trio mit Joe Henderson und Al Foster, ein Trio mit Don Cherry und Ed Blackwell sowie das Liberation Music Orchestra.
Tom Harrell, «Prana Dance», High Note
Tom Harrell ist ein Phänomen. Obwohl er schizophren ist und unablässig Psychopharmaka schluckt, zählt der 1946 geborene Trompeter und Flügelhornist zu den herausragenden Persönlichkeiten des modernen Mainstream-Jazz. Harrell lässt nicht nur mit seinem beseelten, zugleich expressiven und lyrischen Trompetenspiel aufhorchen, sondern auch mit seinen Kompositionen. Nun stellt Harrell eine eigene Version von Minimalismus vor: Jedes der acht Stücke auf seiner neuen Quintett-CD basiert auf kurzen und einfachen Motiven, die kunstvoll variiert werden. Die rhythmische Basis bilden zumeist zeitgemässe Dancefloor-Grooves. Manchmal entfaltet diese Musik, die man Minimal Hip-Bop nennen könnte, eine geradezu hypnotische Wirkung.
Stefon Harris Blackout, «Urbanus», Universal
Stefon Harris ist in den letzten Jahren regelmässig auf dem Radar der Jazz-Trend-Scouts aufgetaucht. Harris hat nicht nur das Vibrafon-Spiel in neue Bereiche vorangetrieben, sondern versucht auch als Bandleader, am Puls der Zeit zu bleiben. Mit seiner aktuellen Band, die er vor rund einem halben Jahrzehnt ins Leben rief und die sinnigerweise den Namen Blackout trägt, ist er nun allerdings in einer Sackgasse gelandet. Fast in jeder Sekunde merkt man dem Album «Urbanus» an, dass es auf Biegen und Brechen en vogue sein will (das gilt auch für das Outfit der Musiker) und gerade darum wirkt es vornehmlich abgeschmackt - man fragt sich, ob es wirklich noch Leute gibt, die sich von solchem Pseudo-Hip-Hop-Jazz hinter dem Ofen hervorlocken lassen. Die hervorragenden Instrumentalisten kaprizieren sich viel zu stark auf effekthascherische Mätzchen. Krassestes Beispiel ist der Micky-Maus-mässige Vocoder-Gesang des Saxofonisten Casey Benjamin.
Billy Hart Trio, «Live at Cafe Dramberd», Enja
Die harte Gangart ist dem Schlagzeuger Billy Hart wahrlich nicht fremd: Wenn es hart auf hart kommt, zieht er nicht den Kopf ein, sondern legt nochmals einen Zacken zu. Hart zählt zu den Jazz-Drummern, die in der Nachfolge der Innovatoren Elvin Jones und Tony Williams zu einer unverwechselbaren Spielweise gefunden haben, er spielte in so bahnbrechenen Formationen wie dem Mwandishi Sextet von Herbie Hancock oder dem Quartett Quest (mit David Liebman, Richie Beirach und Ron McClure) und ist auf über 600 Alben zu hören. In Europa ist Hart in den letzten Jahren ab und zu mit den deutschen Saftwurzel-Jazzern Johannes Enders (Tenorsax) und Martin Zenker (Kontrabass) “on the road”. Auf einem nun vorliegenden Konzertmitschnitt ist dieses Trio zuweilen kaum zu bremsen; mit einer Ausnahme (Kenny Barrons «Voyage») stammen alle Stücke von Enders.
Jon Hassell, «Last night the moon came ...», ECM
Blubbernde Grooves, mysteriöse Klangschlieren, exotische Melodiefragmente: Damit sind ein paar wichtige Bausteine genannt, aus denen Jon Hassell seine zugleich sinnliche und synthetische «Fourth-World»-Musik fabriziert. Auf der Trompete hat der ursprünglich vom Cool Jazz inspirierte Hassell eine Flöten-artige Spielweise entwickelt, bei der die mikrotonale Modulierung des atmenden Klangs im Vordergrund steht und damit Trompeter wie Nils Petter Molvær, Arve Henriksen oder auch Paolo Fresu massgeblich beeinflusst. Das neue Album des Ambient-Propheten ist das Resultat einer sorgfältigen, äusserst suggestiven Montage aus Live- und Studioaufnahmen. Wenn es Konzerte unter Wasser gäbe, würden sie wohl so ähnlich klingen.
Yaron Herman Trio, «Muse», Laborie Records
Spielfreude, technische Brillanz, Ideenreichtum, rhythmische Durchtriebenheit: Yaron Herman ist ein phantastischer Pianist, der unüberhörbar von mehreren Musen geküsst wurde. Mit dem gleichermassen schnörkellosen und wendigen Kontrabassisten Matt Brewer, der über einen wunderbar warmen und leicht knurrenden Sound verfügt, und dem Schlagzeuger Gerald Cleaver, der die Grooves in vielfältigste Schattierungen aufzufächern versteht, bildet Herman ein Trio, das souverän über ganz unterschiedliche Register gebietet: von sanftmütig verträumt bis aggressiv entfesselt. Auf einigen Stücken wird der Klangfarbenreichtum geschmackvoll durch ein klassisches Streichquartett erweitert und sehr sparsam wird auch von elektronischen Verfremdungseffekten Gebrauch gemacht. Das Repertoire umfasst neben Eigenkompositionen auch den Gillespie-Klassiker «Con Alma» und eine Björk-Nummer.
Humour’s Humidity, «Prosit Prosa», Unit
Die Querflöte hat im Jazz nicht viele Spuren hinterlassen. Aber wer sucht, findet: Man denke zum Beispiel an Eric Dolphy, Rahsaan Roland Kirk oder James Newton. Und nun gibt es mit Oliver Roth einen grossartigen jungen Querflötisten aus der Schweiz zu entdecken! Roth studierte Klassik und Jazz und das hört man der Musik seines Quartetts an: formale Raffinesse trifft auf intuitives «Instant Composing», Abstraktion auf Action. Auf eigenständig-spannungsvolle Weise knüpft Roth an Jimmy Giuffres «Fusion» und «Thesis» sowie an Eric Dolphys «Out To Lunch» an: an Alben also, deren zugleich subversives und subtiles Potenzial selbst im zeitgenössischen Jazz viel zu selten reflektiert wird.
Vijay Iyer Trio, «Historictiy», Act
Vijay Iyer ist ein Musik-Detektiv, der verborgene Zusammenhänge zwischen Avantgarde-Jazz und Pop aufspürt. Auf seiner neuen CD, die er mit dem agilen Bassisten Stephan Crump und dem phänomenalen Schlagzeuger Marcus Gilmore eingespielt hat, präsentiert der indo-amerikanische Pianist nicht nur Eigenkompositionen, sondern auch vielschichtige Bearbeitungen eher obskurer Jazz-Nummern («Smoke Stack» von Andrew Hill; «Dogon A.D.» von Julius Hemphill) und einprägsamer Songs von M.I.A. und Stevie Wonder. Aber Achtung: Iyer ist alles andere als ein Populist, er gibt sich nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufrieden, sondern favorisiert komplexe, manchmal etwas gar kopflastige Lösungen.
Vera Kappeler Trio, «Nach Slingia», Veto Records
Manchmal kommt man scheinbar am besten auf Umwegen ans Ziel. So ist zum Beispiel aus Vera Kappeler trotz eines erfolgreich absolvierten Klavierstudiums am Konservatorium keine brave, flinkfingrige Mozart-Interpretin, sondern eine höchst eigensinnige Jazzpianistin geworden. Das zwischen Widerborstigkeit und relativ spröder und mysteriöser Klangmalerei oszillierende Spiel Kappelers ist frei von virtuosen Volten und manieristischen Mätzchen. Im Trio mit dem Bassisten Simon Gerber und dem Schlagzeuger Lionel Friedli umkreist die Pianistin, die auch ein Harmonium und ein Spielzeugklavier verwendet, die Schnittmenge zwischen Tom Waits und Avantgarde-Jazz.
Franz Koglmann, «Lo-lee-ta», Col Legno
Der Wiener Eierkopf-Jazzer Franz Koglmann lässt sich immer wieder von Literatur inspirieren. Sein neues Album trägt den Untertitel «Music on Nabokov». Ohne Worte fängt der Trompeter mit seinem exquisiten Monoblue Quartet (u.a. mit dem grossartigen britischen Holzbläser Tony Coe) und im Duo mit Wolfgang Mitterer (Piano, Elektronik) nabokovsche Stimmungen ein. Die zeitlose Sophistication des Cool Jazz vermischt sich mit strenger Abstraktion: So wird eine subkutan erotisch aufgeladene Sinnlichkeit erzeugt, die zum Spröden tendiert. Wo andere dem dionysischen Rausch den Vorzug geben, schafft Koglmann Klarheit und lässt doch Raum für Phantasien.
Julian Lage, «Sounding Point», Universal
Als Wunderkind trat er u.a. mit Carlos Santana, Pat Metheny und Gary Burton auf. Im Alter von 21 Jahren legt der Gitarrist Julian Lage nun sein erstes Album unter eigenem Namen vor: ein reifes Debüt. Lage jongliert gekonnt und ungekünstelt mit Elementen aus Jazz, Folk und Klassik - virtuose Rasanz, liebliche Melodik und kammermusikalische Finesse halten sich die Waage. Lage ist solo, im Duo mit Taylor Eigisti (Piano), im Trio mit Chris Thile (Mandoline) und Béla Fleck (Banjo) sowie mit den Mitgliedern seiner mit Sax, Cello, Kontrabass und Perkussion instrumentierten Band zu hören. Die Kompositionen und Konzepte dieses Ausnahmetalents unterscheiden sich in wohltuender Weise vom «courant normal» des aktuellen Jazz.
Geir Lysne Ensemble, «The Grieg Code», Act
Auch auf dem Gebiet des orchestralen Jazz wartet das «Jazzwunderland» Norwegen mit einer Reihe neuartiger Ideen auf - man denke etwa an das Magnetic North Orchestra von Jon Balke oder an die Aufnahme «Acoustic Accident» von Jan Martin Smørdal. Nicht ganz so radikal und mysteriös wie Balke oder Smørdal gebärdet sich Geir Lysne und doch ist seine Musik meilenweit von konventionellem Bigband-Jazz entfernt. Beim neuesten Streich von Lysne handelt es sich um eine tollkühne Dekonstruktion des norwegischen Nationalkomponisten Edward Grieg. Dieser «Grieg Code» ist nicht so leicht zu knacken. Lysne hat einzelne Elemente aus Grieg-Stücken herausgelöst und diese zur Basis eigener Kompositionen genommen: ein gefundenes Fressen für angefressene Musikdetektive.
Tony Malaby, «Paloma Recio», New World Records
In der Jazzimprovisation spielt der Zufall eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das bedeutet allerdings mitnichten, dass alles dem Zufall überlassen ist. Auf seinem neuen Album gelingt Tony Malaby das Kunststück, interessante Zufälle herbeizuführen. Hierzu bedient er sich einer ausgefallenen Methode: Aus der Analyse der Musik des Free-Jazz-Trios Tamarindo hat er knappe, teilweise grafisch notierte Improvisationsvorgaben für sein Quartett entwickelt. Das klingt wie die Vertonung diverser Ausprägungen der abstrakten Malerei (vom meditativen Rothko bis zum wilden Pollock). Der Tenorsaxofonist Malaby und der Gitarrist Ben Monder liefern die Farben, der Bassist Eivind Opsvik und der Schlagzeuger Nasheet Waits sorgen für Konturen.
Branford Marsalis Quartet, «Metamorphosen», Marsalis Music
Seit zehn Jahren bilden der Saxofonist Branford Marsalis, der Pianist Joey Calderazzo, der Bassist Eric Revis und der Schlagzeuger Jeff «Tain» Watts ein Quartett der Superlative (Marsalis und Watts spielen bereits seit über zwei Jahrzenten zusammen). Wenn diese vier furchtlosen Entfesselungskünstler loslegen, bebt die Hütte! Es wäre allerdings falsch, den zeitgenössischen Jazz dieser leidenschaftlichen Gruppe auf den atemberaubenden Superpower-Faktor zu reduzieren, dafür ist er zu facettenreich, zu komplex und manchmal zu romantisch. Das fast alle Stücke auf der «Jubiläums-CD» von Marsalis’ Mitmusikern stammen, zeugt vom kooperativ-demokratischen Geist dieser Ausnahmeband.
Nicolas Masson Parallels, «Thirty Six Ghosts», Clean Feed
Diese Musik vibriert zwischen Melancholie und Euphorie. Sie lässt einen in Abgründe schauen - umso stärker wirken die Momente, wo sie einen ans Licht zieht. Der Genfer Nicolas Masson ist in der Deutschschweiz immer noch ein unbeschriebenes Blatt: Man hofft, dass sich dies ändert, verbindet er doch nicht nur als Tenorsaxofonist, sondern auch als Komponist konzeptionelle Kühnheit mit Intensität. Mit dem Quartett Paralles, zu dem Colin Vallon (Electric-Piano), Patrice Moret (Bass) und Lionel Friedli (Schlagzeug) gehören, bewegt sich Masson magistral zwischen mysteriösen Klangfarben und progressiven Grooves - zuweilen fühlt man sich gleichzeitig an Wayne Shorter und Radiohead erinnert.
Monterey Quartet, Live at the 2007 Monterey Jazz Festival, Universal
Das Jazzfestival im kalifornischen Monterey konnte vor zwei Jahren sein 50-Jahr-Jubiläum feiern. Anstatt sich selbst den Kopf verdrehen zu lassen, liessen die Veranstalter ein eigens für diesen Anlass ins Leben gerufene Quartett auftreten, dass dem Publikum den Kopf verdrehte. Der Bassist Dave Holland, der Pianist Gonzalo Rubalcaba, der Tenorsaxofonist Chris Potter und der Schlagzeuger Eric Harland spulten kein Allerwelts-Programm herunter: Jeder Musiker schrieb zwei Eigenkompositionen für die Gruppe, die sich vier Tage Zeit nahm für Proben. Und so ist der nun endlich vorliegende Konzertmitschnitt kein weiteres überflüssiges Dokument langweiliger All-Star-Routine im Autopilot-Modus. Die vier Ausnahmekönner generieren Hochspannung am Laufmeter: rhythmisch komplex, dynamisch differenziert und stupend virtuos. Mit Jason Moran anstelle von Rubalcaba tourt die Band nun erstamls durch Europa: demnächst in Ihrer Nähe!
Paul Motian, «On Broadway Vol. 5», Winter & Winter
Und ewig lockt der Broadway! Zum fünften Mal präsentiert der vife Schlagzeug-Veteran Paul Motian ein Album, das im Zeichen von Broadway-Songs aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht (im Gegensatz zu den Broadway-Alben 1 bis 4 hat Motian dieses Mal ein eigenes Stück ins Programm geschmuggelt). Für Motian sind diese Stücke, von denen er dieses Mal mehrheitlich solche der unbekannteren Sorte (z.B. «Something I Dreamed Last Night», «A Lovely Way to Spend the Evening» oder «Sue Me») ausgewählt hat, nicht bloss praktische Improvisationsvehikel, sondern besitzen eine emotionale, um nicht zu sagen sentimentale Bedeutung. Mit Ausnahme des Klavier-Mystikers Masabumi Kikuchi hat Motian für seinen jüngsten Streifzug den Broadway rauf und runter lauter junge Musiker um sich geschart: Loren Stillman und Michaël Attias an den Saxofonen sowie Thomas Morgan am Kontrabass. Diese Band stürzt sich nicht kopfüber ins Geschehen, sondern kreist spiralenförmig (in gemütlichen Swing-Tempi bzw. im Rubato) um die Melodien und lässt viel Raum für geheimnisvolle Klangmalerei. Motians Broadway-Serie ist keine soap opera, sondern grosse Kunst ohne Gekünstel.
Müller-Kramis-Baschnagel, «Long Lines», TCB
Und wieder ein wunderbares Piano-Trio aus der Schweiz mit einem einfallslosen Bandwurmnamen. Der Pianist Gregor Müller, der Bassist Herbert Kramis und der Schlagzeuger Pius Baschnagel spielen auf ihrer neuen CD ausschliesslich Eigenkompositionen - abgesehen von Kramis’ «Zunder» (nomen est omen) dominiert dabei ein sehnsuchtsvoller Ton. Das beseelte Spiel Müllers wirkt wie eine Schnittmenge aus virtuoser Emphase à la Jarrett und der zugleich kontrollierten und romantischen Schwelgerei wie sie der Italiener Enrico Pieranunzi so packend beherrscht. Kramis und Baschnagel (re)agieren hellwach: statt bloss zu begleiten, prägen sie das musikalische Geschehen mal mit subtilen, mal mit provokativen Akzenten, wobei sie sich stets von ihrer Intuition leiten lassen.
Max Nagl, «Boulazac», Rude Noises
Der Wiener Max Nagl ist ein kühner Musik-Bastler, der die Stile durcheinander purzeln lässt. Nagl mixt das Elitäre mit dem Populären und schreckt auch nicht vor dem Vulgären zurück. Auf seiner neuen CD präsentiert der mal muntere, mal melancholische Altsaxofonist ein Trio mit Clemens Wagner an den Keyboards und Herbert Pirker am Schlagzeug. Diese postmoderne Gruppe hat unter anderem fette Grooves, exotische Melodien, Tanzorchester-Schmus und bizarre Sounds im Angebot. Wäre John Zorn kein SM-New-Yorker, sondern ein Wiener mit abgründigem Humor, würde seine Musik wohl so ählich klingen: eingängig und doppelbödig, zornig und humorvoll.
Ted Nash, «The Mancini Project», Palmetto
Der legendäre Soundtrack-Komponist Henry Mancini liebäugelte heftig mit dem Jazz. Es kann also nicht verwundern, dass es immer wieder Jazzer gibt, die sich Stücke des fleissigen Filmvertoners vorknöpfen. Dass der exzellente Tenorsaxofonist Ted Nash nun ein Mancini-Album vorlegt, hat auch familiäre Gründe: Sein Vater und ein Onkel waren Studiomusiker in Hollywood, wo sich ihre Wege oft mit denjenigen von Maestro Mancini kreuzten. Mit einer 1A-Band, zu der der unprätentiöse Pianist Frank Kimbrough, der agile Bass-Veteran Rufus Reid und der wirblige Schlagzeuger Matt Wilson gehören, macht Nash aus mehr oder weniger bekannten Mancini-Themen ein pures, swingendes Jazzvergnügen auf hohem Inspirationsniveau.
Makaya Ntshoko, «Makaya & the Tsotsis», Enja
Welch schöner Zufall! Zeitgleich erscheinen zwei Aufnahmen mit dem südafrikanischen Schlagzeuger Makaya Ntshoko, die im Abstand eines Vierteljahrhunderts entstanden. Auf der einen Seite eine neue CD, die der Zürcher Altsaxofonist Omri Ziegele mit seinem Where’s Africa Trio, das durch die Pianistin Irène Schweizer vervollständigt wird, eingespielt hat («Can Walk On Sand» auf Intakt). Auf der anderen Seite die Re-Edition des Albums «Makaya & the Tsotsis» (inklusive drei bisher unveröffentlichte Stücke). Die Musik, die Ntshoko 1974 mit dem Saxofonisten Heinz Sauer, dem Pianisten Bob Degen und dem Bassisten Isla Eckinger aufnahm, kann als Replik auf den damals grassierenden teutonischen «Kaputtspieljazz» à la Brötzmann & Co. verstanden werden. Sie ist ebenfalls über weite Strecken frei improvisiert (5 von 8 Stücken) und hat durchaus aufmüpfigen Charakter, aber statt Angst und Schrecken zu verbreiten, wühlt sie die Seele auf: Katharsis statt Nihilismus.
Gary Peacock / Marc Copland, «Insight», Pirouet
Sublimer Klangzauber, mysteriöse Abstraktionen und melodiöse Grazie prägen die vielschichtigen, über weite Strecken geradezu telepathischen Dialoge, in die sich Gary Peacock (Kontrabass) und Marc Copland (Piano) mit einer Mischung aus hellwacher Präzision und traumwandlerischer Beiläufigkeit verstricken. Würde dieses magische Album anderthalb Minuten länger dauern, könnte man von einer echten Sternstunde sprechen. Neben zwei Standards und zwei Stücken vom Kultalbum «Kind of Blue» besteht das Programm zu einem grossen Teil aus «Instant Compositions», für die Peacock und Copland gemeinsam verantwortlich zeichnen. Höhepunkt ist allerdings die in ihrer melancholischen Zartheit an Schubert gemahende Interpretation des Schmachtfetzens «Cavatina», bei dem es sich um die Titelmelodie des Films «The Deer Hunter» handelt.
Pieranunzi / Johnson / Baron, «Dream Dance», CamJazz
War es bloss ein glücklicher Zufall oder doch eher ein Wink des Schicksals? Vor 25 Jahren sprang Enrico Pieranunzi kurzfristig für Kenny Drew ein: So kam es zu einem folgenreichen Zusammentreffen des italienischen Pianoforte-Maestros mit den US-Jazz-Koryphäen Marc Johnson (Bass) und Joey Baron (Schlagzeug). Seither hat dieses Triumvirat, das Pieranunzi als «Trio meines Herzens» bezeichnet, eine Reihe wunderbarer Alben eingespielt, darunter zwei Hommagen an Ennio Morricone. Und nun beschenkt uns das Trio mit einer CD, auf der ausschliesslich Kompositionen aus der Feder Pieranunzis zu hören sind, neun an der Zahl. Wer Pieranunzi vor allem als Komponist neo-romantischer Balladen kennt, wird von diesem Album überrascht sein, gibt es doch auch fast freie Stücke, mysteriöse Miniaturen und Nummern, die sich zu orchestraler Pracht aufschaukeln, zu hören.
Enrico Rava, «New York Days», ECM
Wenn die Nacht hereinbricht, kommen Vampire und Jazzmusiker auf Touren. Dass ein Stück des italienischen Jazztrompeters Enrico Rava den Titel «Count Dracula» trägt, sollte uns also nicht verwundern (wenn man Rava spielen hört, beschleicht einen zuweilen das Gefühl, er habe bei Miles Davis und Chet Baker Blut abgezapft). «Count Dracula» ist eine von neun Rava-Nummern auf der neuen, lyrisch-melancholischen CD des Trompeters. Letzten Februar flogen Rava und der Pianist Stefano Bollani nach New York, wo sie auf Paul Motian (Schlagzeug), Larry Grenadier (Bass) und Mark Turner (Tenorsax) trafen. Dieses transatlantische Dream-Team beweist seine telepathischen Fähigkeiten auch in zwei freien Improvisationen.
Max Roach & Archie Shepp, «The Long March», hatOLOGY 2-640
Unter der Ägide der Kraftwurzel Niklaus Troxler gaben sich unzählige Vertreter der Jazz-Avantgarde in Willisau die Klinke in die Hand. 35 Mal organisierte der Grafiker ein international beachtetes Festival, dessen Leitung er nun seinem Neffen übergibt. Besonders hell strahlte der Stern von Willisau in den Anfangsjahren, die von Aufbruchsstimmung und einem Hauch Rebellionsgeist geprägt waren. Ein grossartiges Zeugnis dieser Zeit liegt nun in 4. Auflage vor. Der Duo-Auftritt des 2007 verstorbenen Schlagzeugers Max Roach mit dem Tenorsaxofonisten Archie Shepp packt einen nach wie vor. In dreissig Jahren hat diese mal rabaukenhaft-aggressive, mal sensibel-zerbrechliche Musik nichts von ihrer Brisanz eingebüsst: eine Sternanderthalbstunde!
John Scofield, «Piety Street», Emarcy / Universal
Sein Sound und seine Phrasierung sind so speziell, dass man den Gitarristen John Scofield nach ein paar wenigen Tönen erkennt - egal, ob er eine halsbrecherisch schnelle Bop-Nummer oder einen langsamen, archaischen Blues spielt. Um seine neue CD einzuspielen, unternahm Scofield eine Art Wallfahrt in das schwer gebeutelte New Orleans. Dort nahm er mit einer handverlesenen Roots-Music-Crew eine Reihe alter Gospel-Songs auf, die Gesangspart werden von John Boutté und Jon Cleary mit Gusto und Inbrunst gemeistert. Obwohl das Cover von Gebetskerzen, auf denen die Musiker abgebildet sind, geziert wird, tönt die CD mehr nach Party als nach Gottesdienst: Whiskey statt Weihwasser.
Andy Sheppard, «Movements in Colour», ECM
Der britische Saxofonist Andy Sheppard ist ein freundlicher Globetrotter, der in seinem stimmungsvoll-melodiösen Ethno-Jazz nicht zu Konfrontation, sondern zu versöhnlichen Gesten neigt. Für sein neuestes Album hat der langjährige Weggefährte der Bigband-Dompteuse Carla Bley eine britisch-norwegische Band zusammengestellt, die auf hypnotische Weise klangmalerisch-sphärische Abgehobenheit mit pulsierender Rhythmik verbindet. Die Gitarristen John Parricelli und Eivind Aarset schaffen eine traumhafte Sound-Symbiose. Der Kontrabassist Arild Andersen und der Bhangra-Pionier Kuljit Bhamra (Tabla, Perkussion) gestalten die Grooves äusserst geschmeidig.
Matthias Siegrist Logbook, «Depart», Neuklang
Im Jazz tauchen immer wieder bahnbrechende Stilisten auf, die Heerscharen von Musikern als Rollenmodell dienen. So gibt es zum Beispiel seit einigen Jahren mehr und mehr Gitarristen, die Kurt Rosenwinkel nacheifern. Die Aufnahmen Rosenwinkels definieren einen neuen Jazz-Sound, der sich durch eine reichhaltige Harmonik, ungewöhnliche Strukturen und eine breite Palette an Grooves fernab von Swing-Gemütlichkeit auszeichnet. Einer der begabtesten Rosenwinkel-Adepten ist der Schweizer Matthias Siegrist. Er ist nicht nur ein enorm agiler Gitarrist, sondern auch ein einfallsreicher Komponist. Mit seinem Quartett Logbook spielt er eine Musik, die zwischen Romantik (rote Rosen) und Abstraktion (verwinkelte Winkel) oszilliert.
Ed Simon, «Poesia», CamJazz
Man mag es bedauern, aber zu ändern ist es nicht: Im Zeitaler des «iPodismus» gibt es immer weniger Menschen, die sich die Zeit nehmen, ein Album von A bis Z anzuhören. Ein Album wird nicht mehr als Gesamtkunstwerk wahrgenommen, sondern als mehr oder weniger beliebige Auswahl an Tracks. Im Falle der neuen Trio-CD des aus Venezuela nach New York dislozierten Pianisten Edward Simon entpuppt sich diese Form von iPod-Sprunghaftigkeit allerdings als Vorteil. Alles in allem ist die Spannungs-Amplitude dieser Aufnahme zu flach geraten. Lenkt man jedoch den Fokus auf einzelne Tracks, hört sich die Sache ganz anders an. Plötzlich entdeckt man unzählige Subtilitäten im geschmeidigen Zusammenspiel des Pianisten mit dem agilen Bassisten John Patitucci und dem enorm differenziert agierenden Schlagzeuger Brian Blade. Als veritable Volltreffer entpupen sich eine verspielte Version des Coltrane-Hindernislaufes «Giant Steps» und Simons trickreiche Eigenkomposition «Intention».
Tomasz Stanko, «Dark Eyes», ECM
Tomasz Stanko ist kein Bruder Leichtfuss. Der polnische Trompeter lässt sein Instrument nicht nur singen, sondern auch seufzen, stöhnen und ächzen. Stanko hat ein Faible für sehnsuchtsvolle, bittersüsse Zwischentöne. Nach vielen erfolgreichen Jahren mit einem Quartett, für das er ausschliesslich Newcomer aus seiner Heimat verpflichtet hatte, präsentiert Stanko nun ein Quintett mit Musikern aus Finnland und Dänemark, von denen insbesondere der klangmalerische Gitarrist Jakob Bro aufhorchen lässt. Während Stanko, der einen Teil des Jahres in New York verbringt, früher kopfüber in Abgründe abtauchte, festigt er mit dem neuen Album seinen Ruf als Melancholie-Designer der Extraklasse.
Loren Stillman, «Winter Fruits», Pirouet
Ein Stück auf dem neuen Album des gleichermassen expressiven und lyrischen Altsaxofonisten Loren Stillman trägt den Titel «Man of Mystery». Tatsächlich verfügt Stillman über ein ausgeprägtes Faible für mysteriös verschlungene Melodien und geheimnisvoll schillernde Harmonien. Mit dem Gitarristen Nat Radley und dem Hammond-Organisten Gary Versace hat Stillman zwei kongeniale Mitstreiter gefunden: Sie ziehen ebenfalls oftmals das Obskurse dem Offensichtlichen vor. Sozusagen als Kontrapunkt zur Geheimniskrämerei setzt Stillman Grooves ein, die zu einem guten Teil näher beim Rock als beim Jazz angesiedelt sind. Der Schlagzeuger Ted Poor hat einen Heidenspass mit diesen Grooves. Und nun stelle man sich mal vor, der coole Lee Konitz wäre vor vierzig Jahren aus der Haut gefahren und hätte sich dem entfesselten Lifetime-Trio von Tony Williams angeschlossen: Etwa so klingt das neue Opus von Stillman - also ziemlich verrückt.
Stucki / Meili / Pfammatter, «No Answers», Unit
Marc Stucki ist ein symphatischer Querkopf - unverbiestert kämpft er gegen Konventionen an. Der Berner Tenorsaxofonist, der gelegentlich zur Bassklarinette greift, spielt widerborstigen Jazz, der nach eigenen Regeln funktioniert. So hat er zum Beispiel ein 12-Ton-System entwickelt, das es ihm erlaubt, Melodien oder Akkorde auszuwürfeln. Im Jahr 2006 verbrachte Stucki drei Monate in New York; er übte und spielte viel und nahm Unterricht bei Ellery Eskelin und Tim Berne. In dieser Zeit entstand die Mehrzahl der Stücke, die nun auf einer Debüt-CD zu hören sind, die Stucki mit dem Keyboarder Andreas Meili und dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter eingespielt hat. Das Trio bewegt sich gekonnt zwischen komplexen Strukturen und spontaner Klangexploration.
John Surman, «Brewster’s Rooster», ECM
Nach etlichen Crossover-Anstrengungen, als deren gelungenste die Zusammenarbeit mit dem Oud-Magier Anouar Brahem gelten darf, kehrt John Surman endlich wieder einmal zu seinen Wurzeln, die im Modern Jazz liegen, zurück. Mit einer an Abgeklärtheit und Souplesse nur schwer zu übertreffenden New Yorker Entourage - John Abercrombie, Drew Gress, Jack DeJohnette - hat der Brite ein Album eingespielt, auf dem er als Lyriker (v.a. auf dem Sopransax) und als Raubein (v.a. auf dem Baritonsax) brilliert. Auch aus eher simpel gestrickten Vorlagen, von denen unter Surmans neuen Stücken einige zu finden sind, holt dieses hellwach agierende Quartett viel Spannung heraus.
Aki Takase / Rudi Mahall, «Evergreen», Intakt
Es gibt Melodien, von denen man in Jazzkreisen einfach nicht genug bekommen kann: die Standards, die Keith Jarrett als «Stammessprache des Jazz» bezeichnet. Dazu gehören zum einen die Broadway-Hits aus dem «Great American Songbook», zum anderen Jazzklassiker von Ellington & Co. Die muntere Querfeldein-Pianistin Aki Takase und der einzigartige Rudi Mahall, dessen quirlig-turbulentes Bassklarinettenspiel einen zugleich an den visionären Modern-Jazz-Virtuosen Eric Dolphy und das Geschnatter von Donald Duck denken lässt, spielen auf ihrer neuen Duo-CD fast ausschliesslich solche Ohrwürmer. Nota bene: Das fulminante Duo geht mit unbändigem Spielwitz zu Werke und hat ganz schön den Schalk im Nacken.
John Taylor, «Phases», CamJazz
Es gibt zwei famose Jazzpianisten, die Taylor heissen: Cecil (USA) und John (GB). Die beiden unterscheiden sich so deutlich voneinander wie Schwarz und Weiss. Ersterer ist ein «Klavierzertrümmerer», der seine Energie in tumultösen Clustern entlädt, Letzterer hat ein Faible für melancholische Melodien sowie irisierende Harmonien, denen er lange nachhorcht. Die neue Solo-CD von John Taylor, der mit der Sängerin Norma Winstone und dem Trompeter Kenny Wheeler das wegweisende Chamber-Jazz-Ensemble Azimuth bildete, entfaltet eine mal elegisch, mal pastoral-idyllisch gefärbte Stimmung voller Nachdenklichkeit - ein bisschen wild sind nur die zwei hinreissenden Overdub-Kabinettstückchen für Klavier und Celesta.
Robin Verheyen, «Starbound», Pirouet
Auch im Jazz dreht sich das Rad immer schneller. Es ist noch nicht allzu lange her, da wurden Chris Potter und Joshua Redman als neue Sax-Überflieger gefeiert - und nun wirken sie im Vergleich mit Robin Verheyen fast schon wie Veteranen. Dabei ist Verheyen, der 1983 auf die Welt kam und inzwischen in New York gelandet ist, kein Grünschnabel mehr. Der neueste Streich des Belgiers: ein swingendes, stimmungsvolles Album, auf dem er fast nur eigene Stücke spielt. Vom Trio des Pianisten Bill Carrothers auf Touren gebracht, vollbringt Verheyen auf dem Sopransax wahre Kunststücke: Er entlockt dem heiklen Instrument einen unglaublichen Klangfarbenreichtum und balanciert meisterhaft zwischen Kontrolle und Entfesselung.
Vienna Art Orchestra, «Third Dream», Extraplatte
Matthias Rüegg gibt nicht auf! Nach Problemen mit Sponsoren und mit seinem Gehör hat er das vor über 30 Jahren ins Leben gerufene Vienna Art Orchestra (VAO) aufgelöst und neu gegründet. Aus einer Bigband ist kurzerhand ein Kammerorchester (u.a. mit Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und einem Streichquartett) mit einer 4-köpfigen Jazz-Section geworden. Die erste CD dieser Formation ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein angenehmes Hörvergnügen. Anstatt anstrengede E-Musik-Exerzititien mit Jazzgarnitur gibts vielschichtige Soft-Klassik mit Jazzgarnitur zu hören. Rüegg bleibt ein Musik-Chamäleon. An die innovative Frische und freche Unbekümmertheit der paar ersten VAO-Ausgaben kommt die aktuelle Ausgabe nicht heran, gegenüber dem doch ziemlich eindimensionalen «Macho-Power-Gebläse» der letzten Jahre ist die neue Wiener Kunst hingegen fraglos ein Fortschritt: Leisetreter sind eben nicht immer Langweiler.
Miguel Zenon, «Esta Plena», Marsalis Music
Auf seinem neuen Album bringt der Altsaxofonist, Bandleader und Komponist Miguel Zenon zwei Welten zueinander, die er beide bestens kennt. Auf der einen Seite die Plena-Musik seiner Heimat Puerto Rico: eine vitale Strassenmusik, mit der Alltag und Politik kommentiert werden. Auf der anderen Seite der Modern Jazz seiner Wahlheimat New York: eine komplexe Kunstmusik, die Gefahr läuft, sich allzu stark nur um sich selbst zu drehen. Einen Teil dieses zugleich emotional mitreissenden und intellektuell herausfordernden Latin-Jazz-Programms hat Zenon mit seinem Quartett an den diesjährigen Langnau Jazz Nights aufgeführt. Die Perkussionisten Hector «Tito» Matos, Obanilu Allende und Juan Gutierrez, die auf der Hälfte der zehn CD-Tracks zusätzlich mit Gesangseinlagen aufwarten, waren in Langnau leider nicht dabei. Die Präsenz dieses Plena-Trios verleiht der kunstvoll arrangierten Musik nicht nur eine unheimliche Authentizität, sondern auch eine absolut atemberaubende Vitalität.
Zihlmann / Hellmüller, «Homeland», Brambus
Die Paarung von Piano und Gitarre ist eine heikle Sache, ständig besteht die Gefahr unharmonischer Kollisionen oder pleonastischer Doppelspurigkeiten. Peter Zihlmann und Franz Hellmüller kommen sich nicht in die Quere, denn sie halten sich entweder an klar umrissene Arrangements oder dann hören sie sehr genau aufeinander und generieren auf ihren Instrumenten einen atmosphärisch dichten Klangteppich (Letzeres gelingt ihnen besonders schön in der melancholischen Ambient-Nummer «Inis Mhor»). Eine der zehn Eigenkompositionen trägt zwar den Titel «Mit scharf»: Der Grundton des dezent gewürzten und sehr melodiösen Albums ist jedoch eher nachdenklich und beschaulich, Zihlmann und Hellmüller kommen ohne exaltierte Virtuosität und Effekthascherei aus.
